TYPO Berlin

Die Schriften der Zukunft

Jürgen Siebert ist Programmdirektor der TYPO Berlin. Ein Gespräch über die Berliner Szene, neue Standards und gute Buchstaben.

Foto: Norman Posselt

Berlin. Herr Siebert, wir sitzen hier in der Kreuzberger Büro-Etage von Monotype. Womit beschäftigen Sie sich genau?

Jürgen Siebert: In diesem Büro sitzen wir schon seit 1991. Damals wurde „Fontshop“von Erik Spiekermann und seiner Frau Joan Spiekermann in Berlin gegründet. Vor vier Jahren wurden wir von Monotype übernommen, einem weltweit operierenden Schriftenhaus. „Fontshop“ startete als Versandhaus für digitale Schriften. Das war damals ganz neues Gebiet. In Fotosatz oder in Bleisatzzeiten war es ja so, dass Schriften eng gekoppelt waren an die Maschinen. Das heißt, man hat sich eine Berthold-Maschine, eine Monotype oder eine Linotype gekauft und nur dafür die passenden Schriften bekommen. Mit der Digitalisierung und dem sogenannten Desktop-Publishing, das wir heute noch betreiben, wurde der Schriftenmarkt liberalisiert. Schriften waren nicht mehr an ein System gebunden, man konnte sie sich frei kaufen und damit am PC oder am Macintosh Seiten bauen und gestalten. Diesen neuen Markt hat Erik Spiekermann damals erkannt und deswegen haben wir „Fontshop“ gegründet. Der Name beschreibt das Geschäftsziel.

Sie entwickeln und verkaufen Schriften.

Um es mal mit dem Vertrieb von Büchern zu vergleichen: Wir sind so etwas wie ein Buchhändler, der die Produkte von den Verlagen geliefert bekommt…nur dass unsere Produkte Fonts sind und die Verlage „Foundries“ oder „Schrifthersteller“ heißen. Parallel dazu betreiben wir unseren eigenen Verlag und bringen auch eigene Fonts heraus.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie hier?

In den letzten Jahren waren es konstant immer so 90 bis 100 Menschen. Das sind ganz verschiedene Berufsgruppen. Wir haben Sales-Leute, die reden mit Agenturen und Marken. Manchmal geht es darum, den Zeichensatz auszubauen: Wenn ein Unternehmen zum Beispiel entscheidet, nach Asien zu gehen, dann sind die Zeichen oft in der Schrift nicht drin, und die müssen von unseren Ingenieuren dann ergänzt werden. Hier sind ungefähr ein Viertel Sales-Leute, ein Viertel Type-Designer und Font-Ingenieure, bisschen Marketing, und der Rest sind die Buchhalter, die Personalabteilung, EDV, Techniker.

Warum und wann sollte man für Schriften Geld ausgeben?

Für meinen privaten Gebrauch kann ich mir ja irgendetwas aus dem Internet zusammensuchen. Für Privatleute sind alle Schriften da, die man braucht, einschließlich Comic Sans, um auch mal etwas lustig aussehen zu lassen. Wir sind aber das, was man in der Wirtschaft b2b nennt, also „business to business“: Wir bieten unsere Schriften – also die Schriften, die wir für gut halten, die wir ins Programmaufnehmen und die wir auch selbst entwickeln lassen –Unternehmen an. Wenn ich einen Profifotografen für meine Hochzeit buche, dann kostet mich das Geld, weil ich weiß, dass tolle Bilder entstehen. Der professionelle Bereich ist sich sehr bewusst darüber, wie wichtig Schrift ist, wie wichtig die Qualität der Schrift ist, vor allem die Darstellungsqualität. Denken Sie allein an die Armaturenbretter im Auto und alle möglichen anderen Anzeigen, die auch immer digitaler werden. Das muss alles gut lesbar sein. Gerade in dem Bereich, wo es um Sicherheit geht: Flughafenbeschilderungen zum Beispiel. Straßenbeschilderungen im Verkehr. Oder Bücher. Wenn Sie mehrere Stunden lang lesen wollen, brauchen Sie eine gute Schrift, um nicht müde Augen oder Kopfschmerzen zu bekommen.

Wozu braucht man eigentlich so viele verschiedene Schriften?

