Buch und offener Brief

Was es bedeutet, mit einem Polizisten verheiratet zu sein

Die Berlinerin Sabrina R. hat einen offenen Brief und ein Buch über ihre Ehe mit einem Polizisten geschrieben.

Einsätze von Polizisten, wie hier an der Rigaer Straße, richten sich nicht nach dem Dienstplan

Einsätze von Polizisten, wie hier an der Rigaer Straße, richten sich nicht nach dem Dienstplan

Foto: dpa Picture-Alliance / Maurizio Gambarini / picture alliance / Maurizio Gamb

Berlin. Mit einem offenen Brief an den ehemaligen Berliner Polizeipräsidenten Klaus Kandt hat Sabrina R., Ehefrau eines Berliner Polizisten, im Jahr 2016 deutschlandweit für Schlagzeilen gesorgt. Darin kritisierte sie die katastrophalen Arbeitsbedingungen bei der Berliner Behörde. Nun hat sie ein Buch geschrieben. Im Interview mit der Berliner Morgenpost erklärt Sabrina R., die anonym bleiben will, was es bedeutet, mit einem Polizisten zusammen zu sein.

Im Buch beschrieben Sie den Stolz, den Sie gespürt haben, als Ihr Mann vereidigt wurde. Würden Sie ihm heute immer noch raten, den Beruf des Polizisten zu ergreifen?

Sabrina R.: Ja, würde ich. Zum einen merke ich immer noch, dass das sein Herzenswunsch ist. Es ist immer noch der Beruf, den er machen will. Er würde sich auch jedes Mal wieder dafür entscheiden. Auch wenn die Umstände natürlich zum Teil bitter sind, ist er einfach zufrieden damit und kann seinen Traumjob leben. Alles andere läuft ja irgendwie. Er wäre auch nicht für einen normalen Bürojob gemacht.

Sie haben einen Brief an den damaligen Polizeipräsidenten Klaus Kandt geschrieben. Nun ist daraus ein Buch entstanden. Hat sie die große Resonanz überrascht?

Mich hat überrascht, dass das Thema auch überregional auf so ein Interesse gestoßen ist. Ich hatte den Brief ja offen angelegt. Hätte ich das nur Herrn Kandt geschickt, hätte ich einen Antwortbrief bekommen und dann wäre das in einer Schublade verschwunden. Die Öffentlichkeit wollte ich aber schon haben, weil es vielleicht noch mehr Angehörige gibt, die Ähnliches empfinden. Dass das allerdings so einschlug, hat mich überrascht.

Klaus Kandt hatte sie damals zwei Wochen nach der Veröffentlichung des Briefes eingeladen. Wie war das Gespräch?

Das Gespräch war in Ordnung. Aber er kam in Begleitung und hat sehr politisch reagiert. Ich hatte das Gefühl, nicht immer eine persönliche und ehrliche Antwort zu bekommen. Er hat meist immer abgewogen, was er sagen kann und was nicht. Es war keine konstruktive Diskussion unter vier Augen, wie ich es mir gewünscht hatte.

Wie hat Ihr Mann eigentlich reagiert, als Sie den offenen Brief geschrieben haben, in dem Sie sich über die Arbeitsbedingungen beschweren?

"Wir führen quasi eine Fernebeziehung"

Er wurde von mir ein bisschen ins kalte Wasser geschmissen. Er hat von mir davon erfahren, als ich den Brief bereits abgeschickt hatte. Ich sagte: „Ich habe deinem Chef einen Brief geschrieben“ und er meinte: „Nicht dein Ernst. Was passiert jetzt? Du ruinierst meine Karrierechancen.“ Mein persönlicher Grund war, dass immer alle meckern und sich beschweren, aber selten etwas tun. Auch als Beamter hat man Möglichkeiten, sich zusammenzuschließen und etwas zu machen. Die Feuerwehrleute haben es mit „Berlin brennt“ gerade vorgemacht. Das Buch war ja noch einmal eine ganz andere private Ebene. Da habe ich ja noch viel mehr Möglichkeiten, in die Tiefe zu gehen. Ich habe meinem Mann auch Zeit gegeben. Er war erst dagegen. Wir haben das letztendlich aber gemeinsam entschieden, das zu machen. Am Ende hat er auch eine Träne verdrückt.

