Berlin

Von der Straße auf die Bühne: Straßenchor singt Oper

| Lesedauer: 8 Minuten
Annette Kuhn
Probe des Straßenchors in der Kurfürstenstraße. Seit fast neun Jahren gibt es den Chor. Jetzt probt er „La Bohème“

Probe des Straßenchors in der Kurfürstenstraße. Seit fast neun Jahren gibt es den Chor. Jetzt probt er „La Bohème“

Foto: David Heerde

Im Berliner Straßenchor treffen sich Menschen vom Rand der Gesellschaft. Dort finden sie Halt. Jetzt singt der Chor „La Bohème“.

Berlin. Draußen hängt ein großes Plakat an einem Bauzaun auf der Kurfürstenstraße. „Wie Architektur zum Meisterwerk wird“ ist darauf zu lesen. Drinnen wird ein anderes Meisterwerk geprobt: „La Bohème“, eine der beliebtesten Opern im Repertoire der Opernhäuser. Doch hier ist kein Opernhaus, hier ist das Gemeindehaus der Zwölf-Apostel-Kirche, ein schlichter Nachkriegsbau inmitten von so vielen Neubauten. Im Erdgeschoss hat gerade die Suppenküche geöffnet. Ein Stockwerk darüber die Chorprobe des Straßenchors Berlin. Wie jeden Donnerstag.

Auch das ist ein Meisterwerk. Dass hier Menschen jeden Donnerstagabend zusammenkommen, denen Regelmäßigkeit sonst fremd ist. Menschen, die man nicht in einem Chor vermuten würde. Menschen, die vielleicht auch schon mal unten in der Suppenküche saßen und nun ein Stockwerk höher singen. Vor neun Jahren wurde der Straßenchor gegründet, ursprünglich haben die Sänger der ersten Stunde auf der Straße gelebt. Heute gehören etwa 30 Sänger zum Chor, alle haben zwar ein Dach über dem Kopf und wenn es nur das Dach eines Freundes ist, aber das Leben kann auch mit Dach viele Hürden und Demütigungen bieten. Das hat hier jeder schon erlebt. Wenn die Chorsänger jetzt im Gemeindesaal in „La Bohème“ Markthändler am Existenzminimum, Trinker oder Clochards spielen, dann erzählen sie auch ein Stück von ihrem eigenen Leben.

Auch die Berliner Morgenpost hat ihren Platz in der Oper

Das wirkt überzeugend und dennoch fasst sich Dirigentin Elda Laro manchmal verzweifelt in die hochgesteckten Haare. Wenn mal wieder ein Einsatz oder Ton nicht passt, wenn der Chor dem Tempo hinterherläuft. Auch Andrew Dickinson, der künstlerische Leiter, hält immer wieder kurz die Luft an, springt von einem Ende des Saals zum anderen, fuchtelt mit den Armen herum. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Premiere. Und es gibt noch viel zu tun.

Aufgeführt wird Giacomo Puccinis „La Bohème“ ab Donnerstag bei Stone Brewing in Mariendorf. Die Craft-Bier-Brauerei auf dem Gelände eines alten Gaswerks wird für ein paar Tage zu einem Pop-up-Opernhaus. Zu sehen ist eine moderne Fassung der beliebten Oper: Die Geschichte ist von Paris nach Berlin verlegt, sogar die Zeitung, die der Poet Rodolfo in der Hand hält, ist hier nicht die „Costituzionali“ wie im Originallibretto, sondern die Berliner Morgenpost.

Die Idee dazu kam dem britischen Tenor Andrew Dickinson bei einem Besuch des Brauerei-Restaurants im vergangenen Sommer. Schon beim ersten Bier dachte er: „Das hier wäre der richtige Ort, um eine Oper zu machen.“ Die Idee kam an und nach wenigen Wochen stand das Konzept. Für Dickinson war dabei von Anfang an klar, dass der Straßenchor dabei sein sollte. „Ich wollte nicht so eine Upperclass-Veranstaltung.“ Und er ist auch in künstlerischer Hinsicht ein Bewunderer des Chores: „Ich finde es cool, dass Leute, die nicht einmal Noten lesen können, richtig komplizierte Stücke aufführen können.“ Carl Orffs „Carmina Burana“ zum Beispiel, mit der der Chor auch schon in der Philharmonie zu hören war.

Singen als Konstante im Leben

Für Regisseur Dickinson verkörpert der Straßenchor ein Stück Berliner Realität. Und die kann hart sein. Das hat zum Beispiel Lilith erfahren. Seit ihrem 16. Lebensjahr hat die große, kräftige Frau auf der Straße gelebt. Familienleben hat sie nie kennengelernt, „von Familie reden wir hier nicht, meine Oma hat mich verkauft, meine Adoptiveltern gekauft“. Sie sei anschaffen gegangen, die Härte dieses Lebens verkleidet sie in dieser altmodischen Bezeichnung. Erst als sie 2005 ins Gefängnis kam, war sie bereit für einen Schnitt. Damals war sie noch ein Mann, der das aber nicht sein wollte. Also ließ er sich operieren und versuchte als Lilith einen Neuanfang. Ein Leben weg von der Straße. Es ist immer noch ein holpriges Leben, aber eines mit Zielen vor Augen. Geholfen hat der heute 43-Jährigen auch der Straßenchor, „ er ist die Konstante in meinem Leben geworden“.

