Prozess in Moabit

Jesidischer Vater schoss, weil Tochter mit Muslim liiert war

Tarek Ay. wollte seine Tochter nach Hause holen und schoss auf ihren Freund. Jetzt steht er wegen versuchten Totschlags vor Gericht.

Das Kriminalgericht in Berlin.

Das Kriminalgericht in Berlin.

Foto: dpa

Berlin. Die 18-jährige Gülsen Ay. wollte im Februar vergangenen Jahres angeblich nur einkaufen fahren; ins Zentrum des niedersächsischen Cloppenburg. Sie kam nicht wieder. Immer wieder habe sie versucht, die Tochter anzurufen, sagt ihre Mutter Seyran Ay. am Dienstag vor einem Moabiter Schwurgericht.

Die 38-Jährige müsste eigentlich nicht aussagen. Ihr Mann ist in diesem Prozess der Angeklagte, und sie hat deswegen ein Zeugnisverweigerungsrecht. Tarek Ay. schweigt. Aber seine Frau will reden. Seyran Ay. berichtet von ihrer Verzweiflung, dem vergeblichen Warten auf eine Nachricht der Tochter, den Beschwichtigungsversuchen der Polizei, die erst nach 24 Stunden eine Vermisstenmeldung annehmen wollten.

Nach 14 Tagen habe es dann die erste ersehnte Mitteilung gegeben: Ihrer Tochter wurde gefunden, sie hält sich in Berlin auf, wurde der Familie Ay. von der Polizei mitgeteilt. „Eine genaue Adresse haben wir nicht bekommen“, sagt Seyran Ay. Am 8. März 2017 habe sie dann eine SMS von ihrer Tochter erhalten: „Ich möchte nach Hause, kann mich bitte jemand abholen?“ Aber sie nannte keine Adresse. Es folgte ein Anruf. Von einem Mann den Seyran und Tarek Ay. nicht kannten, der aber, wie er am Telefon sagte, schon seit drei Jahren mit der Tochter liiert sei. „Ich bin ihr Ehemann“, soll der 30-jährige Hadi A. gesagt haben. Im Hintergrund habe sie das Weinen der Tochter gehört, so Seyran Ay. Und dann soll Hadi A. noch gesgat haben, dass Gülsen Ay. zum Islam konvertiert sei - die Familie Ay. sind Jesiden, wenn ein Kind einen Muslim heiratet, wird es aus der Gemeinschaft der Jesiden ausgeschlossen.

Es gab noch weitere vergebliche Kontaktversuche. Familie Ay. fuhr mehrfach mit ihrem VW Golf aus Cloppenburg nach Berlin, um Gülsen zu suchen. So auch am 6. Oktober. Vermutlich hatten sie einen Tipp bekommen, wo sich die Tochter aufhalten könnte. Seyran Ay. erzählt es ein wenig anders. Sie will in der Prinzenstraße in Gesundbrunnen aus dem Auto heraus einen Mann und zwei voll verschleierte Frauen gesehen haben und stutzig geworden sein - weil eine der Frauen so lief wie ihre Tochter und ihre Figur hatte. Sie sei ausgestiegen und den drei Personen gefolgt, so Seyran Ay. Bis zu einer Haltestelle „Ich habe ihr in die Augen geschaut. Es war Gülsen. Sie hat sich weggedreht, geweint und zu der anderen Frau gesagt: Das ist meine Mutter.“

"Er hat ausgesehen, als wäre er nicht bei Sinnen"

Seyran Ay. kämpft mit den Tränen, als sie das erzählt. Ein Mann sei plötzlich dazu gekommen, habe sie drohend angeschaut, es war Hadi A. Aber sie habe sich nicht verdrängen lassen, der Tochter den Schleier weggezogen und ihre Hand genommen. Hadi A. habe sie weggeschoben und sie, als sie sich immer noch wehrte, zweimal zu Boden geworfen. Aber sie habe nicht aufgegeben, sei wieder aufgestanden, wollte wieder hin zur Tochter, die wie erstarrt gestanden und nichts gesagt habe. Seyran Ay. weiß noch, dass Hadi A. sie in den Schwitzkasten genommen und ihr die Luft abgedrückt habe, bis ihr „schwindlig geworden“ sei. Sie erinnert sich an Schreie ihres Mannes: „Er hat ausgesehen, als wäre er nicht bei Sinnen.“ Sie weiß noch, dass Hadi A. sie losgelassen habe und dass mehrere Schüsse fielen. Den Ermittlungen zufolge soll sie ihren Mann noch daran gehindert haben, weitere Schüsse abzugeben. Hadi A. wurde viermal in Hals, Brust und Beine getroffen. Er konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden.

Familie Ay. wurde Minuten nach Tat mit ihrem Wagen gestoppt. Ein Polizist sagt vor Gericht, dass ihm der gesuchte schwarze Golf mit dem Cloppenburger Kennzeichen CLP sofort aufgefallen sei. Im Wagen saßen Tarek, Seyran und Gülsen Ay. Auf dem Beifahrersitz lag unter einem Basecap die Pistole. Tarek Ay. habe sich nicht gewehrt, so der Polizist. Er habe immer wieder gesagt: „Wir sind Jesiden und meine Tochter ist mit einem IS-Anhänger zusammen“. Der Prozess wird fortgesetzt.

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