Berlin

Mit offenen Augen durch Berlin

Wie die erste studentische Stadtschreiberin der Hauptstadt, Charlotte Wührer, den Blick von jungen Menschen auf die Stadt einfangen möchte

Charlotte Wührer sitzt in ihrem Lieblingscafé im Graefekiez – ihrem Kiez – in Kreuzberg, trinkt einen großen Milchkaffee und hat ihren Laptop vor sich aufgeklappt. „Ich arbeite am liebsten dort, wo Leute Spaß haben“, sagt die 27-Jährige und lacht. Dabei zeichnen sich kleine Fältchen um ihre braunen Augen. „Zu Hause putze ich oder epiliere mir die Beine. Draußen aber fühle ich mich inspiriert.“

Wührer ist Berlins erste studentische Stadtschreiberin. Mit ihrem Blog „Berlin Stories“ soll sie den rund 187.000 eingeschriebenen Berliner Studenten eine Plattform geben. Einfangen und festhalten, wie sie sich fühlen, was sie bewegt und wie sie leben. Denn trotz unzähliger Blogs, Twitter- und Insta­gramkanälen fehlt ein konstanter studentischer Blick auf das Stadtgeschehen, findet das Studierendenwerk Berlin, das das Projekt ins Leben gerufen hat. Echte thematische Vorgaben gibt es für Wührer aber nicht. „Das ist eine Herausforderung, ich kann mich an niemanden orientieren, schließlich bin ich die erste Stadtschreiberin“, sagt sie mit einem leichten britischen Akzent.

Wührer wuchs in der Nähe von Manchester auf

Wührer hat deutsche Eltern, ist aber in der Nähe von Manchester in Großbritannien aufgewachsen. 2012 kam sie nach Berlin. Eigentlich wollte sie hier nur einen langen Urlaub machen. „Aber irgendwie bin ich dann hängen geblieben“, erzählt sie. An der Freien Universität (FU) studiert sie im Master „English Studies“, nebenher arbeitet sie noch als Übersetzerin, Untertitlerin und freie Autorin. Und weil ihr das noch nicht genug war, hat sie sich Anfang des Jahres auf den Posten der ersten studentischen Stadtschreiberin beworben. „Es hat mich einfach gereizt“, sagt sie. Und während Stadtschreiber, die es durchaus in anderen deutschen Städten gibt, sonst meist ein Literaturstipendium oder eine kostenlose Wohnung bekommen, hat Wührer für ihren Job als Stadtschreiberin einen Arbeitsvertrag als studentische Mitarbeiterin beim Studierendenwerk unterschrieben, erläuterte die Sprecherin des Studierendenwerks, Jana Judisch. „Sie hat bei uns also gewissermaßen einen studentischen Nebenjob.“

Gegen 51 Bewerber von zehn Hochschulen konnte sich Wührer durchsetzen. In ihren Texten schreibt sie auf „Denglisch“, einer Mischung aus Deutsch und Englisch – kleine Schreibfehler inklusive. „Mir fällt es schwerer, auf Deutsch als auf Englisch zu schreiben“ bekennt Wührer. Deshalb hatte sie die ersten Artikel noch ihrer Mutter nach England geschickt. Die ist Deutschlehrerin und sollte die Fehler korrigieren. Aber genau diese kleinen Fehler haben die Jury überzeugt, erzählt Judisch. „Das spiegelt den internationalen Flair Berlins wider. Und es macht sie wahnsinnig authentisch.“ Und Wührer reizt es sogar ein bisschen, auf Deutsch zu schreiben: „Es gibt im Englischen nichts wie „Reiß dich zusammen“ – Rip yourself together. ein Paradox“, schreibt sie beispielsweise in einer ihrer Geschichten. Zwei bis vier Artikel im Monat soll Wührer veröffentlichen, mindestens ein Semester lang. Aber das Projekt ist „auf Dauer angelegt“, erklärt Judisch. „Es soll sich zu einer Art Chronik für die studentische Sicht auf Berlin entwickeln, gewissermaßen ein literarisches Zeit- und Ortszeugnis.“

Über was genau sie schreiben will, weiß Wührer zwar noch nicht so genau. „Aber ich will auf keinen Fall nur über Events oder Ausstellungen schreiben“ sagt sie. „Lieber über das normale Leben. Über Begegnungen, die ich so den Tag über habe.“

Drei Texte stehen von ihr schon online – inklusive jenem, mit dem sie sich auf die Stelle beworben hat. Darin schreibt sie über ihre Ex-Freundin, das Berliner Winterwetter und Pistazieneis bei Anna Durkes. „Oft geht es bei mir um Beziehungen, egal ob zu Menschen oder zu der Stadt“, erklärt die 27-Jährige. Aber ob das auch der rote Faden durch ihren Blog wird, weiß sie noch nicht, schließlich hat sie erst diese Woche als Stadtschreiberin angefangen. „Die Themen finden mich und nicht ich die Themen“, sagt Wührer.

Sie will auch mal über das Umland schreiben

Trotzdem hat sie sich vorgenommen, ihren Kiez nun häufiger zu verlassen und mit offenen Augen durch Berlin zu gehen. „Ich glaube, es geht vielen Menschen in Berlin so, dass sie vor allem in ihrem Kiez bleiben, weil die Stadt so groß ist. Aber es gibt so viele Ecken, die ich noch entdecken will.“ Dazu gehört für sie als Stadtschreiberin auch, Berlin mal zu verlassen und über das Umland zu schreiben.

Oder einfach mal den Blick in den Himmel zu richten anstatt auf den Asphalt­boden. „Ich finde meine Inspiration in den Straßen“, sagt sie. Pläne, Berlin zu verlassen, hat sie keine. Im Gegenteil. Sie sagt, dass sie sich in Berlin freier fühlt als auf der Insel. „Hier ist der Druck, Karriere zu machen, nicht so groß. Aber gibt es nicht doch etwas, was sie an Großbritannien vermisst? „Das English Breakfast“, sagt sie und lacht. „Und die Briten sind schon sehr höflich. Das ist in Berlin anders.“

Ob Wührer auch noch im kommenden Semester Berlins Stadtschreiberin sein wird, oder ob es eine neue gibt, ist bisher noch offen. Aber die junge Engländerin will sich in jedem Fall weiter aufs Schreiben konzentrieren. „Irgendwann will ich einen eigenen Roman schreiben“, verrät sie.