Glaube

Warum bleiben Jugendliche der Kirche nicht mehr treu?

Zu Pfingsten werden Jugendliche traditonell konfirmiert. Danach wenden sich viele wieder ab. Die Gemeinden versuchen das zu ändern.

Pfarrer Wolfgang Häfele von der Friedensgemeinde in Westend mit den Teamern Luise Kirsch, Paula Magiera, Marlon Reich und Palmira Kotte (v.l.)

Pfarrer Wolfgang Häfele von der Friedensgemeinde in Westend mit den Teamern Luise Kirsch, Paula Magiera, Marlon Reich und Palmira Kotte (v.l.)

Foto: Reto Klar

Ein großes Plakat hängt am Eingang des Pfarrgartens. „Ich will Teamer werden.“ Ein paar Namen stehen schon darunter, am Abend werden es noch mehr sein. Die Friedensgemeinde in Westend hat zum „Après-Konfi-Grillen“ eingeladen. In den vergangenen Wochen wurden in der kleinen Kirche unterhalb des Teufelsbergs insgesamt 80 Jugendliche konfirmiert. Das ist viel. In den insgesamt 1260 Gemeinden der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) waren es im vergangenen Jahr 5065 Jugendliche, 2014 noch 5459. Das ist ein Rückgang von sieben Prozent, den die EKBO vor allem mit der demografischen Entwicklung erklärt. Bundesweit ist in diesem Zeitraum die Zahl sogar um 13 Prozent, von 209.933 auf 195.535 Konfirmierte gesunken.

Nach der Konfirmation wird die Kirche nicht mehr betreten

Die größte Herausforderung ist dabei nicht, Jugendliche für den Konfirmandenunterricht zu motivieren, sondern sie danach in der Kirche zu halten. Die katholische Kirche hat es da etwas leichter, weil die Kinder bei der Kommunion erst acht, neun Jahre alt sind, damit noch leichter zu motivieren sind als „Konfis“ mitten in der Pubertät. Kritiker sagen sogar, die Konfirmation sei keine Einsegnung, sondern tatsächlich eine Aussegnung, weil viele danach die Kirche nicht wieder betreten.

In der Friedensgemeinde in Westend überlegt immerhin ein Viertel der 80 Konfirmierten, Teamer zu werden. Teamer, so werden diejenigen bezeichnet, die bereits konfirmiert sind und die Pfarrer in der Konfirmandenarbeit unterstützen. Oder den Unterricht sogar maßgeblich gestalten, wie in der Friedensgemeinde. „Ich bin eigentlich nur der Oberteamer“, sagt Pfarrer Wolfgang Häfele, „ich mache Entwürfe, die Teamer setzen diese dann selbstständig um, da bleibe ich im Hintergrund.“

Jugendliche wenden sich eher an die Teamer als den Pfarrer

Seit 2010 gibt es hier Teamer. In jedem „Konfer“-Jahrgang sind etwa 20 dabei. Ein Teamer der ersten Stunde ist Marlon Reich. Der 26-Jährige gehört seit seiner Taufe zur Friedensgemeinde. Seine Konfirmandenzeit hat er noch nach altem Modell erlebt, „mit Frontalunterricht und einer Prüfung“, und hat sich damals schon gedacht, das müsste doch auch anders gehen. Darum war er von dem Teamer-Konzept gleich überzeugt. Nach dem Abitur hat er in seiner Gemeinde ein Soziales Jahr absolviert. Heute engagiert er sich neben seinem Studium der Medien- und Erziehungswissenschaften acht bis zehn Stunden in der Woche in der Gemeinde: „Das ist meine Berufung.“ Für viele Jugendliche ist er außerdem die erste Anlaufstelle, wenn sie Fragen und Probleme haben, ihnen aber die Schwelle zu hoch ist, gleich den Pfarrer anzusprechen.

So eine starke Verwurzelung im Glauben und in der Kirche erleben heute aber nur wenige Jugendliche. Für viele ist der Konfirmandenunterricht tatsächlich die erste bewusste Auseinandersetzung mit Kirche und Glaubensfragen. Gerade hier spielen Teamer eine wichtige Rolle, zu diesem Schluss kommt eine bundesweite Studie zur Konfirmandenarbeit, die an der Uni Tübingen erstellt wurde. Denn Teamer sind viel näher an den Fragen der Jugendlichen und zugleich auch ein Vorbild, sich selbst ehrenamtlich zu engagieren. Darum ist es auch Paula Magiera leichtgefallen, als sie vor zwei Jahren gefragt wurde, ob sie mitmachen wolle. Die 16-Jährige kommt aus dem letzten Konfirmationsjahrgang und ist seitdem Teamerin. „Ich habe hier meine soziale Ader entdeckt“, sagt sie. Was sie anfangs aber schwierig fand, war, das richtige Maß im Umgang mit den Menschen zu finden, die ja kaum jünger sind als sie. „Ich wollte nicht zu streng, aber auch nicht zu locker sein.“ Inzwischen fühlt sie sich da viel sicherer und kann wiederum den neuen Teamern das nötige Rüstzeug mitgeben.

