Geschichte

Politaktivist Dieter Kunzelmann gestorben

Der Polit-Aktivist sorgte mit Eierwürfen auf Politiker und einem inszenierten Suizid für Aufsehen. Nun ist er verstorben.

Dieter Kunzelmann, Mitbegründer der Kommune 1, ist tot.

Dieter Kunzelmann, Mitbegründer der Kommune 1, ist tot.

Foto: dpa

Berlin. Isabell Jürgens

„So, jetzt ist es genug. Ich bin knastmüde.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Dieter Kunzelmann, als er im Mai 2000 nach zehnmonatiger Haftstrafe aus der JVA Tegel entlassen wurde, von seiner Dauerrolle als politischer Provokateur. Allerdings nicht, ohne noch einmal zum Abschied drei Eier gegen das Gefängnistor zu werfen. Doch zur Überraschung vieler hielt sich der damals 60 Jahre alte Exkommunarde fortan weitgehend an sein Versprechen. Die wiederholten Eierwürfe auf den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen (CDU), wegen der er zuletzt verurteilt worden war, blieben seine letzte spektakuläre Aktion. Wie erst am Mittwoch bekannt wurde, ist Dieter Kunzelmann Anfang dieser Woche gestorben.

Langjähriger Weggefährte bestätigt seinen Tod

„Seine Familie hat mich über seinen Tod informiert“, bestätigte Hans-Christian Ströbele (Grüne), langjähriger politischer Weggefährte Kunzelmanns und in den 60er- und 70er-Jahren auch sein Anwalt. Und diese Information sei glaubhaft, versicherte Ströbele der Berliner Morgenpost. Dass der ehemalige Bundestagsabgeordnete den Tod Kunzelmanns explizit bestätigt, liegt wiederum an einer der medienwirksamen Aktionen des Provokateurs.

Denn der Polit-Störer hatte sich seiner Haftstrafe nach den Eierwürfen auf Diepgen zunächst durch Flucht entzogen und in einer Zeitungsannonce wenig später seinen eigenen Freitod inszeniert. In der „Berliner Zeitung“ ließ er eine Anzeige mit dem Text „Nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod hat er frei bestimmt, Dieter Kunzelmann, 1939–1998“ schalten. 20 Jahre später ist Kunzelmann im Alter von 78 Jahren nun also tatsächlich gestorben. Unter welchen Umständen, wollte Ströbele nicht sagen. Ohnehin sei der Kontakt zuletzt eher „sporadisch gewesen, wenn ich ihn in Kreuzberg getroffen habe“.

Kunzelmann sei nach Auskunft seiner Familie in seiner Kreuzberger Wohnung gestorben. „Das ist eine traurige Nachricht“, sagte Ströbele. Wo der Polit-Aktivist nun seine letzte Ruhestätte finden soll und in welchem Rahmen eine Trauerfeier stattfinden soll, „das muss die Familie noch entscheiden, es gibt noch keine weiteren Einzelheiten“, so Ströbele weiter.

Dieter Kunzelmann startete seine Karriere als einer der bekanntesten Störer der Bundesrepublik Anfang der 60er-Jahre als Mitglied der Münchener Künstlergruppe SPUR. Nach Auflösung der Gruppe fiel er vor allem durch von ihm mit organisierte Happenings und Flugblatt-Aktionen auf. Nach seinem Umzug nach West-Berlin wurde er schnell einer der bekanntesten Protagonisten der 68er-Bewegung in West-Berlin und Mitbegründer der legendären Kommune 1 und Aktivist der Außerparlamentarischen Opposition (APO).

Mit Spaß-Aktionen hatten seine Aktivitäten in seinen ersten Berliner Jahren jedoch nichts zu tun. So reiste Kunzelmann mit Gleichgesinnten 1969 nach Jordanien, um mit der palästinensischen Fatah Kontakt aufzunehmen und sich im Bau von Bomben ausbilden zu lassen. Am 9. November 1969 wurde ein Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin versucht, wegen eines technischen Defekts explodierte der Sprengkörper jedoch nicht. In einem Flugblatt bekannte sich eine linksradikale Gruppe namens „Schwarze Ratten/Tupamaros West-Berlin“ zu dem Anschlag – als deren Kopf galt Kunzelmann. Zu einer Verurteilung kam es nicht. In seiner 1998 erschienenen Autobiografie bestritt Kunzelmann eine Beteiligung an dem Anschlag.

Mehrere Anschläge und Haftstrafen

Gegen Ende der 60er-Jahre war Kunzelmann jedoch mehrmals in Haft. 1970 wurde er wegen eines Anschlags mit einem Molotow-Cocktail auf die Villa des damaligen „BZ“-Chefredakteurs verhaftet. Kunzelmann saß über drei Jahre in Haft. Nach seiner Entlassung 1975 machte er eine Ausbildung zum Drucker.

In den 80er-Jahren brachte es Dieter Kunzelmann sogar bis ins Berliner Abgeordnetenhaus: Von 1983 bis 1985 war er für knapp zwei Jahre Abgeordneter der Alternativen Liste. Anschließend arbeitete er als Archivar in der Anwaltskanzlei von Hans-Christian Ströbele.

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