Ausbildung

Ganz schön selten: Berliner Azubis erklären ihre Exoten-Jobs

Binnenschiffer statt Mechatroniker: Vier Auszubildende erzählen, warum sie sich für einen ungewöhnlichen Beruf entschieden haben.

Martin Barth liebt  irischen Whiskey. Nach dem Abitur begann er darum eine Ausbildung  in der Preußischen  Spirituosen Manufaktur

Martin Barth liebt irischen Whiskey. Nach dem Abitur begann er darum eine Ausbildung in der Preußischen Spirituosen Manufaktur

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Rund 520.000 Menschen haben 2016 in Deutschland einen Ausbildungsvertrag unterschrieben, in Berlin und Brandenburg waren es knapp 26.000. Fast 9000 von ihnen starteten ihren Weg ins Berufsleben in der Industrie und im Handel, knapp 4000 im Handwerk, knapp 800 im öffentlichen Dienst.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (Bibb) entscheiden sich die meisten weiblichen Auszubildenden für einen kaufmännischen Beruf, lernten etwa Kauffrau für Büromanagement oder im Einzelhandel. Auf Platz zwei landeten die Ausbildung zur Medizinischen oder Zahnmedizinischen Fachangestellten, gefolgt von einer Ausbildung im Verkauf. Bei den Männern bleibt der Kfz-Mechatroniker der mit großem Abstand beliebteste Beruf, gefolgt vom Elek­troniker und dem Kaufmann im Einzelhandel.

Ein Drittel aller neuen Ausbildungsverträge wurde laut Bibb in zehn Berufen abgeschlossen. Die Vielfalt der Ausbildungsberufe ist aber viel größer: 2017 gab es in Deutschland mehr als 320 anerkannte Ausbildungsberufe. Die Berliner Morgenpost stellt vier Berliner vor, die sich für einen ungewöhnlichen Beruf entschieden haben.

Die Ziseleurin: Fingerspitzengefühl für die Kunst

Wenn Freunde fragen, was sie jetzt macht, muss Ruby Obermann erst einmal erklären, was das ist: Ziseleurin. Dann erzählt sie von Punzen und Meißeln, mit denen sie Metall bearbeitet, von feinen Linien und glatt polierten Flächen. Von einem uralten Handwerksberuf mit 5000 Jahren Tradition. In der Werkstatt, in der sie ihren Beruf lernt, werden Bronzeskulpturen gegossen und bearbeitet.

Auf ihrem Weg durch die Werkstatt zeigt Ruby Obermann ein Bein, eine Hand, einen Torso – Teile einer Bronzeskulptur, an der gerade gearbeitet wird. Die Bronzegießerei Frank Herweg macht aus Entwürfen und Modellen von Künstlern das, was am Ende als Bronzeskulptur in Ausstellungen oder auf öffentlichen Plätzen zu sehen sein wird.

Hier entstehen die Formen, in die die flüssige Bronze gegossen wird. Und hier werden die Arbeiten gemacht, die dafür sorgen, dass eine zusammengesetzte Skulptur am Ende aussieht wie aus einem Guss, dass keine Nähte oder ungewollte Unregelmäßigkeiten zu sehen sind, dass die Oberfläche genau die Struktur hat, die sich der Künstler vorgestellt hat. Diese Aufgabe übernimmt ein Ziseleur, oder, so die Berufsbezeichnung: ein Metallbildner der Fachrichtung Ziseliertechnik.

Ruby Obermann wusste vor allem, was sie nicht wollte, als sie über ihre berufliche Zukunft nachdachte: Nicht studieren. Das hatte sie ausprobiert und festgestellt: „Ich bin eher der praktische Mensch.“ Nicht im Büro sitzen, aus demselben Grund. Und nichts Banales, wie sie es nennt – sie wollte etwas Besonderes herstellen. Ihre Wünsche und die Ausbildung zur Ziseleurin passten gut zusammen – trotzdem machte die heute 24-Jährige erst mal drei Wochen Praktikum in der Werkstatt, um mehr über den Beruf zu erfahren. Und merkte: Die Arbeit liegt ihr. Fingerspitzengefühl braucht sie dafür, „man muss aber auch ganz schön robust sein“ – schon wegen des Gewichts der Metallskulpturen, aber auch, weil es bei der Arbeit ordentlich staubt. „Geduld braucht man!“, sagt sie, während sie die Ziselierübungen zeigt, die sie seit Ausbildungsbeginn im September angefertigt hat: in die glatte Oberfläche eines Metallstücks gezogene Linien und Schriften oder mit dem Meißel herausgearbeitete Strukturen.

