Leserforum

Mutter fragt 50 Kitas und 100 Tagesmütter an - ohne Erfolg

Die Betreuungsplatzsuche wird immer härter. Beim Morgenpost-Leserforum „Kita-Krise – und kein Ende?“ informieren Experten zum Thema.

Engagiert für eine bessere Versorgung mit Kitaplätzen: Ann-Mirja Böhm (r.) und Katja Cattien mit Sohn Linus

Engagiert für eine bessere Versorgung mit Kitaplätzen: Ann-Mirja Böhm (r.) und Katja Cattien mit Sohn Linus

Foto: Reto Klar

Berlin. Über ein Jahr lang hat Ann-Mirja Böhm einen Betreuungsplatz für Tochter Paulina gesucht. An mehr als 50 Kitas und weit über 100 Tagesmütter hat sie sich gewandt. "Ich war wütend und verzweifelt darüber, dass diese Suche so viel Zeit und Kraft kostet", sagt die Fernseh-Journalistin aus Prenzlauer Berg. "Obwohl wir den Anspruch auf einen Kita-Platz haben. Aber Berlin kommt diesem Anspruch nicht nach." Wie Ann-Mirja Böhm geht es vielen Familien in Berlin. Die 35-Jährige engagiert sich deshalb bei "Kita Krise", einer Gruppe von Eltern und Erziehern, die für eine politische Lösung des Problems kämpft und die öffentliche Debatte zum Thema anstoßen will. Am 26. Mai ruft die Initiative zu einer Demonstration auf, die um zehn Uhr am Dorothea-Schlegel-Platz in Mitte beginnt.

Der Mangel an Kita-Plätzen und Erzieherinnen sind ein guter Grund, sich mit der aktuellen Situation, der Kita-Politik der rot-rot-grünen Regierungskoalition und Lösungsvorschlägen in einem öffentlichen Forum intensiv zu beschäftigen. Die Berliner Morgenpost bietet ihren Lesern die Möglichkeit, sich am Donnerstag, 24. Mai, aus erster Hand zu informieren und mit unseren Experten zu diskutieren.

Podiumsdiskussion bei Leserforum "Morgenpost vor Ort"

Unser nächstes Leserforum in der Reihe "Morgenpost vor Ort" trägt den Titel "Kita-Krise – und kein Ende?". Es beginnt um 19 Uhr im Kinokomplex Zoo Palast an der Hardenbergstraße (Charlottenburg). Das Podium ist wieder hochkarätig besetzt. Es diskutieren: Berlins Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Sandra Scheeres (SPD); der Stadtrat für Jugend und Gesundheit in Neukölln, Falko Liecke (CDU); der Sprecher des Dachverbands der Kinder- und Schülerläden in Berlin, Roland Kern; die Mitorganisatorin der Demonstration, Katharina Mahrt sowie die Schul- und Kita-Expertin der Berliner Morgenpost, Susanne Leinemann. Moderator der Veranstaltung ist Hajo Schumacher, Publizist und Kolumnist der Morgenpost.

Nach der etwa 70 Minuten langen Podiumsdiskussion können die Teilnehmer im Publikum Fragen stellen und mitdebattieren. Die Teilnahme an unserem Leserforum ist kostenlos. Sie müssen sich allerdings zuvor in unserer Redaktion anmelden. Wie das geht, lesen Sie im Infotext rechts.

Glück bei der Suche nach einem Kitaplatz notwendig

"Wir fordern mehr Kitaplätze", sagt Ann-Mirja Böhm. "Es kann nicht sein, dass Frauen nicht mehr arbeiten gehen können und ihren Job verlieren, weil sie keinen Kita-Platz haben." Erzieher müssten besser bezahlt und stärker anerkannt werden. Doch der Betreuungsschlüssel müsse bleiben. Kita-Gruppen dürften nicht zu Lasten der Qualität vergrößert werden, weil Plätze gebraucht werden. Böhms Tochter Paulina ist jetzt 14 Monate alt. Die hartnäckigen Bemühungen der Mutter führten schließlich dazu, dass eine Tagesmutter in Charlottenburg zusagte. "Das war wie ein Lottogewinn. Wir sind sehr glücklich damit."

Doch der Aufwand ist groß. Seit März fahren Paulina und ihr Vater jeden Morgen eine Stunde nach Charlottenburg. Nachmittags holt die Mutter das Mädchen ab. "Ich bin zwei Stunden dafür unterwegs", sagt Böhm. Unterdessen hat sie auch einen Kita-Platz gefunden. Er ist nur zehn Fahrradminuten von der Wohnung entfernt. "Das war sehr viel Glück", sagt sie. Für ihr zweites Kind sei sie auf der Warteliste der Einrichtung.

In der Initiative "Kita Krise" engagiert sich auch Katja Cattien (40). Sie ist staatlich anerkannte Diät-Assistentin an der Charité und lebt in Friedrichshain. Ihr Sohn Linus ist jetzt zehn Monate alt. Cattien hat, so wie Ann-Mirja Böhm, einen langen Kampf um einen Betreuungsplatz für ihr Kind hinter sich. "Im September möchte ich wieder anfangen zu arbeiten", erzählt sie. Denn dann wird ein neues Team in ihrem Arbeitsbereich aufgebaut. Und sie könnte mitmachen. In diesem Fall müsste Linus ab August zur Eingewöhnung in eine Betreuungseinrichtung gehen. "Ende des Monats muss ich entscheiden, ob ich meine Elternzeit verlängere", sagt Cattien.