Kirche als Rückzugsort

Dazu gehören zum Beispiel Luise Kirsch und Palmira Kotte. Schon als sie im April konfirmiert wurden, war den Freundinnen klar, dass sie sich als Teamerinnen weiter in der Gemeinde engagieren wollen. Die 14-jährige Luise hat in der Kirche für sich einen Rückzugsort gefunden, „hier habe ich mein Handy in der Tasche und kann auch mal abschalten, das würde ich auch gern anderen Jugendlichen vermitteln“, sagt sie.

Auch die 15-jährige Palmira möchte die positiven Erfahrungen, die sie in anderthalb Jahren Konfirmandenunterricht gemacht hat, weitergeben. Ihre Eltern sind nicht so mit der Kirche verbunden, sagt sie, aber sie hätten es der Tochter freigestellt, ob sie sich konfirmieren lässt. Palmira wollte, weil auch viele Freundinnen dabei waren und sie nur Positives gehört hatte. „Ich habe mir gesagt: Ich kann das ja mal ausprobieren.“ Aus dem Probieren ist Verbundenheit geworden. Sie habe hier eine tolle Gemeinschaft gefunden und fühle sich in der Atmosphäre sehr wohl. Selbst zum Gottesdienst geht sie gern. Luise aber gibt zu: „Den finde ich eher anstrengend.“

Vielen ist der Gottesdienst zu langweilig

Luises Urteil ist typischer als Palmiras. Denn laut der Konfirmandenstudie haben die meisten „Konfis“ zwar eine sehr positive Meinung zum „Konfer“, aber den Gottesdienst finden die meisten eher langweilig. Mehr noch: Je länger sie dabei sind, desto negativer fällt das Urteil aus. „Die Erfahrungen der Jugendlichen mit dem Gottesdienst müssen als ein neuralgischer Bereich bezeichnet werden, an dem dringend weitergearbeitet werden sollte“, schreibt der Religionspädagoge und Leiter der Studie Friedrich Schweitzer.

Auch Pfarrer Wolfgang Häfele sieht das so, manche Gottesdienste werden in der Friedensgemeinde daher schon von Jugendlichen gestaltet. Aber es brauche Fingerspitzengefühl und einen langen Atem, um allen gerecht zu werden. Klar ist für ihn aber: „Es können nicht immer die Jugendlichen sein, die Zugeständnisse machen.“ Schließlich gilt auch hier: Ohne Nachwuchs, also ohne die Jugendlichen, ist die Zukunft der Kirche in Gefahr.

Theater, Bands, Insta­gram-Gottesdienste

Darum gibt es in den Kirchenkreisen inzwischen auch eigene Jugendämter, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Jugendliche besser einbezogen werden können. Die Ausbildung von Teamern nimmt dabei einen zentralen Bereich ein. Aber es gibt noch mehr Möglichkeiten, sich zu engagieren. Dazu gibt es allein in den Gemeinden des Kirchenkreises Charlottenburg-Wilmersdorf verschiedene Angebote. Die Kirchengemeinde Halensee fokussiert sich auf Theaterarbeit mit Jugendlichen, die Gemeinde am Lietzensee bietet jungen Amateurbands Ausbildungs- und Auftrittsmöglichkeiten, in Neu-Westend spielt die inklusive Jugendarbeit eine große Rolle. Und in dem Kirchenkreis gab es auch schon den ersten Insta­gram-Gottesdienst.

Jugendliche seien offen für all diese Angebote, so die Erfahrung von Pfarrer Häfele, aber oft hätten sie so viele Termine, dass es manchmal auch ein Zeitproblem sei, zum Beispiel als Teamer jeden Montag für vier Stunden in die Gemeinde zu kommen. Zumal die Kirche für sie ja auch ein Ort der Entspannung sein soll. Daher lässt er den Jugendlichen Zeit bei ihrer Entscheidung. Kann er wohl auch. Denn wenn von den vielen Namen, die nach dem Après-Grillen auf dem „Ich-will-Teamer-werden“-Poster nur eine Hand voll übrig bleibt, ist das immer noch genug, um die Konfirmandenarbeit mit Teamern weiterzuführen.