Hauptsächlich wird in der Bronzegießerei Herweg Kunst gemacht, ab und zu werden auch andere Objekte, etwa Medaillen, hergestellt. Der Künstler komme mit dem Modell. Das werde abgeformt, erklärt Ruby Obermann. Aus Wachs, Gips oder Silikon wird eine Form hergestellt, in die die Bronze gegossen wird. „Dieser Rohguss muss bearbeitet werden – das ist der Beruf, den ich lerne.“

Sie finde es sinnvoll, einen seltenen Beruf zu lernen, sagt sie: „Die Handwerke gehen doch sonst verloren.“ Sie ist überzeugt, dass ihr Beruf eine Zukunft hat: „Kunst wird es immer geben. Bronzeskulpturen können industriell nicht gemacht werden.“

Der Imker: Von Bienen umschwärmt

Bis vor einem Jahr wusste Vasilij Vitriak noch gar nicht, dass es die Ausbildung gibt, für die er sich entschieden hat. Imker, das war für ihn „so etwas, was man als Hobby macht“.

Weil er als Hobbyimker lernen wollte, wie er sich noch besser um seine Bienen im Garten kümmern kann, besuchte er einen Imkerkurs an der Freien Universität. Der Dozent, der ihm eigentlich nur Antworten auf ein paar Fachfragen geben sollte, be­geisterte ihn so sehr, dass sich plötzlich eine ganz neue Perspektive auftat: bei Dr. Benedikt Polaczek am In­stitut für Veterinär-Biochemie der Freien Universität (FU) eine Ausbildung zum Imker zu beginnen. Genau genommen eine Ausbildung zum Tierwirt mit Fachrichtung Imkerei.

Seit September lernt er hier Imkeraufgaben wie Königinnenzucht und Völkerführung – dazu gehört beispielsweise die Entscheidung, ob das Bienenhaus vergrößert werden soll oder ein Bienenvolk geteilt werden muss. Er betreut Schüler, die den Bienengarten besuchen, hilft bei Info-Veranstaltungen für Hobbyimker.

„Man lernt nie aus als Imker“, sagt Vasilij Vitriak. Es gehe ja nicht nur um das Insekt. „Da spielt Wissenschaft mit rein, Tradition, Handwerk.“ Auch die Arbeit mit den Jahreszeiten gefalle ihm, „ich wollte nie den ganzen Tag im Büro sitzen.“

Es hat ein bisschen gedauert, bis er nach dem Abitur eine Vorstellung hatte, wie dieses Nicht-im-Büro-Sitzen aussehen könnte. Der heute 30-Jährige jobbte als Koch, übernahm mit einem Freund das Catering für Veranstaltungen, entdeckte auf Bauernhöfen seine Begeisterung für das Draußenarbeiten. Dann traf er seine Freundin, wurde mit ihr in einem Gemeinschaftsgarten zum begeisterten Gärtner – und zum Hobbyimker.

Das Imkern kannte er schon aus seiner Kindheit in der ehemaligen Sowjetunion, als sein Großvater Bienen hielt. Vor 24 Jahren zog die Familie nach Deutschland um, es dauerte ein paar Jahre, bis sie „ein Stück Grün“ hatten. Dort zogen umgehend Bienen ein. Und Vasilij half beim Honigschleudern, kontrollierte die Bienenstöcke, lötete Mittelwände ein.

Den theoretischen Hintergrund zu seinem praktischen Bienenwissen lernt er jetzt in der Ausbildung, auch in der Berufsschule. Im Winter geht es nach Celle, ins „Hogwarts der Imker“, wie Vasilij Vitriak es in Anspielung auf die Harry-Potter-Romanreihe nennt. Rund 20 Imker-Auszubildende zwischen 17 und 49 Jahren sind sie, auf dem Lehrplan stehen neben Deutsch und Politik Völkerkunde, Bienenprodukte, Bienenkrankheiten.

Und danach? Wie es für ihn weitergeht, wenn er seinen Abschluss als Tierwirt hat, will er nicht verraten. Eins steht fest: Er plant seine Zukunft rund um die Bienen: „Es ist mein Traum, dank der Bienen zu leben.“

Der Destillateur: Arbeit an der „Drogenorgel“

Im Handballverein ist einer, der ruft jedes Mal, wenn er Martin Barth sieht: „Der Schwarzbrenner kommt!“ Der 21-Jährige lacht, als er das erzählt. Sein Beruf sei ein Thema, sagt er: „Wenn ich erzähle, dass ich eine Ausbildung zum Destillateur mache, ist das immer ein Anlass für Gespräche.“

Martin Barth lernt seinen Beruf bei der Preußischen Spirituosen Manufaktur. Das Berliner Unternehmen hat eine lange Geschichte, in den Produktionsräumen steht eine Anlage, mit der schon 1874 die ersten Destillate hergestellt wurden. Heute produziert und verkauft die Preußische Spirituosen Manufaktur an der Seestraße in Wedding Liköre, Gin oder Brände.

