Literatur in Berlin

E-Book-Verlegerin: „Das Smartphone rettet das Lesen“

Nikola Richter gehört zur kleinen Schar der Verlegerinnen von E-Books – und glaubt fest an deren Siegeszug

Nikola Richter ist überzeugt: Wer heute jung ist, liest auch als Erwachsener nicht auf Papier

Nikola Richter ist überzeugt: Wer heute jung ist, liest auch als Erwachsener nicht auf Papier

Foto: Reto Klar

Berlin. Nikola Richter glaubt fest daran, dass ihr die Geschichte recht geben wird. Zwar hat die Verlegerin von elektronischen Büchern schon viele Onlineverlage sterben sehen. Aber die Zeit arbeite für sie. „Das Smartphone rettet das Lesen“, sagt die 41 Jahre alte Literaturwissenschaftlerin, die mit ihrer Firma Mikrotext seit 2013 jedes Jahr sechs bis acht Titel mit zum Teil avantgardistischen Texten herausbringt. Damit gehört die gebürtige Bremerin zu der knappen Handvoll von Kleinstverlagen, die sich in Berlin dem wirklich elektronischen Pu­blizieren von Literatur widmen.

Neulich habe sie mit einem japanischen Studenten gesprochen, berichtet die Verlegerin. Noch würden die Erwachsenen Bücher als gedruckte Werke kennen und vielfach schätzen, sagte der junge Mann. Aber was sei mit unseren Kindern, die nur mit digitalen Geräten, Smartphones oder Tablets, aufwachsen?

Kurze Texte laufen auf dem Smartphone besser als lange

Wenn also in einigen Jahren überhaupt noch Literatur außerhalb einer kleinen kulturellen Elite konsumiert werden soll, dann müsse die digital verfügbar sein, schlussfolgert Nikola Richter. Und wenn der Durchbruch für E-Books wirklich komme, dann werde sie mit ihrem Mikrotext-Verlag ein „historisches Angebot an Literatur haben“ – und im Wettbewerb vorne liegen.

Die Art von Texten passt Richter schon heute an die Lesegewohnheiten auf digitalen Geräten an, obwohl man grundsätzlich auch einen langen Roman am Bildschirm lesen könne. „Alle episodischen Formen“ liefen gut. Denn wer auf dem Smartphone lese, werde womöglich öfter unterbrochen als ein Roman-Konsument im Lehnstuhl.

Kein Wunder, dass gesammelte Facebook-Posts der österreichischen Star-Autorin Stefanie Sargnagel unter dem Titel „In der Zukunft sind wir alle tot“ eine Perle im Sortiment bilden. Komplett mit Zeichnungen der auch als Künstlerin tätigen Schriftstellerin. Oder die tagebuchartigen Texte der Syrerin Rasha Abbas. Es gehe darum, das „unendliche Manuskript im Netz einmal anzuhalten“, durch Auswahl und Reihenfolge der Publikation ein Unikat zu schaffen und damit „Referenzpunkte für Lektüren“ zu schaffen, über die man sprechen könne. Denn aus ihrer Sicht habe das Büchermachen auch viel mit „Haltung“ zu tun, indem politisch brisante Themen aufgegriffen werden.

Das ist der Anspruch von Nikola Richter und ihren wenigen Kolleginnen aus der E-Book-Branche. Sie wählen Autoren und Texte sorgsam aus, lektorieren und redigieren sorgfältig und gestalten die Bücher attraktiv. Das unterscheidet sie von der großen Zahl von „Self-Publishing“-Angeboten, wo jeder sein eigenes Buch digital herstellen kann.

Deswegen hält es Richter für eine Frech­heit, wenn sie nicht als Verlag angesehen wird oder der Begriff für ihre Tätigkeit in Anführungszeichen gesetzt wird. Die Titel sind zunächst für das Internet gedacht, aber auch gedruckt lieferbar. Anders als bei „Hardcover-Doppelgängern“, die die etablierten Verlage anbieten, sind die Werke in den „Online-first“ als E-Books deutlich billiger als in der Hardcoverversion. E-Books kosten bei ihr zwischen 99 Cent und 3,99 Euro. Bei ihr werden ältere Titel nicht verramscht, im Gegenteil. Sie werden mit der Zeit teuer, schließlich seien sie für unendliche Zeit lieferbar, erklärt die Verlegerin einen weiteren Vorteil von digital konsumierter Literatur.