Sie beschreiben in dem Buch sehr persönliche Momente. Wenn Sie sich zum Beispiel rechtfertigen müssen, dass Sie und ihr Mann sich nicht in Erziehungsfragen ihres Sohnes nicht immer abgesprochen haben. Was aber daran liegt, dass Sie wegen des Dienstplanes Ihres Mannes sich oft nur kurz sehen. Passiert das immer noch?

Ja, täglich. Man vergisst sich Dinge zu sagen, weil man sich einfach nicht sieht.

Worauf müssen Sie in Ihrer Beziehung am meisten verzichten?

Man vermisst unglaublich viel. Man führt quasi eine Fernbeziehung. Man muss als Partner ganz viel bei seinen eigenen Bedürfnissen zurückstecken. Das ist das Härteste. Man verzichtet ja auch auf ein gemeinsames Familienleben. Der Verzicht fängt aber vor allem bei den eigenen Bedürfnissen an.

Vor allem Sie müssen zurückstecken?

Ja, denn ich bin die, die alles abfängt, wenn man sich für gemeinsame Kinder entscheidet. Ich muss den Alltag wuppen und das Familienleben organisieren. Ich gestalte meinen Alltag wie eine Alleinerziehende. Alles, was wir planen und machen, muss ich so organisieren, dass ich es allein hinbekomme. Wenn mein Mann doch kann und dabei ist, dann ist das ein Obolus.

Es gibt auch andere Menschen, die im Schichtdienst arbeiten und aufgehört haben, ihre Überstunden zu zählen. Krankenschwestern zum Beispiel. Was ist bei Polizisten anders?

Da kommt die Gefahrenlage dazu, die ja noch mal eine andere ist, und die ständig mitschwingende Möglichkeit, dass etwas passiert. Das Nächste ist die persönliche Ebene, dass man immer wieder auch verbal angegriffen wird. Damit muss man umgehen lernen. Das hört auch nicht auf, wenn man die Uniform auszieht. Das ist nicht nur ein Beruf, sondern auch eine Einstellung und Lebensaufgabe.

Welche Einsätze Ihres Mannes sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Das kann ich gar nicht so sagen. Es ist der Alltag. Mein Mann kann zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt gerufen werden, und plötzlich steht der Täter mit dem Messer hinter der Tür. Bei einem Einsatz ging es beispielsweise um einen betrunkenen Zechpreller. Der Einsatz endete damit, dass der sich gewehrt hat und er sich mit meinem Mann auf der dreispurigen Straße mitten in der Nacht rollte, die schlecht beleuchtet war. Ein Lkw fuhr ganz knapp an ihnen vorbei. Das hätte ganz leicht anders ausgehen können. Mein Mann sah danach auch aus wie ein Teller bunte Knete. Es sind aber auch diese Alltagssachen. Eine Verstauchung zählt man ja schon gar nicht mehr.

Wissen die Kinder, was ihr Vater für einen Beruf hat?

Ja. Mein Sohn hat beispielsweise sehr früh verstanden, dass es ein anderes Böse gibt, als das, wenn wir auf dem Hof „Räuber und Gendarm“ spielen. Wenn der Papa verletzt nach Hause kommt, ist das ja auch ganz nah, dass es da eine andere Gefahr gibt. Oder er bekommt ja auch mit, dass wir uns auch mal über die Arbeit unterhalten. Wir wollen da transparent sein und nichts vorspielen. Es ist aber schwer, da die Waage zu halten und die Kinder nicht zu verunsichern. Das muss ich jeden Tag neu austarieren und ich muss bei jedem Thema neu entscheiden, wie ich damit umgehe. Ich spreche meistens mit meinem Mann alleine darüber, bevor wir mit den Kindern sprechen.