Martin Barth lernt hier, wie aus Alkohol und Zutaten wie Kräutern, Früchten oder Wurzeln ein Getränk wird – das ja nicht nur schmecken muss, sondern dabei auch gut aussehen und allen rechtlichen Vorschriften entsprechen muss. Er entwickelt eigene Rezepte: Im Labor steht eine „Drogenorgel“, in der keine illegalen Rauschmittel gelagert werden, sondern Ingwerwurzeln, Vanilleschoten, Koriander oder Wacholder – getrocknete Kräuter und Pflanzenteile, die den Spirituosen Geschmack geben. Früher habe es auch tierische Drogen gegeben, sagt Martin Barth, Cochenille-Läuse oder Ambra, aber die würden nicht mehr verwendet.

Der Destillateur überwacht den Herstellungsprozess, kontrolliert Geschmack, Farbe und Alkoholgehalt. „Man muss sehr genau arbeiten“, sagt Martin Barth. Das lernt er im Labor und in der Produktion – und in der Berufsschule. Weil es in Deutschland nur so wenige angehende Destillateure gibt, haben sie alle gemeinsam Unterricht. Zweimal im Jahr trifft Barth sechs bis sieben Wochen lang in Dortmund seine Ausbildungskollegen. 20 seien sie in seinem Jahrgang, erzählt er, darunter fünf Frauen.

Bei ihm war es die Begeisterung für irischen Whiskey, die ihn nach Abitur und freiwilligem sozialen Jahr auf die Idee brachte, Destillateur zu werden. Voraussetzung für die Ausbildung sei nur das Interesse am Beruf und die Bereitschaft, etwas Neues zu lernen. Alles andere könne man sich aneignen, ist er überzeugt: vom guten Handgefühl, das man zum Dosieren brauche, bis zur guten Nase lasse sich alles trainieren: „Man kann ja einfach mal im Park an den Blüten riechen oder im Supermarkt am Obst und Gemüse.“ Und man müsse ein „gutes Verhältnis“ zum Alkohol haben, dürfe trotz ständiger Verfügbarkeit nicht zu viel davon trinken.

Die Jobchancen seien gut, gerade auch im Ausland, weil die Kombination aus betrieblicher und schulischer Ausbildung dort einen guten Ruf genieße. Martin Barth will nach Frankreich – und natürlich nach Irland, des Whiskeys wegen.

Der Binnenschiffer: Mit der „Heiterkeit“ über Spree und Havel

Eine Wasserratte sei er schon als Kind gewesen, sagt Leon Quiontek, und Boote mochte er auch immer. Auf die Idee, einen Beruf auf dem Wasser zu suchen, brachte ihn dennoch erst ein Freund. Der erzählte ihm von der Ausbildung zum Binnenschiffer, und Leon Quiontek hatte das Gefühl: Das kann das Richtige für mich sein.

Seit Juni ist der 23-Jährige Auszubildender bei der Reederei Lüdicke und fährt vom Spandauer Lindenufer aus auf den Schiffen wie der „MS Heiterkeit“ über Havel, Spree und die Schifffahrtskanäle. „Es ist immer etwas Neues“, sagt er, mal fahren sie mit Ausflugsgästen durch die Stadt, dann gehen sie auf Sieben-Seen-Tour, manchmal feiert eine Hochzeitsgesellschaft auf dem Schiff. Die Arbeit beginnt lange, bevor die ersten Fahrgäste an Bord kommen: Morgens muss gründlich sauber gemacht werden. Mit dem Schrubber steht der Azubi dann an Deck und sorgt dafür, dass es dort ordentlich aussieht, wenn die Passagiere kommen. Dann müssen Wasser, Öl, Luft, Kraftstoff und Elektronik kontrolliert werden. Steuern darf Leon Quiontek auch, allerdings nur mit dem Schiffsführer.

Technisches Verständnis und die Bereitschaft, hart anzupacken, müsse man für den Beruf mitbringen, sagt er. Außerdem muss ein Binnenschiffer schwimmen können. „Und man muss flexibel mit der Zeit sein“, denn Fahrgastschiffe fahren auch abends und am Wochenende. Binnenschiffer auf Frachtschiffen sind oft sogar wochenlang unterwegs.

