Interview mit Dehoga-Chef

„Man kann Leuten nicht verbieten, nach Berlin zu kommen“

Christian Andresen vom „Mandala Hotel“ leitet nun den Hotelverband Dehoga. Ein Gespräch über Ferienwohnungen und hohe Touristenzahlen.

Christian Andresen / DEHOGA Chef auf dem Balkon des Mandala Hotel

Christian Andresen / DEHOGA Chef auf dem Balkon des Mandala Hotel

Foto: Reto Klar

Berlin.  Die Rezeptionistin begrüßt überschwänglich und reicht erst mal ein kühles Handtuch zur Erfrischung. Keine Frage: Service wird hier im „Mandala Hotel“ am Potsdamer Platz großgeschrieben. So will es Christian Andresen haben. Nicht nur für sein Haus, sondern in der gesamten Branche. Seit Montag vertritt der 52-Jährige als Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin (Dehoga) die Hoteliers und Gastronomen in der Hauptstadt. Dort löste er den legendären Willy Weiland ab, der den Posten 14 Jahre innehatte. Ein Gespräch über Chancen und Risiken.

Herr Andresen, wie groß ist eigentlich die Auslastung Ihrer Häuser?

Christian Andresen: Wir haben in Berlin stadtweit eine Auslastung von knapp 80 Prozent, und davon ist das „Mandala“ nicht ausgenommen.

Laut Statistikamt sind es in Berlin nur 60 Prozent.

Das Amt misst die Bettenauslastung. Das ist für uns Hoteliers aber nicht die primäre Kennzahl, wir messen die Auslastung unserer Räume und setzen diese ins Verhältnis zum Durchschnittspreis der vermieteten Zimmer. So wird weltweit verglichen.

Insgesamt ist die Auslastung aber leicht zurückgegangen.

Der Rückgang hat natürlich mit der Insolvenz von Air Berlin zu tun, das ist ja kein Geheimnis. Absolut lagen wir bei den Übernachtungen im vergangenen Jahr über 2016, aber wir hatten nicht den Anstieg, den wir hätten haben können. Bis Oktober lief es gut, danach hat man den Impact der Insolvenz gespürt.

Wie viel Potenzial hat Berlin in Sachen Besucherzahlen noch?

Momentan sind 9000 weitere Zimmer in der Entwicklung, und da werden sicher noch einige dazukommen. Aber die Frage ist natürlich, wie sich die Stadt weiterentwickelt. Wie entwickelt sich der Tourismus generell? Wie entwickelt sich das Kongress- und Messegeschäft? Die Infrastruktur, damit wir Menschen her- und wegtransportieren können? Es gibt viel zu wenige internationale Flüge, zum Glück wird da gerade dran gearbeitet. Ich hoffe, wir haben sehr bald eine Anzahl an internationalen Anbindungen für Berlin, die der Hauptstadt von Deutschland und den Bedürfnissen der Stadt entspricht. Berlin hat Potenzial, aber das können wir gerade nicht abbilden, weil die Infrastruktur nicht da ist.

Das heißt, wenn der BER endlich eröffnet ist, kommen noch mehr Menschen?

Auf jeden Fall. Es geht aber auch darum, die Qualität des Tourismus zu verbessern und gleichzeitig die Stadtverträglichkeit zu gewährleisten. Es darf nicht sein, dass sich die Bewohner nicht mehr wohlfühlen.

Ist da eine Sperrstunde sinnvoll, wie zuletzt in Friedrichshain gefordert? Oder weniger Hostels zu genehmigen?

Das muss man im Einzelnen betrachten, am Ende liegt die Wahrheit im Detail. Man darf nicht mit der Gießkanne hingehen und sagen: Wir führen eine Sperrstunde ein. Die Stadt lebt davon, dass sie frei ist. Die Leute sollten aber lernen, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen. Parallel sollten die Hoteliers und Gastronomen auch dafür sorgen, dass sich ihre Gäste angemessen verhalten.

Schön, wenn das so funktionieren würde, aber aktuell hat man den Eindruck, dass viele Berliner von den Touristen eher genervt sind.

Im Tourismuskonzept steht ja, dass die Touristen vernünftig geleitet werden sollen, dass Tourismus nicht nur in Ballungsgebieten stattfindet, sondern in allen Bezirken. Da müssen wir Lösungen finden, allerdings habe ich die noch nicht fertig in der Schublade.

Wie könnte so etwas aussehen?

Wie gesagt, es gibt noch keine Konzepte, aber ich stelle mir eine Art Smart-City-Tourismus vor. Zum Beispiel eine App, die mir mitteilt, dass vor dem Fernsehturm gerade eine lange Schlange ist, und mir eine andere Sehenswürdigkeit vorgeschlagen wird. Das Ziel ist auch zu zeigen, was etwa Brandenburg zu bieten hat.

Es gibt ja Stimmen in der Politik, die fordern dass die Tourismuszahlen gar nicht immer weiter wachsen sollen. Was entgegnen Sie dem?

Ich finde das nicht logisch, man kann die Besucherzahlen nicht begrenzen. Man kann den Leuten nicht sagen, dass sie nicht kommen dürfen, dann kommt nämlich niemand mehr. Sinnvoller ist viel mehr, den Mix richtig zu gestalten. Ein Weg dafür wäre zum Beispiel, Infrastruktur für Großkongresse zur Verfügung zu stellen und das ICC zu sanieren, um wieder mehr Großkongresse in die Stadt zu holen, die heute leider reihenweise abgesagt werden müssen.