Dabei brauchte es damals, 2009, viel Überredung von Stefan Schmidt, bis sie endlich zu einer Probe kam. „Als ich hörte, dass da das Fernsehen mitmacht, habe ich gedacht. Das ist wieder so eine Show, da wird kurz vor Weihnachten auf die Tränendrüse gedrückt, und dann lässt man uns wieder fallen.“ Aber Chorleiter Schmidt, der damals Wohnungslose am Zoo, am Alexanderplatz, an der Kurfürstenstraße angesprochen hatte, versicherte ihr, dass er das Projekt weiterführe, wenn sich das ZDF, das eine Doku-Serie über den Chor zeigte, wieder zurückgezogen habe.

Der Chor wird für die meisten zur Familie

Das ZDF ist längst nicht mehr dabei, Lilith schon. Sie gehört zu einer Handvoll Sänger der ersten Stunde. Andere kommen nicht mehr, weil sie Arbeit gefunden und keine Zeit mehr haben, manche sind dazugekommen. Und manche sind gestorben. Gotthold im vergangenen Jahr, mit 72 Jahren, nach einem Leben als Alkoholiker. Er war ein Urgestein des Chores, um das hier noch immer alle trauern. Bei der Beerdigung hat der Chor für ihn gesungen. Das schweißt zusammen.

Der Chor ist für die meisten hier zur Familie geworden – auch weil viele sonst keine haben. „Verloren geht hier niemand“, sagt Bernd. Wenn jemand mal nicht kommt, wird nachgehakt, wenn jemand zu spät kommt, wird er ermahnt. Man passt auf sich auf und man weiß viel voneinander. Schließlich wird ja auch nach der Probe immer gemeinsam gegessen. Bernd hat nie auf der Straße gelebt, aber mit ihr, in der Treberhilfe. Der 58-jährige Frührentner hätte auch in einen anderen Chor gehen können, aber er wollte hierher, „die Menschen hier sind mir näher, die Gemeinschaft stärker“.

Dass es den Chor so lange gibt, liegt auch an seinem Leiter

Und die wiederum stärkt jeden einzelnen. „Vorher haben die meisten in ihrem Leben noch nichts länger als zwei Wochen gemacht“, sagt Schmidt. Nun sind sie seit Jahren im Chor. Dass das Projekt so lange hält, hätte der Konzertpianist, der den Chor ehrenamtlich leitet, anfangs wohl auch nicht gedacht. Wie das möglich war? Vielleicht liegt es an seiner Hartnäckigkeit, an Geduld und dem Umgang mit den Menschen: „Ich behandle sie nicht als Obdachlose, sondern als meine Sänger.“ Und da gehen sie über sich hinaus. Vor der Probenarbeit zu „La Bohème“ stöhnten sie: Das schaffen wir nicht: Singen, Spielen, Text auswendig lernen, Italienisch. „Aber sie haben es geschafft“, sagt Schmidt.

Im September 2019 feiert der Chor sein Zehnjähriges und hat große Pläne. Gemeinsam mit dem Chor des Konservatoriums von Lanzarote wird er wieder Orffs „Carmina Burana“ aufführen – auf der kanarischen Insel und in Berlin. Und auch Andrew Dickinson hat schon das nächste Opernprojekt vor Augen. „2019 würde ich gern Falstaff aufführen“ – und überhaupt am liebsten jedes Jahr eine Oper mit dem Straßenchor machen. Aber das ist Zukunftsmusik.

Jetzt wird erst einmal weiter Architektur gemacht. Draußen bekommt die Kurfürstenstraße in rasantem Tempo ein neues Gesicht verpasst, drinnen im Gemeindehaus nimmt die Oper Gestalt an. Und es wird auch jeden Donnerstag ein bisschen an der Architektur des Lebens gearbeitet.

Stone Brewing, Im Marienpark 22, Mariendorf, Vorstellungen am 31. Mai, 1. und 2. Juni jeweils um 19 Uhr, Hörplätze: 49 Euro, inkl. Drei-Gang-Menü ab 79 Euro. Am Sonntag, 3. Juni gibt es eine Familienversion, 9–12 Uhr inkl. Frühstücksbuffet (Oper von 10.30 bis 11.30 Uhr), Karten 12,50 bis 25 Euro. Karten: www.stonebrewing.eu/event, mehr zum Straßenchor gibt es unter www.derstrassenchor.com