Medizintechnik

Digitale Chirurgen im Operationssaal

Die Firma S-Cape arbeitet daran, den Operationssaal zu digitalisieren. Ärzte könnten so in bestimmten Bereichen überflüssig werden.

Björn von Siemens ist Chef der S-Cape GmbH, einem Medizintechnik-Unternehmen aus Berlin

Björn von Siemens ist Chef der S-Cape GmbH, einem Medizintechnik-Unternehmen aus Berlin

Foto: Reto Klar

Björn von Siemens muss nicht lange überlegen, warum er sein Unternehmen in der deutschen Hauptstadt aufgemacht hat: „Es gibt drei Gründe“, sagt er dann. „Die Nähe zu Top-Krankenhäusern, die Verfügbarkeit von Spezialisten und der Standort Berlin, der es uns ermöglicht, diese Leute zu uns zu locken.“

Der Mann mit dem klangvollen Namen hat gemeinsam mit seinem Geschäftspartner vor vier Jahren das Medizintechnik-Unternehmen S-Cape übernommen und nach Berlin umgesiedelt. Ursprünglich stammt die Firma aus dem sächsischen Reichenbach. Der Ingenieur Uwe Seidel hatte das Unternehmen bereits 1990 gegründet. S-Cape hat bis heute auf der ganzen Welt mehr als 6000 Operationssäle in Krankenhäusern digitalisiert. Derzeit arbeiten 85 Mitarbeiter für das Unternehmen. Bis zu 18 Millionen Euro Umsatz peilt der Medizintechniker in diesem Jahr an.

Zehn Millionen Eingriffe mit der Technik aus Berlin

S-Cape mit der Marke caresyntax ist eines von rund 300 Unternehmen in der Medizintechnik-Branche in Berlin und Brandenburg. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten die Firmen einen Umsatz von etwa 1,5 Milliarden Euro. Für die kleinen und mittelständisch geprägten Unternehmen arbeiten in der Region mehr als 13.000 Menschen. Nach Angaben von Experten zählt Berlin-Brandenburg mittlerweile zu den führenden Medizintechnik-Standorten in Europa.

Die erfolgreiche Entwicklung liegt auch an dem Umfeld, das viele Unternehmen hier vorfinden. „Die deutsche Hauptstadtregion weist mit mehr als 130 Krankenhäusern eine außergewöhnlich gute Versorgung aus“, so die Senatsverwaltung für Wirtschaft. Kliniken wie die Charité, aber auch wissenschaftliche Einrichtungen wie das Berliner Institut für Gesundheitsforschung, das Deutsche Herzzentrum oder das Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik machten Berlin-Brandenburg zu einem „idealen Entwicklungsstandort für Medizintechnik“. Forschungsergebnisse ließen sich in der Region deswegen besonders schnell in wettbewerbsfähige Produkte umsetzen.

Die Charité nutzt S-Cape seit Jahren

Auch Björn von Siemens, dessen Vorfahr den heutigen Siemens-Konzern gründete, hat von Anfang an auf die Nähe zu den Berliner Krankenhäusern gesetzt. Zwar gibt es in dem S-Cape-Firmensitz in Tempelhof mittlerweile auch einen nachgebauten Operationssaal.

Doch um zu sehen, wie die Erfindung des Berliner Medizintechnikers genau funktioniert, gehen viele Kunden in die Charité – und treffen dort auf Ärzte, die mit der S-Cape-Technik bereits seit Jahren arbeiten. Von Siemens hat mit seinem Geschäftspartner Dennis Kogan den kompletten Operationssaal digitalisiert. Kernprodukt und gewissermaßen Gedächtnis-Stütze für die behandelnden Mediziner sind ein Bildschirm und eine Steuerkonsole. Über die Technik rufen die Ärzte vor dem Eingriff alle Bilder und Daten zum Patienten auf.

Gleichzeitig vernetzt das S-Cape-System alle Geräte im Operationsraum miteinander und bereitet die Daten übersichtlich auf. Ein Plus für viele Krankenhäuser: Während viele Konkurrenten von S-Cape nur eigene Systeme untereinander vernetzen, ist es den Berlinern gelungen, Geräte verschiedener Hersteller zusammenzufügen. „Unser Vorteil ist, dass wir es den Krankenhäusern erlauben, die besten Systeme zu kaufen“, erklärt Björn von Siemens. Die S-Cape-Anwendung ist deswegen besonders gefragt: Nach der Markteinführung vor vier Jahren sind bis heute mit der Technik aus Berlin gut zehn Millionen Eingriffe auf der ganzen Welt durchgeführt worden, schätzt von Siemens.

Ärzte werden in 30 Jahren vor allem überwachen

Dem Medizintechnik-Unternehmen gehe es vor allem darum, Ärzten die Arbeit zu erleichtern, sagt der Firmenchef. In vielen Operationsräumen werde derzeit noch ein großer Teil der Zeit dafür aufgewandt, die unterschiedlichen Systeme zu managen. „Wir ermöglichen den Medizinern schon jetzt, sich noch stärker auf den Patienten zu konzentrieren“, sagt Björn von Siemens. Er schätzt, dass der Automatisierungsgrad für die Operateure in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird.

Im Vergleich zu anderen Branchen steckten die Mediziner dabei noch in den Kinderschuhen, so von Siemens. Ein Pilot etwa habe auch hunderte Menschenleben in der Hand. Im Cockpit gebe es aber Systeme, die dem Piloten Entscheidungen abnähmen oder den Flugzeugführer soweit unterstützten, dass die Fehlerwahrscheinlichkeit extrem sinke, sagt der Unternehmer. Eine ähnliche Entwicklung prophezeit er auch für die Medizin-Branche: „In 30 bis 40 Jahren wird ein Operationssaal hauptsächlich robotisch sein. Viele Prozessschritte werden automatisch oder sehr stark geleitet ausgeführt werden“, sagt von Siemens. Ärzte würden vor allem überwachen.

Neue Aufträge in China und Japan

Krankenhäusern könnte die neue Technik möglicherweise teure Folgekosten nach Operations-Fehlern ersparen. Ein S-Cape-System, das wie die Blackbox eines Flugzeugs funktioniert, weist ­Ärzte-Teams bereits heute darauf hin, wenn während eines Eingriffs bestimmte Patienten-Parameter außerhalb der Norm liegen.

Der Unternehmer sieht die Digitalisierung der Medizin als langfristiges Projekt: „Die Branche ist sehr langsam und will zu Recht neue Sachen zunächst ausprobieren“, sagt von Siemens. Doch wenn sich die Mediziner festlegen, tun sie das meist aus voller Überzeugung: Erst in diesem Monat zurrte Björn von Siemens neue Aufträge aus China und Japan fest. Das künftige Asien-Geschäft dürfte dem Medizintechniker aus Berlin innerhalb von zwei Jahren rund zehn Millionen Euro einbringen.