TYPO Berlin

Wieso Straßenschilder in Berlin so unterschiedlich aussehen

Wer sich den Schilderwald der Hauptstadt genau ansieht, erkennt viele Unterschiede. Woher kommen die eigentlich? Eine Spurensuche.

Foto: Norman Posselt

Berlin. Zu den schönsten Eigenheiten, die man im öffentlichen Raum Berlins beobachten kann, zählt eine Ligatur, also die Verbindung von zwei Buchstaben zu einer Drucktype. Das „tz“ mit dem markanten Unterschlingen-z macht sofort erkennbar, dass man in der Hauptstadt ist, vielleicht am Nollendorfplatz oder in der Nostitzstraße.

Wer aber etwas genauer hinschaut, muss feststellen, dass das schriftliche Erscheinungsbild alles andere als einheitlich ist. Vergleicht man zum Beispiel die Schilder in der Bötzowstraße in Prenzlauer Berg miteinander, stellt man fest, dass auf dem einen Schild mit, auf dem nächsten wiederum ohne Ligatur gearbeitet wurde. An der Hildegard-Jadamowitz-Straße in Friedrichshain findet sich eine vollständig andere Type, an stark frequentierten, historisch bedeutsamen Orten wie dem Pariser Platz noch eine andere. Warum ist das so?

Dafür gibt es historische und produktionstechnische Gründe. „Die ältesten Berliner Straßenschilder basieren offenbar auf einer Schrift namens Erbar Grotesk, die von der Frankfurter Schriftgießerei Ludwig & Mayer erstmals um 1926 gegossen wurde und auch das typische Eszett sowie die tz-Ligatur mit Unterschlingen-z aufweist“, schreibt der Typograf und Grafikdesigner Florian Hardwig, der zusammen mit seinen Kollegen Fritz Grögel, Verena Gerlach und Andreas Frohloff die Geschichte der Berliner Straßenbeschilderung recherchiert hat.

Es ist nicht ganz zu klären, wann diese Schilder aufkamen. Die Typografen vermuten, es sei noch vor dem Zweiten Weltkrieg geschehen. Spätestens jedoch mit dem Frakturverbot durch die Nationalsozialisten im Jahr 1941, das für alle öffentlichen Schreiben, aber auch für Straßenschilder den Übergang zur Antiqua vorschrieb, also zur klassischen Schrift mit gerundeten Bögen, dürfte es so weit gewesen sein. Die Emailleschilder wurden zunächst gemalt, später im Siebdruckverfahren hergestellt, heute kommen Plotter zum Einsatz.

Im Osten verlegte man sich nach der Teilung auf ein anderes Verfahren, das auch mit einer neuen Schrifttype einherging. Die aus Plastik bestehenden Schilder, die seit den 50erJahren die erneuerungsbedürftigen Schilder ersetzten, bestehen aus drei Schichten: zwei weißen, außen liegenden und einer schwarzen im Innern. „Die Buchstabenformen sind in die weißen Außenschichten eingefräst und legen die schwarze Kernschicht frei“, schreiben die Typografen.

Auch hier gibt es feine Unterschiede: Werden die Striche in nur einem Durchgang gefräst, bleiben runde Enden der Buchstaben zurück. Wenn man die Linie ein zweites Mal nachfräst, werden diese eckig. Aufgrund des Materials sind diese Schilder extrem witterungsbeständig – was für Freunde schöner Typografie sicherlich keine gute Nachricht ist. Denn ästhetisch vermag die gedrungene Schrift mit erstaunlich hässlichem ß die wenigsten zu überzeugen.

So waren also schon vor der Wiedervereinigung in der Stadt zwei verschiedene Schildertypen präsent – ergänzt von einem (viel selteneren) dritten: An besonderen historischen Plätzen bemühte sich der Senat darum, die originale, aus historischen Quellen überlieferte Beschilderung zu rekonstruieren, so geschehen etwa am Pariser Platz. Bei den vielen anderen Schildern knüpfte man an die Vorkriegstraditionen an. Dass auch hierbei keine einheitliche Handschrift zustande kam und immer wieder Unterschiede sichtbar werden, liegt daran, dass die Verwaltung die Formgebung im Wesentlichen den Schildermachern überlässt. „In Städten wie London oder Paris gibt es ein besseres Bewusstsein für die Gestaltung von Buchstaben“, sagt der Schriftgestalter Andreas Frohloff.

Frohloff hat Mitte der Neunziger Jahre für die Firma Poetter, einen der größeren Berliner Schilderhersteller, eine überarbeitete Version der Schilderschrift vorgelegt. Sie kommt nun zum Einsatz, wenn ein neues Schild hergestellt wird. Dass dabei die schöne „tz“-Ligatur manchmal nicht verwendet wird, obwohl sie in Frohloffs Schrift vorhanden ist, kann schlicht daran liegen, dass die Ligatur keine eigene Taste auf dem Gerät hat, sondern mit einer Tastenkombination erzeugt werden muss. Das übersehen die Schildermacher manchmal. Und so wird es in Berlin wohl bleiben, wie es immer schon gewesen ist: etwas wurstig und chaotisch. Man kann das auch sympathisch finden.

Designkonferenz „TYPO Berlin“

Vom 17. bis zum 19. Mai findet im Haus der Kulturen der Welt die „tYPo Berlin“ statt, eine europäische Designkonferenz, die mit mehr als 1600 Teilnehmern und über 60 Sprechern zu den größten ihrer Art zählt. Auf ihr treffen sich Designer, Marken-Experten, Spezialisten für digitale Schriftarten und viele andere Kreative mehr. Die Berliner Illustrirte Zeitung, das Wochenend-Magazin der Morgenpost, hat diese Konferenz zum Anlass genommen, sich umfassend mit dem Thema Typografie zu beschäftigen.

Die komplette Sonderausgabe als PDF zum Download - hier.

Die gestalterische Federführung der Zeitung haben wir dabei Erik Spiekermann und Ferdinand Ulrich überlassen. Erik Spiekermann ist vieles in einem: Schriftgestalter,Typograf, Autor und Gründer von Designagenturen. Ferdinand Ulrich ist Typograf und Schrifthistoriker. Er betreibt Recherchen zur Geschichte der Typografie und arbeitet mit Spiekermann in der Galerie p98a.berlin als typografischer Gestalter.

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