Auch deshalb hat sich Leon Quiontek dafür entschieden, seine Ausbildung in der Fahrgastschifffahrt zu machen. Er ist froh, dass er abends immer zu Hause schlafen kann.

Nur während der Berufsschule nicht: Dafür muss er immer im Winter drei Monate nach Duisburg. Gemeinsam mit den anderen Berufsschülern – in seinem Jahrgang ausschließlich Männer – wohnt er dort auf einem Schiff, besucht bis mittags den Unterricht an der Berufsschule, danach geht die praktische Ausbildung auf dem Schulschiff weiter. Dazu gehört neben einem Lehrgang zum Rettungsschwimmer auch Kochen: Wer wochenlang mit dem Frachtschiff über deutsche Flüsse und Kanäle fährt, muss sich auch verpflegen können.

Wenn er seine Ausbildung beendet hat, will Leon Quiontek erst einmal in der Fahrgastschifffahrt bleiben. Die Aussichten seien gut, sagt er, vor allem Schiffsführer würden gesucht. Nach der Abschlussprüfung darf er als Matrose noch kein Schiff führen. Erst nach weiteren 180 Tagen auf dem Wasser und einer Prüfung kann er Steuermann werden. Dann darf er endlich ohne Schiffsführer neben sich über die Berlin-Brandenburger Gewässer fahren. Und das Deck muss ein anderer schrubben.

Ausbildungs­expertin: „Auch für Splitterberufe gibt es Bedarf“

Wer im Sommer die Schule verlässt und einen Ausbildungsplatz sucht, hat in Berlin gute Chancen. In welchen Berufen Azubis gesucht sind, weiß Sandra Trommsdorf, Ausbildungs­expertin bei der IHK Berlin.

Wie ist die Lage auf dem Berliner Ausbildungsmarkt?

Sandra Trommsdorf: Wer jetzt einen Ausbildungsplatz sucht, hat sehr gute Chancen! Man kann sogar sagen: Azubis werden händeringend gesucht. Die Unternehmen brauchen Fachkräfte und bieten deshalb auch immer mehr Ausbildungsplätze an. In der IHK-Lehrstellenbörse gibt es allein in IHK-Berufen für 2018 derzeit rund 1900 Angebote von A wie Automobilkaufmann bis Z wie Zerspanungsmechanikerin. Das ist aber längst nicht alles: Insgesamt gibt es derzeit in Berlin mehr als 12.100 freie Ausbildungsplätze.

Für welche Berufe gibt es besonders viele Bewerber?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Wir sehen, dass Jugendliche sich meist für Berufe und potenzielle Arbeitgeber entscheiden, die sie kennen. Also bekannte Berufsbilder und bekannte Unternehmen. Deshalb gibt es da manchmal mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Unser Appell an die Jugendlichen, an die Eltern und Berufsberater: Bitte auch links und rechts vom vermuteten Traumberuf oder bevorzugten Arbeitgeber gucken, wenn es beispielsweise mit einem Trendberuf wie etwa Mediengestalter im ersten Anlauf nicht klappt. Wer IT-affin ist, für den passt vielleicht auch der neue Beruf „E-Commerce-Kaufmann“, der in diesem Jahr zum ersten Mal ausgebildet wird.

Wo fehlen Bewerber?

Ganz klar im Dienstleistungssektor. Dazu gehören etwa das Gastgewerbe, die Gesundheitswirtschaft und Berufe in der Informations- und Kommunikationstechnik. Unternehmen können auch viele Ausbildungsplätze für Kaufleute im Einzelhandel oder Büromanagement nicht besetzen. Im öffentlichen Dienst sind ebenfalls viele Ausbildungsplätze noch frei. Also eigentlich fast überall. Vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen suchen dringend.

Die vier Auszubildenden, die wir vorstellen, haben sich alle für einen seltenen Beruf entschieden. Eine gute Idee?

Grundsätzlich gilt: Jugendliche sollten für ihren Beruf Leidenschaft und Interesse mitbringen. Auch für Splitterberufe, also Berufe, die in einer Region selten sind, gibt es durchaus Bedarf bzw. Besetzungsprobleme der Betriebe. Allerdings sollten die Jugendlichen flexibel sein: Für Binnenschiffer oder Tierwirte mit Schwerpunkt Imkerei gibt es nur eine Handvoll Ausbildungsplätze. Wer das aber machen möchte, muss sich darauf einstellen, für Ausbildung und Berufsausübung auch das Bundesland zu wechseln. Der Arbeitsmarkt in Berlin und bundesweit ist für die genannten Berufe mit je 500 Beschäftigten klein. Das ist bei Berufen, mit denen Jugendliche branchenübergreifend Karriere machen können, natürlich anders.

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