Marienfelde

Genossenschaft will für Neubau 48 Wohnungen abreißen

Eine Genossenschaft will in Marienfelde bauen und dafür 48 Wohnungen abreißen. Auch in Schöneberg weichen 54 Wohnungen einem Neubau.

Halten zusammen: Ekkehard Zimmermann (3.v.r.) und seine Nachbarn vom Luckeweg 31–37, deren Häuser abgerissen werden sollen

Halten zusammen: Ekkehard Zimmermann (3.v.r.) und seine Nachbarn vom Luckeweg 31–37, deren Häuser abgerissen werden sollen

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Der Schreck sitzt tief: Noch immer können die Bewohner nicht glauben, dass ihre Wohnungen, in denen manche mehr als 50 Jahre wohnen, abgerissen werden sollen. Sie gehören dem „Beamten-Wohnungs-Verein zu Köpenick eG“ (BWV), einer Genossenschaft, die am Luckeweg 31–37 in Marienfelde Neubaupläne hat. Das Alte soll weichen. Eine Sanierung lohne aufgrund der hohen Investitionskosten bezogen auf die relativ kleine Anlage nicht.

„Wir sind geschockt. Mit allem haben wir gerechnet, auch dass aufgestockt werden könnte, aber Abriss – das ist unvorstellbar“, sagen nicht nur Wolfgang (70) und Evelyn Mende (68), sondern auch Udo (76) und Barbara Kistner (79), die sich in der Anlage mit 48 Wohnungen und dem vielen Grün immer sehr wohlgefühlt haben.

„Wir haben doch ein lebenslanges Wohnrecht“

Der Friede ist gestört, viele der 80 Bewohner können nicht mehr gut schlafen. Ekkehard Zimmermann (74) und Frau Ingrid (69) haben viel Geld in ihre Wohnung gesteckt: „Und deshalb akzeptieren wir nicht, umziehen zu müssen und schließen rechtliche Möglichkeiten nicht aus. Als Genossenschaftsmitglied haben wir doch ein lebenslanges Wohnrecht.“

Der Abriss südlich des Luckeweges ist nur ein Teil des Bauprojekts. „Marienfelder Vielfalt“ hat die Genossenschaft es genannt. Drei neue Häuser mit fast 300 Wohnungen sollen am Luckeweg gebaut werden. 214 Wohnungen in zwei, jeweils siebengeschossigen Gebäuden auf dem Grundstück, wo heute der viergeschossige Wohnblock Luckeweg 31–37 mit den 48 Wohnungen steht.

Auf der anderen Straßenseite sind die übrigen Wohnungen und eine Kita sowie eine Gemeinschaftseinrichtung geplant. Zwei Tiefgaragen mit 274 Pkw- und 400 Fahrradstellplätzen sollen oben Platz für Gartenflächen und Spielplätze schaffen. Der Beamten-Wohnungs-Verein geht davon aus, dass mit den geplanten Neubauten nicht vor 2021 begonnen werden kann.

Eine Bewohnerin: „Wir verstehen uns wie in einer Familie“

Für die Anwohner des Luckewegs, deren Häuser abgerissen werden sollen, ist das aber keine Beruhigung: „Wir haben uns doch unseren Lebensabend hier aufgebaut, den wir hier in Ruhe verleben wollen“, geben Gabriele (65) und Claus-Peter Geiler (66) zu bedenken. Und was vielleicht noch wichtiger ist: „Wir sind nicht nur Nachbarn, sondern verstehen uns wie in einer Familie, wir unterstützen uns untereinander, haben auch kranke Menschen im Haus, um die wir uns kümmern“, sagen Ingrid und Dieter Lunk (77), die seit 36 Jahren am Luckeweg wohnen.

„Dass die Nachricht ein Schock war, verstehen wir, aber wir wollten die Neuerung zumindest persönlich überbringen“, sagte Andrea Zwingelberg, kaufännisches Vorstandsmitglied beim BWV. Sie seien aber „zuversichtlich, mit allen eine Lösung zu finden“. Die Genossenschaft, die zum ersten Mal Häuser abreißen lassen will, um neu zu bauen, hat 5336 Wohnungen (Durchschnittsmiete 5,36 Euro nettokalt pro Quadratmeter), davon in Marienfelde 1200, beispielsweise auch ganz in der Nähe, am Luckeweg 39–43. Dort gebe es Möglichkeiten. Sieben neue Mietverträge seien bereits geschlossen worden.

Auch 54 Apartments in Schöneberg betroffen

Für Jörn Oltmann (Grüne), Stadtentwicklungsstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, ist das Vorhaben, für das noch Baurecht geschaffen werden muss, angesichts der Wohnungsnot in Berlin unterstützenswert. Er kritisiert aber, wie die Genossenschaft den Betroffenen die Nachricht überbracht hat. Der Bezirk hat sich deshalb als Vermittler angeboten.

Generell findet Oltmann, dass das Land Berlin genossenschaftliches Bauen stärker fördern sollte, beispielsweise beim Ankauf von Grundstücken, damit sie nicht nur auf eigenen Flächen wie jetzt in Marienfelde verdichten müssen. SPD und Linke schauten aber nur auf die städtischen Wohnungsbaugesellschaften, die mitunter Grundstücke kostenlos zur Verfügung gestellt bekämen, kritisiert der Stadtrat.

Auch an der Schöneberger Kurfürstenstraße 145–149 sind Bewohner beunruhigt, weil der Hauseigentümer, die private Immeo, einen Teil der Wohnungen in der Apartmentanlage abreißen lassen und neu bauen möchte. Nach Auskunft der bezirklichen Baubehörde, die vom Investor auch einen Sozialplan erwartet, betrifft das 54 Wohnungen. Das Eckgrundstück zur Frobenstraße soll komplett neu bebaut werden. Die 90-jährige Inge S., deren Mann gerade gestorben ist, wollte eigentlich dort wohnen bleiben. Jetzt kann sie sich nur noch einen Umzug in ein Heim vorstellen.

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