Müsste das Gewerbe sich nicht auch beim Service verbessern? Gefühlt ist da noch Luft nach oben, in manchen Restaurants kann ich nicht mal mit Karte zahlen.

Letztendlich entscheidet der Gast, und so reguliert sich der Markt. Ich würde auf jeden Fall nicht sagen, dass der Service in Berlin schlecht ist. Sicherlich ist es unbedingt notwendig, dass wir die Ausbildung und die Fachkräftesicherung weiter vorantreiben.

Wie gravierend ist der Fachkräftemangel?

Heute ist es natürlich so, dass mehr junge Menschen ihre Ausbildung vorzeitig abbrechen. Da hat sich die Welt gewandelt. Wir müssen sehen, dass wir frühzeitig in die Schulen gehen, mit den Eltern und den Schülern sprechen und gucken, dass wir unsere Branche entsprechend vermarkten, zum Beispiel auch vermehrt Schülerpraktika zur Verfügung stellen oder auch virtuell die Ausbildung erlebbar und erfahrbar machen. Die Anerkennung der Dienstleistungs- und Serviceberufe ist in Deutschland leider nicht so hoch wie zum Beispiel in Frankreich. Viele Eltern raten ihren Kindern anstatt zu einer dualen Ausbildung zum Studium, obwohl eine duale Ausbildung ein sehr guter erster Schritt in das Berufsleben mit sehr guten Entwicklungs- und Aufstiegschancen in unserer Branche ist.

Also kein Mangel?

Das würde ich nie sagen. Wir haben einen Mangel und suchen händeringend dringend nach Fachkräften. Es gibt inzwischen eine unübersehbare Auswahl an Ausbildungsberufen und auch an Studiengängen, die den jungen Menschen in unserer Branche angeboten werden. Das Geheimnis ist, bereits in der Schulzeit herauszufinden, was die Begabungen und Präferenzen der jungen Menschen sind.

Wie sehr belastet die Branche das Thema Airbnb und illegale Ferienwohnungen? Die Regelung, nur noch bis zu 60 Tage im Jahr vermieten zu dürfen, ist weggefallen, jetzt muss man sich alles genehmigen lassen. Halten Sie das für den richtigen Weg?

Wir von der Dehoga haben grundsätzlich nichts dagegen, wenn man seine Räumlichkeiten im gesetzlichen Rahmen, sofern man welche übrig hat, anderen Menschen zur Verfügung stellt. Wenn man beruflich länger unterwegs ist zum Beispiel. Aber es müssen gleiche Bedingungen herrschen. Wir Hoteliers müssen viele Regelungen einhalten, Übernachtungssteuer zahlen. Privatleute führen die und auch die Einkommensteuer auf die erzielten Gewinne durch die Vermietung im Zweifel nicht ab, und das ärgert uns, denn hier kann nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.

Wie groß ist denn das Ausmaß?

Nach den neuesten Zahlen von Visit Berlin aus dem vergangenen Jahr gab es 2017 bei Airbnb einen Zuwachs von 17 Prozent zum Vorjahr. Insgesamt drei Millionen Übernachtungen. Das sind noch mal zehn Prozent auf die Übernachtungen in den Hotels in der Stadt zusätzlich. Was mich auch ärgert: Wohnraum wird immer knapper, und der vorhandene sollte denen zur Verfügung gestellt werden, die ihn brauchen. Und nicht zu hohen Preisen an Touristen gehen.

Wie lauten Ihre Forderungen?

Das Zweckentfremdungsgesetz muss umgesetzt werden, die Bezirke müssen den Markt stärker kontrollieren.

Wie wichtig wäre es für Hote­liers und Gas­tronomen in Berlin, dass das ICC endlich saniert wird?

Unsere Kongresszahlen sind sehr gut, auch im internationalen Vergleich. 90 Prozent des Kongressgeschäftes finden aber in den Hotels statt. Aber natürlich muss das ICC ertüchtigt werden, denn nur dort können Großkongresse abgehalten werden. Diese Besucher geben in der Stadt auch mehr Geld aus als die Partygäste. Davon profitieren zum Beispiel auch der Einzelhandel, die Gas­tronomie, viele Dienstleistungen und am Ende durch mehr Steuereinnahmen die ganze Stadt. Wie gesagt, der richtige Mix macht es am Ende.

Zur Person:

Vita Neben dem „Mandala Hotel“ am Potsdamer Platz leitet der neue Dehoga-Chef die „Mandala Suites“ an der Friedrichstraße. Im oberbayerischen Murnau geboren, wuchs Christian Andresen auf Sylt auf. Ende der 80er-Jahre begann seine Hotellaufbahn mit einer Ausbildung zum Hotelfachmann im Hamburger Hotel „Atlantic Kempinski“.

Die Spezialisierung als Con­troller folgte. Ab der Jahrtausendwende baute er mit Geschäftspartner Lutz Hesse die Häuser in Berlin auf. Farben, Formen und Düfte – in seinen Hotels will er Gäste mit der optimalen Kombination überzeugen. Er ist verheiratet, Vater zweier Töchter und wohnt in Mitte. Seine Hobbys: Joggen und Golfen.

Mehr zum Thema:

Berliner Hotels fordern stärkere Ferienwohnungs-Kontrollen

Neues Gesetz gegen Ferienwohnungen: Das müssen Sie wissen

Air-Berlin-Pleite und Airbnb dämpfen Hotel-Wachstum