Wenn man sich einmal aufmerksam anschaut, was im Briefkasten landet oder auch in den E-Mails, was in der Werbung, im Fernsehen und in Zeitschriften passiert, dann erkennt man doch rasch, dass es viele verschiedene Schriften gibt, dass viele Schriften auch identitätsstiftend für Unternehmen sind. Wenn ich an große Marken denke wie Mercedes Benz, Volkswagen oder Lufthansa – oder ein jüngeres Beispiel: „Fritz Kola“ – dann sind das Unternehmen, die auch durch Schrift Identität haben. Das merken Sie zum Beispiel an Werbeanzeigen, wo man nur die Schrift sieht – und man schon ahnt, um welche Marke es sich handelt.

Können Sie ein paar Beispiele nennen, wo Sie als Unternehmen Ihre Handschrift hinterlassen haben?

Die Schrift von „Fritz Kola“ ist bei uns entstanden. Die zeige ich auch gern in Vorträgen, weil es eine recht junge Marke und die Schrift erst seit 6 oder 7 Jahren im Einsatz ist. Trotzdem ist es dem Unternehmen gelungen, sich damit von anderen Softdrink-Herstellern zu unterscheiden. Man kann die Marke anhand der Schrift erahnen. Diese Schrift wird nur von diesem Unternehmen verwendet, man kann sie auch nicht kaufen.

Haben Sie Bestseller in Ihrem Angebot?

Es gibt dauerhafte Bestseller, die auch nach Jahrzehnten ihre Funktion erfüllen. Mir fällt spontan die Frutiger ein, die von Adrian Frutiger für den französischen Flughafen Charles de Gaulle entworfen wurde. Die Schrift ist nach wie vor sehr gut lesbar und für Leitsysteme und Beschilderungen immer noch gut verwendbar. Dass sie so erfolgreich ist, sieht man daran, dass sie schon mehrfach ausgebaut wurde. Man hat heute andere Ansprüche an Schriften als zu damaligen Zeiten. Gerade wenn man sich das Branding anschaut, wo die Schriftgestaltung auch Moden unterliegt – bis vor Kurzem waren vor allem die leichten Schriftschnitte in Mode, light oder auch thin. Die Klassiker gab es in diesen Schriftschnitten gar nicht, das ließ sich nicht so leicht herstellen. Im digitalen Bereich ist man, was die Strichstärken der Schriften angeht, von thin bis black, viel flexibler. Die jüngeren Schriften werden auch gleich in dieser Ausstattung geliefert.

Was ist die weltweit am meisten verwendete Schrift?

Helvetica ist zumindest die populärste Schrift und sie ist auch automatisch deshalb weitverbreitet, weil sie auf allen Rechnern installiert ist, also Teil der Betriebssysteme ist. Dasselbe trifft auf Times zu, da kommt noch hinzu, dass diese Schrift für viele Behörden, zum Beispiel in den USA, verbindlich ist: Times, 12 Punkt. Aushängeschriften, Briefwechsel, PDFs werden so generiert. Messbar ist das nur schwer, aber in bestimmten Anwendungsbereichen haben sich bestimmte Schriften festgesetzt und werden uns auch noch ein paar Jährchen begleiten.

Sind Sie das einzige Unternehmen dieser Art in Berlin?

Nein. Berlin ist eine kleine Hauptstadt der Schriftschöpfung. Es gibt eine Website, die heißt typeinberlin. Es gibt 25 Unternehmen hier in der Stadt, die Schriften herausbringen und davon leben. Rund 50 Personen, die Schriften entwerfen und herstellen. Wir kennen uns alle irgendwie, und wenn jemand Neues dazustößt, dann wird diese Webseite auch aktualisiert. Das hat verschiedene Gründe, Font Shop und Metadesign haben einen Beitrag dazu geleistet, auch die Konferenz, die wir jetzt seit 22 Jahren machen. Es gibt einen Typo-Stammtisch, der sich einmal im Monat trifft. Das sind alles Einrichtungen, die hier ein bestimmtes Umfeld generiert haben, für Studenten, Studierende oder Absolventen. Die siedeln sich hier an und sagen: Hier habe ich ein gutes professionelles Umfeld, Auftraggeber suchen hier nach Talenten.

Was ist derzeit das größte Thema in der Branche?