Ihre persönliche Hinwendung zum E-Book erklärt sich auch aus ihrer Biografie. Früher sei sie viel unterwegs gewesen, berichtet die 41-Jährige, habe in verschiedenen Ländern ein „transnationales Leben geführt“ und so erkannt, dass es aufwendig sein kann, dicke Bücher mitzuschleppen. Als sie dann ihre beiden Kinder bekam, die heute drei und sechs Jahre alt sind, passte das digitale Verlegen und Lesen gut zum Zeitmanagement einer beanspruchten Mutter.

Aus Sicht von Christiane Frohmann, die ebenfalls digitale Bücher verlegt, ist das E-Book-Machen vor allem eine Frage der Ressourcen. Man spare halt enorme Kosten für Druck und Vertrieb ein, wenn man die Werke per Mausklick um die ganze Welt senden könne. Sie könne keinen Widerspruch zwischen Buch und E-Book erkennen, so die Unternehmerin. Sie selbst produziert auch hochwerte Druckwerke. E-Books empfindet sie eher als die heutigen Taschenbücher. Elektronische Formate seien sehr flexibel, niemand müsse wie die Print-Verlage auf eine durch vier teilbare Seitenzahl achten oder auf einen Umfang zwischen 200 und 300 Seiten, der für die Verlage die beste Marge bedeute.

Wie ihre Kollegin Richter beklagt Frohmann die starke Lobbyarbeit eta­blierter Verlage gegen das elektronische Produkt. Die großen Firmen fürchteten um ihre Einnahmen aus dem Verkauf von Print-Werken. Auch deshalb seien E-Books nur unwesentlich billiger. Als echten Wettbewerbsnachteil empfinden die E-Book-Verlegerinnen die Mehrwertsteuer-Regelung. Auf Bücher entfällt sieben Prozent, für E-Books 19 Prozent. „E-Books gelten hier nicht als Kulturgut, sondern als digitales Produkt“, erklärt Nikola Richter. Sie und Frohmann hoffen, dass sich das bald ändert.

Verkauf und Vertrieb stellen für die Kleinunternehmerinnen immer noch ein Problem dar. Dabei reiche die Zielgruppe für ihr Angebot weit über die digital­affine Jugend hinaus. E-Books seien auch sehr attraktiv für ältere Literaturfreunde, ist Nikola Richter überzeugt. Allein die Tatsache, dass man auf digitalen Lesegeräten die Buchstaben größer stellen kann, sei für viele ältere Leser ein gewichtiges Argument. Was jedoch fehle in Deutschland, sei eine funktionierende Plattform, über die digitale Literatur angeboten werden könne. Anders als die klassischen Verlage würden die Onliner gerne dabei kooperieren. Sie hoffen eine Kultureinrichtung oder eine Bibliothek zu gewinnen, um diese Funktion als Mittler zum Publikum zu übernehmen. Jetzt sind sie auf die Dienste des ungeliebten Groß-Verkäufers Amazon angewiesen, um ihre Titel zuverlässig zu den Kunden zu bringen.

Entscheidend ist eine gute Position bei Amazon

Um in dem unendlichen Angebot des US-Multis aber aufzufallen, müssen sich die Frauen ein paar Tricks angewöhnen, um den allmächtigen Auswahl-Algorithmus zu überlisten. Vor allem geht es um die Such-Schlagworte, mit denen sie ihre Bücher versehen müssen. Den Essay-Band „Hacking Coyote“, der sich auf Englisch mit widerständigem Treiben im Internet befasst, hat Richter bei Amazon mit den Begriffen „Füchse“ und „Wölfe“ verbunden, auf dem Cover ist ein Fuchs abgebildet. Unter diesen Schlagworten ploppt das Werk bei Amazon weit vorne auf und wurde häufiger geordert. Aber, so bekennt die Verlegerin, sie selbst verstehe nicht wirklich, nach welchen Begriffen Amazon bestimmte Werke auswählt und andere eben nicht.

Um unabhängig von den großen Plattformen zu werden, hat Mikrotext auch ein Monatsabonnement im Angebot. Für 2,50 Euro im Monat bekommt man alle Neuerscheinungen zur Lektüre geliefert. „Wenn ich 500 Abos mehr hätte, könnte ich gut von meiner Arbeit leben“, sagt die Verlegerin. In diesem Jahr hat sie ihren bisherigen Job bei einer Kulturzeitschrift aufgegeben, um sich ganz auf ihre Mission zu konzentrieren: das Lesen von Literatur wirklich ins digitale Zeitalter zu überführen.

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