Wie sieht Ihre Wochenplanung ganz konkret aus?

Grundsätzlich kann ich schon mal keine Wochenplanung machen. Das Dienstzeitmodell hat kurze Wechsel. Mein Mann startet mit einer Frühschicht, am nächsten Tag hat er die Spätschicht und am Tag darauf die Nachtschicht. Und wenn er am vierten Tag aus der Nachtschicht kommt, geht er am fünften Tag wieder in die Frühschicht. Und das ist auch das, was ich besonders ankreide und auch besonders kritisch sehe. Die ständigen Wechsel sind zermürbend. Es gibt praktisch keine Woche, in der mein Mann beispielsweise nur Frühschicht hat. Ich muss also gar nicht normal planen. Ich muss, wenn wir was vorhaben, immer gucken, was er für eine Schicht hat.

Sie kennen Ihren Mann schon sehr lange. Dann kommt der neue Beruf Polizist. Hat das Ihre Ehe belastet?

Ja, keine Frage. Das ist ein stetiger Prozess, daran zu arbeiten. Das kennt aber jeder, der Kinder hat. Man muss an der Paarebene arbeiten, dass wir nicht nur Eltern sind, sondern auch ein Paar. Das ist bei uns noch mal besonders schwierig, weil wir wenig Zeit haben. Und die wenige Zeit, die wir haben, will man vorrangig mit den Kindern verbringen – vor allem wenn sie noch klein sind. Das ist schwierig für die Ehe. Es ist vor allem schwierig, immer für den Partner zu verzichten und dabei nicht in so eine Vorwurfsebene zu kommen. Dass man da nicht in so eine Spirale gerät, mussten wir auch erst lernen. Das haben wir durchlaufen – mit dem Ergebnis, dass wir uns fast getrennt hätten. Man muss immer wieder miteinander arbeiten und auch offen reden.

"Dein Mann ist Polizist, der kann doch da was machen"

Häufig ist vom fehlenden Respekt gegenüber Rettungskräften die Rede. Die Statistik sagt etwas anderes. Kein Beruf ist so geachtet wie der des Polizisten. Woher kommt diese Wahrnehmung?

Ich erlebe diesen Widerspruch sogar selber. Wenn ich mal erzähle, dass mein Mann Polizist ist, gibt es immer Reaktionen.

Was sind das für Reaktionen?

Oft sind es positive Reaktionen. Oft wird aber auch die Augenbraue kritisch hochgezogen. Ich habe auch schon erlebt, dass man gar nicht mehr gegrüßt wird. Andere machen einen blöden Spruch. Ich habe gelernt, viel mit Humor zu nehmen, wenn du zum wiederholten Mal hörst: „Dein Mann ist doch Polizist, der kann doch da was machen.“ Eine Szene, die ich auch im Buch beschriebe, spielte sich am Sandkasten ab, wenn andere Mütter sagen: „Ärgere den Jungen nicht. Der Papa ist Polizist“. Das ist so nicht mehr lustig, so etwas über den Spielplatz zu rufen. Fest steht aber auch, dass die Polizei immer dort ist, wo die Leute sich nicht freuen, dass die Polizei da ist. Da ist die Wahrnehmung natürlich einseitig. Kreise, die die Polizei schätzen, brauchen die Polizei erfahrungsgemäß nicht so oft.

Viele Polizisten beklagen die fehlende Wertschätzung durch die Behörde. Zuletzt sorgten ausgestochene Plätzchen als Geschenk zu Weihnachten für Geläster unter den Beamten. Wie nehmen Sie das wahr?