Eindeutig Variable Fonts. Wir arbeiten an einem neuen Standard. Es gibt seit etwas mehr als einem Jahr dieses neue Font-Format, von dem der Verbraucher noch nichts merkt und auch die User nicht so viel. Das Besondere ist, dass ich Zukunft nicht mehr mit einzelnen Font-Dateien arbeite, die sich dann Light, Bold, Extrabold, Black und so weiter nennen. Ich habe stattdessen eine Font-Datei, in der der Mechanismus zur Berechnung der Strichstärke hinterlegt ist. Ich habe dann von Light bis Black zig Strichstärken, auf die ich auf verschiedene Weise Zugriff haben kann. Diese Datei enthält dann zum Beispiel Schriften, die früher zehn einzelne Fonts waren. Die ist kaum größer als eine einzelne Font-Datei, weil nicht die Fonts selbst, sondern die Beschreibung enthält, wie man von Light nach Black kommt. Das ist die eine Achse, die Achse der Strichstärke. Ich kann dem jetzt noch eine zweite Achse hinzufügen, zum Beispiel die Buchstabenbreite. Da gibt’s ja so was wie Compressed, Condensed, Normal, Extended, Extra Wide. Dann habe ich schon eine zweidimensionale Fontfläche – und auch da gilt, die Datei wird kaum größer. Ich habe also eine Datei mit einer Schriftenvielfalt, die früher 40, 50 Fonts und mehr entsprach. Jetzt könnte ich noch eine weitere Achse hinzufügen, zum Beispiel die Höhe der kleinen Buchstaben. Man kann bis zu 64.000 solcher Achsen in eine Fontdatei einbauen. Das ist eine unvorstellbare Dimension. Wir können uns als Menschen ja schon eine mehr als dreidimensionale Räumlichkeit kaum vorstellen. Die gesamte Anzahl der Moleküle im Weltraum soll nicht größer sein als 10 hoch 85, wir reden aber hier von 10 hoch 64.000. Damit ist klar, dass der Font-Standard, der jetzt definiert wurde, ein paar Jahre Gültigkeit haben wird. Er ist ausreichend groß und sehr flexibel. Die ersten Foundries haben es schon geschafft, ihre gesamte Bibliothek in einen Font einzubauen. Das sind Experimente, in denen wir uns mit diesem Standard anfreunden. Und die gesamte Font-Industrie ist sich einig, dass das ein guter Standard ist. Dasselbe gilt für die Hersteller von Betriebssystemen, Browsern und so weiter. Es entwickelt keiner ein proprietäres Format.

Was bedeutet das praktisch?

Wir machen das, weil in Zukunft ganz andere Anforderungen an Schrift gestellt werden. Denken Sie an Virtual Reality oder denken Sie daran, dass wir alle Smartphones haben, die mit Sensoren ausgestattet sind. Wenn Sie gerade laufen, könnte eine Schrift anders dargestellt werden, als wenn ich stehe. Das heißt: Dieses neue, hochflexible Format wird vor allem im Digitalen seine Möglichkeiten entfalten. Da schreiben Sie einmal einen Code, und es entfällt die ganze nervige Kleinarbeit des Austauschens von Buchstaben. Das führt zu besser lesbaren Texten auf den Bildschirmen, als es jemals in der Druckform möglich war. Schrift kann sich dann automatisch an Hintergründe anpassen und auf sie reagieren. Im Auto zum Beispiel ist es vorstellbar, dass wir die Informationen, die wir brauchen, eines Tages in der Windschutzscheibe lesen. Die Schrift wird sich an Bewegung und Lichtverhältnisse anpassen. Als Beifahrer kann ich dann sagen, ich möchte lieber meine Tweets lesen oder Facebook, und da kommt da ein anderes Design. Das ist die Zukunftsmusik, und die Zukunft ist definiert. In diesem Jahr hatten wir auf unserer Typo Labs Konferenz die CSS Working Group dabei. Da sitzen Vertreter von Google, von Apple, von Microsoft, Samsung –von Unternehmen also, in deren Geräten Schrift arbeitet. Das kann auch ein Kühlschrank sein mit einem Display. Diese Gruppe hat dort ihre Jahrestagung gemacht, und so sind sich zwei Arbeitssphären bedeutend näher gekommen: Nämlich die Font-Industrie und die Industrie, die die Fonts implementiert.

Die Typo Berlin steht jetzt bevor, die größere Veranstaltung.

