Statistikamt

Jörg Fidorra ist der neue Herr der Zahlen

Jörg Fidorra tritt am Freitag sein Amt als neuer Chef des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg an – und will jede Menge bewegen

Jörg Fidorra

Jörg Fidorra

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Wie viele Menschen übergewichtig sind, wie viele rauchen und wann sie damit begonnen haben, wie viele Menschen mit welchen Diagnosen aus Kliniken entlassen werden – oder wie viele Millionen Eier die Hühner in der Region legen, all das tragen die Mitarbeiter des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg zusammen. Mit welchen Datenmengen sie Jahr für Jahr jonglieren, haben sie bislang nicht erhoben. „Das ist so wie beim fiktiven Fantastilliardär Dagobert Duck“, sagt Jörg Fidorra. „Es sind unglaublich viele.“ Der 58-Jährige ist ab diesem Freitag Herr der Zahlen. Er übernimmt für die nächsten fünf Jahre die Leitung der länderübergreifenden Anstalt des öffentlichen Rechts.

Mit dem neuen Mann tritt keinesfalls ein Zahlenfetischist seinen Dienst an. Fidorra ist das, was man einen Quereinsteiger nennt, und er hat schon eine Menge in seinem Berufsleben bewegt. Auch in seinem neuen Job hat er viel vor. „Ich möchte neue Impulse setzen und das Amt fit machen für die digitale Transformation“, kündigt er im Gespräch mit der Berliner Morgenpost an. Die Informationen sollen künftig noch schneller und noch präziser bereitstehen, Ende 2019 soll bereits ein Großteil aller Statistiken auch geocodiert sein. Also weg von den reinen Tabellen, hin zu einer visuellen Darstellung, wie Fidorra erläutert.

Fachkräftemangel auch beim Statistischen Amt

Auch innerhalb der Behörde soll sich einiges ändern: „Ich plane eine Zukunftswerkstatt, die neue Formate entwickeln soll“, so Fidorra. Er wolle mit den Beschäftigten in eine Experimentierphase gehen. Zudem will er noch mehr ausbilden. Der Fachkräftemangel zeigt sich auch beim Statistischen Amt. Vor allem Informatiker werden ständig gesucht.

Jörg Fidorra hat sein Büro in Potsdam-Babelsberg. Wenn er aus dem Fenster schaut, ist das wie der Blick auf eine große Fotowand mit Bäumen, doch alles ist echt. Ein Wäldchen liegt direkt hinter dem modernen Gebäude. Das passt: Denn der Herr der Zahlen sieht seine Aufgabe darin, zu verhindern, dass sein Amt den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Der Neue sieht sich als Macher und Impulsgeber. Für die Statistiken sind seine Experten zuständig. Das Amt hat den Auftrag, über 250 Bundes- und EU-Statistiken sowie 25 Landesstatistiken aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens – auch für Wahlen und Volksabstimmungen – zu erheben, aufzubereiten und auszuwerten.

Fidorra studierte auch Erziehungswissenschaften

Studiert hat der gebürtige Münsteraner Deutsch, Philosophie und Erziehungswissenschaften mit Psychologie. Trotz des Staatsexamens wurde er dann aber doch kein Lehrer. Stattdessen ließ er sich zum Wirtschaftsinformatiker ausbilden. Danach der Berufsstart: als Organisationsentwickler in einer der größten deutschen Wirtschaftskanzleien in Düsseldorf, anschließend der Wechsel zu einem Versicherungsunternehmen. „Dann hatte ich das Gefühl, das war es noch nicht, ich will noch mehr im Leben“, sagt er. Er kündigte – und ging von Nordrhein-Westfalen nach Berlin. Das war 1995. Kunst habe ihn schon immer interessiert, sagt der Mann, der Jahre später den spannenden Geschichten der Zahlen erliegen sollte, die das Statistische Amt sammelt. Denn, wie er sagt: „Dadurch erfährt man bei uns viel über das Leben.“

Jede Geburt wird registriert, aber auch jeder Totenschein codiert. Die derzeit 430 Beschäftigten arbeiten an drei Standorten: In Potsdam-Babelsberg, Berlin-Friedrichsfelde und in Cottbus. Dazu kommen 200 ehrenamtliche Erhebungsbeauftragte. Sie arbeiten zum Beispiel in den Läden die Preise in ihre Laptops für die monatliche Preisstatistik ein.

Durch einen Kontakt zu einer Berliner Galeristin kam es damals dazu, dass der „Macher“, wie er sich selbst bezeichnet, Ausstellungsprojekte und Kataloge entwickeln konnte. Fidorra lernte den damaligen Direktor der Berlinischen Galerie kennen und holte als Projektleiter die Edward-Kienholz-Retrospektive in den Martin Gropius Bau – aus dem New Yorker Whitney Museum über das Museum of Contemporary Art, Los Angeles. 2014 kam der vielseitig Interessierte dann zum Amt für Statistik – als Stellvertreter des Vorstandes, zuständig für die Abteilung Zentraler Service. Er lebt mit seinem Ehemann im brandenburgischen Brieselang, die beiden betreuen einen syrischen Flüchtling. Der 26-Jährige macht derzeit eine Ausbildung als „Microtechnologe“.

Nun rückt Fidorra an die Spitze. Rudolf Frees geht in den Ruhestand, mehr als vier Jahre lang hatte Frees den Posten kommissarisch inne, nachdem es einst Streit im Besetzungsverfahren gab. Hartmut Bömermann wird ab dem 1. Juni 2018 Stellvertreter von Fidorra. Das neue Team kann gut funktionieren: Der langjährige Leiter der Abteilung Bevölkerung und Soziales gilt im Team als erfahrener und leidenschaftlicher Statistiker.