Ich nenne ein Beispiel. Mein Mann hat nach fünf Jahren bei der Behörde eine passende Schutzweste bekommen. Bei der alten Führungsebene fehlte mir ganz doll die Selbstreflexion. Selbst der Abschiedsbrief von Herrn Kandt war ja so geschrieben, als hätte er keine Fehler gemacht. Ich glaube, da fehlte auch oft die Verbindung zum Alltag. Selbst wenn man den Beruf gar nicht macht, hatte man das Gefühl, dass die Führungsebene keinen Plan hat, wie es auf der Straße ist. Da wird sich einfach nicht in den Streifenpolizisten hineinversetzt.

Ein Vorwurf lautete, dass es keine Fehlerkultur gibt.

Das ist genau der Punkt. Wer Kritik äußert, steht schnell als Nestbeschmutzer da. Das darf nicht sein. Auch Beamte müssen sich frei äußern können. Es traut sich keiner mehr, was zu sagen. Die Polizei könnte da ja Diskussionen organisieren oder zulassen.

Berlin hat eine neue Polizeipräsidentin. Ihr Brief, der zu diesem Buch führte, war an den alten Polizeipräsidenten gerichtet. Was geben Sie der neuen Präsidentin, Barbara Slowik, mit auf den Weg?

Dass die Fehler der Vergangenheit nicht mehr gemacht werden und dass man sich hinsetzt und guckt, was schieflief. Dass man anders zuhört und auch anders antwortet. Ich wünsche mir, dass Dinge endlich mal angepackt werden und dass die Polizeipräsidentin klar Stellung für ihre Beamten bezieht – notfalls auch gegen Widerstände in der Innenverwaltung. Ich persönlich wünsche mir, dass Frau Slowik sich um das Dienstplanmodell kümmert und die Arbeitszeiten reduziert werden. Wir brauchen ein Dienstzeitmodell, in denen freie Tage geschützt sind. Wenn ich mir überlege, wie viel Fehler ich mache, wenn ich müde bin, und bei Polizisten geht es um Menschen, die im Zweifel über Leben und Tod entscheiden. Erholungsphasen sind einfach wichtig.

Es sind schon Verbesserungen angestoßen worden. Haben Sie davon schon etwas mitbekommen?

Das Thema Beförderungen haben wir im Umfeld mitbekommen. Da sind jetzt einige gekommen. Vor allem für die, die da schon seit zehn Jahren drauf warten. Neue Streifenwagen stehen auch vor der Tür. Als Familie habe ich keine Veränderung bemerkt. Das sind die Dinge, die mein Mann aus dem Dienst erzählt.

"Der Stein, der da fliegt, trifft den Kopf eines Vaters und Ehemannes"

Also müsste man den Innensenator fragen, wie er die Polizei familienfreundlicher machen will.

Ja, das ist ganz zentral. Das muss vereinbar sein. Gerade, wenn man viel für den Beruf opfert, muss es auch finanziell abgesichert sein. Da muss Berlin mehr tun.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Einsätze rund um die Rigaer Straße sehen, wo es richtigen Hass auf die Polizei gibt?

Ich verstehe die Situation dort nicht. Ich habe das Gefühl, dass die Politik sich dort scheut, Entscheidungen zu treffen, weil sie niemandem auf die Füße treten will. Der Konflikt ist politisch, aber die Polizei hält den Kopf dafür hin. Und als Ehefrau sehe ich das sowieso noch mal anders. Der Stein, der da fliegt, trifft den Kopf eines Vaters und Ehemannes. Und dann ärgert mich, dass es dort immer wieder zu Gefahrensituationen kommt, es aber keine Lösung gibt.

Finden sie Berlin sicher?

Als Frau eines Polizistin hat man natürlich ein sehr subjektives Empfinden. Auch ich habe ein Bauchgrummeln, wenn ich nachts über den Alexanderplatz laufen muss. Aber trotzdem finde ich, dass Berlin im Vergleich immer noch einer sichere Stadt ist.

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