Serie Kita-Not

Zwei Tage als Erzieherin in Berlin – ein Selbstversuch

Erziehermangel ist ein großes Problem in der Stadt. Warum? Wir haben uns den Beruf genau angeschaut.

Immer was los, immer was zu tun - Susanne Leinemann im Garten der Kita "Grüner Weg" in Britz

Immer was los, immer was zu tun - Susanne Leinemann im Garten der Kita "Grüner Weg" in Britz

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Plötzlich Stille, wunderbare Stille. Sie scheint fast greifbar im Raum. Es ist mein zweiter Tag als Aushilfserzieherin in der Kita „Grüner Weg“ in Britz. Ich habe diesen Morgen schon Kindernasen geputzt, die Macarena getanzt, Kinderschuhe angezogen, Kinderschuhe ausgezogen, einen Fahrradhelm bewundert, bunte Pflaster auf Kinderfingern fachmännisch begutachtet. Es gab Mittag­essen, Eierkuchen mit Apfelmus und danach – an diesem heißen Tag – Wassereis, diese Plastikschläuche, an denen man sehr lange nuckeln kann.

Natürlich möchten anfangs alle Cola, danach ging die Vorliebe nach Farben – Rosa, Weiß, Orange, letzte Wahl Grün. Nun will man raus in den Garten, auf die großen Freiflächen rund um die Kita. Die 25 Kita-Kinder der oberen Etage stehen schon wartend vor dem Ausgang, den Rucksack mit der Brotbox für die Vesper geschultert. Ich gehe zurück in den Gruppenraum, und da ist sie auf einmal – diese Stille.

Auch schön, denke ich. Und mir wird bewusst, ich bin bald wieder weg, aber Erzieherinnen und Erzieher, die haben jeden Tag Tohuwabohu, sind immer im Mittelpunkt, wie die Animateure in einem Ferienklub. Sie gestalten den Tag, sie ermuntern, trösten. Sie zeigen neue Welten, geben den Kinder etwas an die Hand, das sich zu entdecken lohnt. Sie schlichten Kinderkräche, trocknen Tränen, erziehen, machen Mut.

Christien, die diese Gruppe zusammen mit Esther leitet, hat mir erzählt, wie sehr das eigene Wohlbefinden in diesen Beruf hineinwirkt. Es gibt Tage, da ist man gut drauf. Es gibt Tage, da ist man dünnhäutig. „Die Kinder merken das sofort“, sagt sie. Dies ist kein Job, in dem man sich zurückziehen, irgendwo hinterm Schreibtisch vergraben kann. Er ist fordernd, fast immer. Aber, das merke ich genauso schnell, man kriegt von den Kindern auch viel zurück. „Sie lernen von mir“, bringt es Christien auf den Punkt. „Aber ich auch von ihnen.“

Die Kita „Grüner Weg“ liegt ein wenig versteckt in einer 50er-Jahre-Siedlung im Südosten Berlins. Die Mieten sind hier noch bezahlbar. Überquert man die Straße, finden sich viele Einfamilienhäuser. Dies ist die grüne Ecke Neuköllns. 80 Kinder gehen in die Kita, davon sind 25 Krippenkinder. Typisch für den Bezirk, kommen hier viele Kulturen, Religionen, Nationen zusammen. Man merkt es schon an den Namen der Kinder: Sophie, Yasir, Mary, Emir, Enno, Leon-Fabian und Anis.

"Die Kinder lernen von mir. Aber ich lerne jeden Tag auch von ihnen"

„Bist du die Neue?“, fragt mich Emma neugierig, als ich reinkomme. Emma gehört zu den Ältesten, sie kommt nach dem Sommer in die Schule. Ihren Namen wie den der anderen Kinder haben wir auf Wunsch der Eltern geändert. In der unteren Gruppe – heute sind hier 21 Kinder zur Kita gekommen – hat sie den Laden ganz gut im Griff. Nichts passiert hier, ohne dass Emma es bemerkt und kommentiert. Sie ist auf jeden Fall schulreif, reif für die Welt da draußen.

Denn die Kita-Welt ist eine kleine, überschaubare. Kleine Tische, kleine Stühle, niedrige Waschbecken, zwergenhohe Klos. Und doch ist sie für die Kinder eine Herausforderung – so viele andere Kinder, viel Programm, so viele Aufreger. Im Morgenkreis sitzen die Freunde Benni und Philipp nebeneinander. Benni versucht immer wieder, seinen Finger in Philipps Ohr zu stecken, nicht tief, nur ein bisschen, um ihn zu piesacken. Der will das naturgemäß nicht. „Nicht in mein Ohr“, motzt er. „Ich steck den Finger nicht in dein Ohr“, sagt Benni daraufhin, „sondern in dein Auge.“ Wo er recht hat, hat er recht – Philipp hat sich gerade zu ihm hingedreht und schaut nun direkt auf den Finger. Beide Jungs lachen sich kaputt. Ich versuche, beruhigend einzugreifen. Gelingt mir so – naja.