Die Typo Berlin ist eine Veranstaltung für die Kreativen. Sie wendet sich an die Leute, die die Schrift benutzen. Wir haben 1995 angefangen. Es gibt fünf verschiedene Programmachsen. Wir haben etwa die „Talent Talks“ mit jungen Leuten aus aller Welt. Das Programmist kuratiert von der kalifornischen Designprofessorin Kali Nikitas. Die schickt immer zwei Talente pro Stunde auf die Bühne, und die stellen da verrückte Sachen vor, die sich große Agenturen nicht mehr erlauben können. Das kann sehr anregend und überraschend sein. Und dann haben wir die „Brand Talks“, die sind, genau wie die „Talent Talks“, kleine Konferenzen in der Konferenz. Bei den „Brand Talks“ kommen erfahrene Designagenturen auf die Bühne und Corporate-Identity-Agenturen zusammen mit ihren jeweiligen Auftraggebern. Die stellen dann ein aktuelles Branding-Projekt vor. Hinzu kommt all das, was es immer gab: Es kommen Design-Stars aus den USA oder aus England oder aus Holland, die irgendetwas auf der Bühne machen. Dazu kommen zahlreiche Workshops, zum Beispiel: Wie entwickele ich eine Schrift oder ein Logo? Man kann sich da leicht ein eigenes Programmgestalten, ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen. Wir haben bis zu 2000 Besucher auf der Konferenz, wir verkaufen rund 1500 Tickets. Es gibt Bereiche, die frei zugänglich sind im Haus der Kulturen, wir kontrollieren eigentlich nur die Eingänge der drei großen Säle.

Wie hat sich die Typo Berlin entwickelt?

Die Konferenz begann nur mit einem Track, wo wir ein bisschen rumgesponnen haben. Es wurde dann über die Jahre immer mehr und immer größer. Und mit wachsendem Renommee bekommt man auch viele Design-Weltstars wie Neville Brody, David Carson, Christoph Niemann, Stefan Sagmeister oder Klaus Voormann.

Wie sind Sie zu dem gekommen, was Sie heute machen?

Ich habe eigentlich Physik studiert. Ich hatte zwar immer eine Affinität zu Grafik und Gestaltung, wollte das aber nicht studieren. Mich haben Naturwissenschaften interessiert. Eigentlich, viel zu spät und am Ende des Studiums, habe ich gemerkt, dass es ein sehr fachspezifisches Studium ist. Das merkt man allein an den ganzen Sparten, die sich da ausgebildet haben: Geophysik, Astrophysik, experimentelle und theoretische Physik und so weiter. In einer dieser Disziplinen muss man dann landen und dann macht man den ganzen Tag nichts anderes, im Labor oder wo auch immer. Und das ist nicht mein Naturell, ich bin eher Generalist. Schon während des Studiums habe ich mich als Wissenschaftsjournalist betätigt. Ein Hamburger Computerzeitschriftenverlag rief mich an, die waren auf der Suche nach einem technischen Redakteur. Als ich ankam, sagten die, sie wollten eine neue Zeitschrift für Desktop-Publishing gründen, die sollte „Page“ heißen. Das Konzept hat mich sofort überzeugt, ich dachte: Anders kann man Drucksachen eigentlich gar nicht mehr machen. Und so kam ich in Kontakt mit Leuten in der Szene, etwa mit Erik Spiekermann, dem ich eine monatliche Kolumne gegeben habe, wo er neue und alte Schriften vorgestellt hat. Oder mit Unternehmern wie Kay Krause. Nach „Page“ bin ich dann zu Fontshop gekommen.

Designkonferenz „TYPO Berlin“

Vom 17. bis zum 19. Mai findet im Haus der Kulturen der Welt die „TYPO Berlin“ statt, eine europäische Designkonferenz, die mit mehr als 1600 Teilnehmern und über 60 Sprechern zu den größten ihrer Art zählt. Auf ihr treffen sich Designer, Marken-Experten, Spezialisten für digitale Schriftarten und viele andere Kreative mehr. Die Berliner Illustrirte Zeitung, das Wochenend-Magazin der Morgenpost, hat diese Konferenz zum Anlass genommen, sich umfassend mit dem Thema Typografie zu beschäftigen.

Die komplette Sonderausgabe als PDF zum Download - hier.

Die gestalterische Federführung der Zeitung haben wir dabei Erik Spiekermann und Ferdinand Ulrich überlassen. Erik Spiekermann ist vieles in einem: Schriftgestalter,Typograf, Autor und Gründer von Designagenturen. Ferdinand Ulrich ist Typograf und Schrifthistoriker. Er betreibt Recherchen zur Geschichte der Typografie und arbeitet mit Spiekermann in der Galerie p98a.berlin als typografischer Gestalter.

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