Rechtschreibung

Streit um das Schreiben nach Gehör

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verteidigt die Methode „Schreiben nach Gehör“ als Teil des Unterrichts.

Grundschülerin bei Schreibübungen (Archivbild)

Grundschülerin bei Schreibübungen (Archivbild)

Foto: pa

Berlin. Einfach drauflosschreiben. Wenn Kinder statt Vater „Vatha“ in ihr Heft schreiben oder gerne „varatfahren“ und die Lehrerin oder der Lehrer das nicht sofort korrigiert, stellt sich bei Eltern rasch Unbehagen ein. „Schreiben nach Gehör“ ist eine Lernmethode, die der Schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen in den 80er-Jahren entwickelt hat. Auch in Berlins Klassenzimmern wird sie angewandt – allerdings nicht als eigenständige Methode, wie Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) jetzt klarstellte. Sie reagierte damit auf den wachsenden Druck aus der Elternschaft und der Politik.

In einem sogenannten Fachbrief an die Berliner Grundschullehrer über das „A und O beim Lesen- und Schreibenlernen“, den sie auch verunsicherten Eltern empfiehlt, verteidigt die Bildungssenatorin, dass Kinder von Anfang an mit dem selbstständigen Schreiben von Wörtern und Sätzen experimentieren sollen. Es sei dabei aber wichtig, dass sie von Anfang an auf die Orthografie hingewiesen werden. „Es darf nichts Falsches stehen gelassen werden“, betonte Scheeres. Wie schnell aber korrigiert wird und in welcher Form, bleibe den Lehrerinnen und Lehrern überlassen. Das müsse individuell entschieden werden, je nach Sensibiliät und der Vorkenntnisse des Kindes. Wie weit Berliner Lehrerinnen und Lehrer die Grundschüler in den ersten Schuljahren tatsächlich korrigieren, darüber gibt es keine Erhebungen. So befürchten Eltern, dass sich ihre Kinder die falschen Wörter einprägen.

Dass die Gefahr bestehe, weist Professor Jörg Ramseger, Bildungsforscher an der Freien Universität Berlin, zurück: „Wenn ein Kind aber in der ersten Stufe eigener Schreibversuche in Skelettschreibung „Hnt“ statt „Hund“ schreibt, dann bedeutet das nicht den Untergang des Abendlandes“, so der Professor. Die knapp 50-seitige Broschüre, für die er das Vorwort geschrieben hat, liefere Argumente, warum auch „Schreiben nach Gehör“ keine gefährliche Methode sei, die am besten verboten gehöre, so der Bildungsforscher. „Die Methode ist eine bedeutsame, ja geradezu unverzichtbare Entwicklungsstufe auf dem Weg zu einer alphabetischen und später auch tragfähigen orthografischen Strategie“, schreibt er im Vorwort des Fachbriefs.

CDU und FDP fordern Abschaffung der Methode

Die Opposition fordert hingegen vehement, die Methode nicht mehr anzuwenden. Auch nicht als Teil des Unterrichts. „Schreiben nach Gehör funktioniert schon deshalb nicht, weil nicht alle Lehrer die entsprechende Qualifikation dafür mitbringen“, sagt der FDP-Bildungsexperte Paul Fresdorf. Und da an Berlins Grundschulen viele Quereinsteiger unterrichten, sollte man komplett darauf verzichten, so der Bildungsexperte. Die FDP beantragte daher bereits, sie abzuschaffen, wie es schon Hamburg und Baden-Württemberg getan haben. Dort ist „Schreiben nach Gehör“ verboten, was Bildungsforscher Ramseger als populistisch kritisiert. „Einen Entwicklungsschritt wegzulassen, ist völlig absurd“, sagt er.

Der FDP-Antrag wurde vom Parlament in den Bildungsausschuss verwiesen, er ist dort aber noch nicht debattiert worden. Auch die Berliner CDU hat sich mittlerweile der Forderung angeschlossen. „Wir waren lange der Ansicht, dass man den Lehrern nicht alles vorschreiben darf“, unterstreicht die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, Hildegard Bentele. Die Methode sei aber nicht erfolgreich, vor allem nicht in Berlin, wo der Anteil von Migrantenkindern hoch sei. Jeder dritte Viertklässler schaffe es in Berlin nicht einmal, den Mindeststandard in Rechtschreibung beim Test „IQB-Bildungstrend“ zu erfüllen. Solche Ergebnisse führten bei den Eltern zu einem erheblichen Vertrauensverlust.

Eine Umfrage der CDU bundesweit habe ergeben, dass mehr als die Hälfte der Eltern die Methode „Schreiben nach Gehör“ ablehnt. In dem FDP-Antrag wird auch gefordert, zu prüfen, ob und in welchen Schulen die Lehrmethode angewandt wird. Auch für Professor Ramseger wäre Klarheit wichtig. „Ich würde es begrüßen, wenn eine Expertenkommission bundesweit oder in Berlin dazu eingesetzt wird“, sagte er der Berliner Morgenpost. Die Experten sollen herausfinden, wie viele Lehrer immer noch weitgehend nach der Methode von Jürgen Reichen unterrichten. „Das wäre eine Möglichkeit, die aufgeregte Debatte in den Griff zu bekommen“, meint Bildungsforscher Ramseger.

Der Fachbrief der Senatsverwaltung steht im Internet

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