Gewalt an Schulen

Schul-Mobbing verfolgt diesen Schüler bis in den Schlaf

Ein Berliner Schüler und seine Mutter berichten, wie schlimm die tägliche Gewalt in der Schule sein kann. Doch es gibt Hilfangebote.

Jessica Wichert mit ihrem Sohn Justin  vor der Wolfgang- Amadeus-Mozart- Schule in Hellersdorf

Jessica Wichert mit ihrem Sohn Justin vor der Wolfgang- Amadeus-Mozart- Schule in Hellersdorf

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Seit Kurzem kommen die Schläger auch im Schlaf zu Justin. Gestern Nacht ist es wieder passiert: Jessica Wichert hörte ihren Sohn weinen, hörte, wie der Achtjährige immer wieder nach „Mama, Mama“ rief und schrie: „Die lassen mich nicht in Ruhe. Die schlagen mich.“ Als die Mutter das Kinderzimmer betrat, in dem eine Wand hellgrün ist und ein Traumfänger von der Decke baumelt, da saß ihr Sohn aufrecht im Bett. Er war nicht zu trösten. Zehn, 15 Minuten ging das so. So erzählt es Wichert. Dann fiel Justin in einen erschöpften, traumlosen Schlaf.

Justin und Jessica Wichert heißen eigentlich anders. Die Mutter – alleinerziehend, die kurzen Haare rot gefärbt, die Schultern breit – will die echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Justin, ein stämmiger Junge mit Brille und schüchternem Lächeln, wird in der Schule geprügelt. Seit über zwei Jahren geht das so, erzählt Wichert. Blaue Flecken, Kratzer, rote Striemen. Jessica Wichert sagt: „Es geht nicht mehr.“

Gewalt an Schulen. Kein neues Phänomen. Aber neue Zahlen zeigen: Im Umfeld von Berliner Schulen sind im vergangenen Schuljahr deutlich mehr Straftaten registriert worden als in den Jahren zuvor. Im Schuljahr 2016/2017 zählte die Polizei 5438 Straftaten. Bedrohungen, Körperverletzungen, Drogen. Das sind 207 mehr Vorfälle als im Schuljahr zuvor. Befeuert wurde die Gewaltdiskussion auch durch eine Parlamentsanfrage an die Senatsinnenverwaltung. Aus der Antwort geht hervor: Nach dem Bezirk Mitte wurde die Polizei am meisten in Marzahn-Hellersdorf zu Schulen gerufen. 582-mal im vergangenen Schuljahr.

Brandbrief: „Kinder haben Angst, in die Schule zu gehen“

Familie Wichert wohnt in Hellersdorf. Wegen einer Krankheit kann Jessica Wichert nicht mehr als Druckfachfrau arbeiten. Sie leben von Hartz IV und dem Unterhalt für Justin. Seine Schule galt lange als Problemschule: die Wolfgang-Amadeus-Mozart-Schule. Im letzten Bericht der Schulinspektion zur Gesamtschule – er stammt von 2016 – heißt es: Bereits in der ersten und zweiten Klasse fallen „einige Kinder durch Fäkalsprache und Distanzlosigkeit gegenüber dem pädagogischen Personal“ auf.

Zur dritten Klasse: Kinder igno­rierten die Anweisungen der Lehrer. Von Schülern ist dort zu lesen, die einfach den Unterricht verlassen, von Türen, die knallen, Tischen und Stühlen, die umgeworfen werden. Fehlquote im Schuljahr 2016/2017: 13,2 Prozent. Das ist fast doppelt so viel wie im Berliner Durchschnitt.

Doch dann passierte etwas. Eltern schrieben einen Brandbrief. „Die Kinder haben Angst davor, in die Schule zu gehen“, stand dort. Die Schulleitung wechselte, neue Lehrer kamen, Sozialarbeiter. Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsschulverwaltung, sagt: „Die Situation hat sich stark verbessert.“ Der Bezirkselternvertreter Norman Heise bestätigt das. Die neue Schulleiterin habe endlich Gewaltpräventionskonzepte angewandt, die ihr Vorgänger in der Schublade ließ.

Justins Mutter sagt über ihn: „Er ist ein leichtes Opfer“

Stoffers sagt, jetzt gebe es Notfallpläne, klare Zuständigkeiten. Die aktuellen Zahlen bestätigen diese Entwicklung. Fasst man die Jahre 2014 bis 2017 zusammen, gab es an der Mozart-Schule 176 angezeigte Straftaten. Das ist einer der höchsten Werte in Berlin. 2017 hat sich die Lage deutlich beruhigt: 17 Strafanzeigen wurden gezählt.

Justins Mutter wusste von dieser Vorgeschichte nichts. Entscheidend war der kurze Schulweg über einen Fußweg im Grünen. Ideal. Eigentlich. „Es ging schon zwei oder drei Monate nach der Einschulung los“, sagt Jessica Wichert. Justin wurde aggressiv gegenüber seiner Mutter, schrie sie an, schimpfte, schlug. Erst später begriff sie: Ihr Sohn wird auf dem Pausenhof getreten und gehänselt. „Er ist anders als die anderen“, sagt Justins Oma. Seine Tante Sandy: „Er zieht sich schnell zurück, wenn etwas schiefläuft.“ Seine Mutter Jessica sagt: „Er ist ein leichtes Opfer.“

Justin spielt am liebsten „Fortnite“ auf der Playstation. Das Spiel ist freigegeben ab zwölf Jahren. Die letzten Überlebenden kämpfen gegen die Zombieapokalypse. Was Justin daran mag? „Ich kann den anderen die Waffen wegnehmen“, sagt er. In letzter Zeit fragt er seine Tante Sandy immer wieder, ob sie ihn von der Schule abholt. „Mein Freund haut mich immer, wenn wir zusammen laufen“, sagt Justin.

Hilfsprogramme gegen Mobbing sind vielen Eltern unbekannt

Jessica Wichert sagt, sie sei drei-, viermal bei der Klassenlehrerin gewesen. Habe immer wieder gehört: „Wir lösen das Problem.“ Oder: „Wir kümmern uns darum. Es ist schon viel besser.“ Geändert habe sich nichts.

Die Schulleitung will noch nichts zu dem Fall sagen. Denn sie hat erst gestern davon erfahren. Die Schulsenatsverwaltung gibt sich bestürzt, wie am Tag zuvor schon über die Kriminalitätszahlen zu den Schulen. Senatorin San­dra Scheeres (SPD) sagt: „Jeder Mobbingfall muss aufgearbeitet werden. Dazu müssen die Zuständigen aber wissen, dass Mobbing stattgefunden hat.“ Die Senatsverwaltung empfiehlt bei Gewaltvorfällen: sofort das Gespräch mit der Schulleitung suchen. Der nächste Schritt: Schulaufsicht. Dann die Anti­diskriminierungsbeauftragte.

Die Geschichte von Justin zeigt aber: Die besten Hilfsprogramme helfen nichts, wenn Eltern wie Jessica Wichert nichts von ihnen wissen. „Ich habe zu lange einfach zugesehen“, sagt Jessica Wichert. Gestern hat sie zum ersten Mal mit der Schulleiterin gesprochen. Sie will ihren Sohn auf eine andere Schule schicken.

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