U1 und U3

Wie man sich in Berlin mit der U-Bahn verfahren kann

Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling erlebte ein Verwirrspiel zwischen der U1 und der U3.

Der U-Bahnhof Wittenbergplatz (Archivbild)

Der U-Bahnhof Wittenbergplatz (Archivbild)

Foto: Joachim Schulz

Berlin. Was ich an Berlin mag: Auch nach 30 Jahren kann man sich unvermittelt an Orten wiederfinden, die man noch nie gesehen hat – und wo man auch nie hin wollte. So ging es mir am U-Bahnhof Augsburger Straße, wo ich neulich morgens aus meiner Zeitungslektüre auftauchte und feststellte: Ich hatte mich verfahren. Und das mit der U-Bahn!

Das muss man erst mal hinkriegen, dachte ich genervt, während ich hinter den anderen Fahrgästen herstapfte, die offenbar denselben Fehler gemacht hatten wie ich. Ohne hinzuschauen, waren wir in einen Zug eingestiegen, den wir für die U1 Richtung Uhlandstraße gehalten hatten. Der aber U3 hieß und zur Krummen Lanke fuhr. Seit Kurzem fahren nämlich U1 und U3 zwischen Warschauer Straße und Wittenbergplatz abwechselnd am selben Bahnsteig.

Damals lernte ich den U-Bahnhof Zoo hassen

Blöd! Zumal das Erlebnis ein Déjà-vu war. Schon in den 1990er-Jahren hat die BVG die westlichen Linienführungen der U1 und U2 getauscht. Damals lernte ich den U-Bahnhof Zoo hassen, weil ich hier regelmäßig merkte, dass ich am Wittenbergplatz das Umsteigen vergessen hatte. Genauso wie auch jetzt wieder. Die Schuld gab ich damals allerdings nur mir selbst. Denn in den 1990ern beschränkte sich die Kommunikation der BVG auf den gebellten Befehl: „Z’ückblei’m!“ Der Rest war Herrschaftswissen. Als echter Berliner wusste man einfach, welche Züge wohin fuhren. Alle anderen waren Wessis, also nicht von hier und egal.

Heute wird man selbst im BVG-Bus fürsorglich darauf hingewiesen, „sich während der Fahrt festzuhalten“. Wenn am vertrauten Bahnsteig plötzlich eine andere U-Bahn fährt, da erwartet man doch eine ausdrückliche Erinnerung, gern auch auf Englisch, oder? Auf jeden Fall mehr als den schmalen Satz im Fahrtrichtungsanzeiger.

U-Bahn-Fahren fühlt sich wieder an wie einst

So geriet ich am Wittenbergplatz zwischen viele verwirrte Fahrgäste. Denn nach Warschauer Straße fahren die Züge von zwei Gleisen. Doch nach Krumme Lanke (U3) und Uhlandstraße (U1) geht es vom selben Gleis los. Allerdings fährt die U1 nur noch im Zehn-Minuten-Takt und mit Kurzzügen, was oft zu viel Gedrängel führt. Die neue U3-Route, so die BVG, soll es Studenten leichter machen, von Friedrichshain nach Dahlem zu kommen. In den
1990ern hätte mich das gefreut. Immerhin: Demnächst sollen am Wittenbergplatz die bisherigen Leuchtkästen durch „dynamische Anzeigen“ ersetzt werden. Bis dahin, so sieht es aus, fühlt sich U-Bahn-Fahren wieder an wie einst: Nur mit Herrschaftswissen kommt man an. Für die anderen – sie heißen heute Touristen – bleibt die legendäre Linie 1 ein Abenteuer mit ungewissem Ziel.