Suche nach Betreuungsplatz "vergeudete Zeit"

An dreißig Kitas habe sie sich in den vergangenen neun Monaten gewandt. Jetzt hat sie Aussicht auf einen Platz in Friedenau. "Aber noch keine Zusage. Mal sehen, ob es klappt", sagt sie. Die aufwendige Suche nach dem Betreuungsplatz sei "vergeudete Zeit". "Viel lieber würde ich mit Linus auf den Spielplatz gehen."

Die Senatsjugendverwaltung hat eine Task-Force eingerichtet, die in engem Kontakt mit den freien Kita-Trägern steht. Sie konnte zusätzliche Kita-Plätze für besonders dringende Fälle akquirieren. "Wir wollen und müssen den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz erfüllen", betonte Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Senatorin sagte, dass zeitlich befristete Überbelegungen in einer Betreuungsgruppe in Absprache mit der Kita-Aufsicht möglich sei. "Angesichts der angespannten Kita-Situation sind punktuelle und befristete Abweichungen vom Betreuungsschlüssel unvermeidlich", erklärte Scheeres

Die Position ist umstritten. Selbst damit seien die Gruppen kleiner als vor wenigen Jahren, so die SPD-Politikerin. "Ich halte aber weiterhin an den in der Vergangenheit beschlossenen Verbesserungen beim Betreuungsschlüssel fest", stellte sie grundsätzlich klar.

Diese sechs Experten sitzen auf dem Podium:

Sandra Scheeres (48) ist seit November 2011 Berlins Senatorin für Bildung und Jugend, seit Dezember 2016 ist die SPD-Politikerin auch für Familienpolitik zuständig. Von 2006 bis 2016 gehörte die Diplom-Pädagogin dem Abgeordnetenhaus an. Scheeres ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Falko Liecke (45) ist stellvertretender Bezirksbürgermeister und Stadtrat für Jugend und Gesundheit in Neukölln. Zuvor war der CDU-Politiker zwei Jahre lang Stadtrat für Bürgerdienste und Gesundheit und Bezirksverordneter. Liecke ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Katharina Mahrt (30) ist Mitorganisatorin der Demo zur Kita-Krise am 26. Mai. Neben ihrem Ehrenamt sorgt sie für ihr eineinhalb Jahre altes Kind. Ihr Masterstudium Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität musste sie aussetzen, weil sie keinen Betreuungsplatz fand.

Roland Kern (49) ist seit 2001 einer der beiden Sprecher des Dachverbands Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS). Der DaKS vertritt und berät etwa 800 kleine selbstverwaltete Kinder- und Schülerläden sowie freie Schulen. Kern lebt seit 1989 in Berlin. Er ist verheiratet, hat drei Kinder.

Susanne Leinemann (49) ist seit 2014 Redakteurin bei der Berliner Morgenpost. Sie war zunächst im Team der Sonntagsbeilage "Berliner Illustrirte Zeitung", seit Anfang dieses Jahres ist sie Fachredakteurin für Schule und Kita. Die Autorin mehrerer Bücher ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Hajo Schumacher (54), Morgenpost-Autor und -Kolumnist, moderiert die Diskussionsrunde. Der aus Münster stammende Journalist und Politikwissenschaftler arbeitet auch für Magazine, Hörfunk, Online und TV. Schumacher ist Verfasser mehrerer Bücher. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder.

So nehmen Sie teil

Ort und Zeit: Das Leserforum "Morgenpost vor Ort" zum Thema "Kita-Krise – und kein Ende?" beginnt am Donnerstag, 24. Mai, um 19 Uhr im Kinocenter Zoo Palast an der Hardenbergstraße 29 A in Charlottenburg. Es dauert circa zwei Stunden.

Anmeldung: Die Teilnahme ist für die Leser unserer Zeitung kostenlos. Voraussetzung zur Teilnahme ist eine Anmeldung in unserer Redaktion unter dem Kennwort "Morgenpost vor Ort". Das geht ganz einfach per E-Mail an aktionen@morgenpost.de oder per Postkarte/Brief an die Berliner Morgenpost, Redaktion Lokales, Kurfürstendamm 22, 10719 Berlin oder per Fax an die Nummer 030/887 27 79 67. Teilen Sie uns bitte mit, wie viele Plätze Sie benötigen. Abonnenten der Berliner Morgenpost sollten bitte ihre Abonummer dazuschreiben, sie werden bei der Platzvergabe bevorzugt berücksichtigt. Anmeldungen müssen spätestens bis Mittwoch, 23. Mai, um 12 Uhr vorliegen. Sie werden in der Reihenfolge ihres Eingangs bearbeitet.

Anfahrt: Der Zoo Palast ist sehr gut mit Bus und Bahn zu erreichen, der Bahnhof Zoologischer Garten ist nur wenige Meter entfernt. Dort halten die Linien S3, S5, S7 und S75, die U2 und U9 sowie zahlreiche BVG-Buslinien. Kostenpflichtige Parkplätze gibt es in mehreren Parkhäusern im nahen Umfeld und auf dem Hardenbergplatz.

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