Die echten Erzieherinnen sind viel erfahrener. Sie holen die Kinder immer wieder zurück, fangen ihre Aufmerksamkeit ein. Wichtig sind Routinen und Wiederholungen – singen, tanzen, Morgenkreis. Genauso wichtig ist es, ihnen Aufgaben zu geben, ihnen etwas zuzutrauen.

In der unteren Gruppe soll am nächsten Tag Puppen- und Teddy-Geburtstag gefeiert werden – jeder bringt seinen liebsten Begleiter mit. „Schick angezogen“, ermahnt Margit, mit 63 Jahren die älteste Erzieherin im Haus. Inzwischen betreut sie die Kinder von Kindern, die hier vor Jahrzehnten zur Kita gingen. Bei einem Geburtstag dürfen Geburtstagskuchen nicht fehlen, und natürlich rühren die Kinder selbst den Teig an. Margit lässt sie machen, greift manchmal ein. Und die Kinder helfen sich gegenseitig. So eine Kita-Gruppe ist ein kleiner sozialer Kosmos.

Finn, Leyla und ich kümmern uns ums Abwiegen. Mehl, Zucker. Die Waage macht die Kinder neugierig – wie stelle ich die Skala anfangs ein, wie viel wiegt das Porzellangefäß, wann müssen wir mit dem Zucker haltmachen? „Könnt ihr die Zahl lesen?“, frage ich, wir sind jetzt bei 90 Gramm. „Eine Sechs“, sagt Finn. „Genau, eine Sechs auf dem Kopf ist eine Neun.“ Wir fangen jetzt an, allerlei zu wiegen. Noch eine Schüssel, eine Playmobilfigur, die Wasserflasche der Erzieherin Yvonne. Die Begeisterung ist groß. Doch stellen wir später fest, wir haben die englische Maßeinheit genommen. An den Küchlein wird man das merken, sie geraten ein wenig trocken. Die Kinder essen die Cupcakes trotzdem. Aber, hey, wiegen können wir jetzt prima.

Yvonne ist übrigens eine von zwei Quereinsteigerinnen in der Kita. 39 Jahre ist sie alt, hat BWL studiert, zuletzt in Schulen als Berufsberaterin gearbeitet. Ihr Tag ist lang, denn neben der Arbeit in der Kita geht die Mutter zweier Kinder donnerstags ab Mittag wieder zur Schule, um ihre Erzieherinnenausbildung berufsbegleitend zu machen. Für ihre Kolleginnen heißt das, einen Tag in der Woche ohne sie auskommen zu müssen. Aber Kita-Leiterin Viola Balz-Linke macht schnell klar, dass man diesen Preis gerne zahlt. „Erzieher sind Goldstaub“, sagt sie. Und Yvonne ist schon jetzt eine tragende Kraft im Haus, leitet eine der Vorschulgruppen. „Mit welchem Laut fängt der Igel an?“, fragt Yvonne in die Runde. Es folgen A-gel, U-gel, E-gel und endlich das „I“ für Igel.

Der Anspruch an Kitas ist hoch, die Erzieherinnen merken das. Sie müssen eine Menge dokumentieren, mit den Kindern Sprachlerntagebücher führen und Entwicklungsgespräche mit den Eltern. Sollte die Kita mal eine Kinderverwahranstalt gewesen sein, diese Zeit ist längst vorbei. Hier soll gefördert werden. Auch wenn die Zeit dafür manchmal wirklich knapp ist. Die Sprachlerntagebücher stehen sogar schon in der Krippe.

Dort kommt Henry vorbeigeschlendert, er ist bald drei und lernt begeistert neue Wörter. Im Moment ist er ein Fan des Wortes „Straßenbahn“. Deutsch spricht er nur in der Kita, zu Hause redet man Französisch und eine afrikanische Stammessprache. Also Straßenbahn! Das sagt er mir mehrmals entzückt, während sich Toya in meinen Arm geschmiegt hat. Sie gehört zu den Kleinsten, für sie ist die Kita-Welt am größten.

Erstaunlich, wie viel schon die Krippenkinder alleine können, sie räumen sogar selbst ab. Klar geht mal ein Teller zu Bruch. Dann fegen die Krippen-Erzieherinnen Bianca und Janina die Scherben auf. Kein Drama, nur so lernt man.

Als ich nach zwei Tagen gehe, kommt mir Finn hinterher. „Kommst du morgen wieder?“ In welchem anderen Beruf kriegt man so viel zurück?

Mehr zum Thema:

Morgenpost-Leserforum: „Kita-Krise – und kein Ende?“

Die Not ist groß: 3000 Kita-Plätze fehlen in Berlin

Neue Klagen auf Kita-Plätze in Berlin