Biografische Kleidung

Wie eine Jacke zu einem Erinnerungsstück wird

Die Berliner Künstlerin Sybille Hotz gestaltet Jacken, die mit persönlichen Erinnerungen ihrer Träger verziert sind.

Die erste Erinnerungsjacke von Sybille Hotz heißt „Prösitz, mon amour“ (o.l.). Darunter hängt die Vaterjacke, vorn auf der Puppe das Stück für DJ Phono. Die Künstlerin selbst trägt ihre rote „La chupa de la amistad“

Die erste Erinnerungsjacke von Sybille Hotz heißt „Prösitz, mon amour“ (o.l.). Darunter hängt die Vaterjacke, vorn auf der Puppe das Stück für DJ Phono. Die Künstlerin selbst trägt ihre rote „La chupa de la amistad“

Foto: Reto Klar

Berlin. Spiderman, ein Feuer, ein Fuchs, ein Stück Autobahn, Schwalben und Sterne – all das hat auf der Jeansjacke seinen Platz. Für ein Kleidungsstück ist das ein ungewöhnliches Sammelsurium von Motiven. Doch für Sybille Hotz passt alles zusammen. Das Stück ist die erste Erinnerungsjacke der Berliner Künstlerin. Entstanden ist sie 2015 während eines Stipendiumaufenthaltes für Bildhauerinnen mit Kindern auf dem Künstlergut Prösitz in Sachsen. Nach dem Ort ist sie auch benannt: „Prösitz, mon amour“. Hotz hat dafür Frauen und deren Kinder gebeten, die zeitgleich mit ihr dort waren, ihr ein Motiv, ein Kunstwerk zu geben, das ihnen wichtig ist. All das setzte sie dann als Stickerei auf der von ihr entworfenen und genähten Jacke – einer Art Bomberjacke aus Jeansstoff – um.

Das Feuer kam von einer Künstlerin, die beim Blick in die Flammen ihre Ruhe gefunden hat, den Spiderman hat ihr ein kleiner Junge gemalt, „zu jedem Motiv habe ich eine Erinnerung an die Person“, erklärt Sybille Hotz. Anfangs hat sie sich noch etwas schwergetan, die Jacke nicht nur anzuschauen, sondern sie auch anzuziehen, inzwischen trägt sie das Unikat aber oft – und ohne Scheu. Funktionieren soll es als Kunstwerk und als Kleidungsstück.

In der Jacke betritt der Träger seine persönliche Bühne

Es ist nicht ihre einzige Erinnerungs­jacke. Ein Jahr später entstand „La chupa de la amistad“ (die Jacke der Freundschaft), bei einem Arbeitsaufenthalt im spanischen Can Serrat bei Barcelona. Auch hier kommen die Motive überwiegend von Künstlern, die mit ihr vor Ort waren. Die Jacke ist diesmal rot, zeigt unter anderem einen Alien, Flammen und auf dem Rücken eine Art Wurzelwerk, aus dem Flügel wachsen. „Es ist mein Logo geworden: Erdung und Abheben zugleich“, sagt Hotz.

„Die Jacken vereint mein Interesse an Erinnerungen, Geschichten und Mode“, sagt die Künstlerin, die auch sonst in ihren Skulpturen und Installationen überwiegend mit Textilien arbeitet.

Nun hat sie ihre erste Auftragsjacke gestaltet: „23 Jahre DJ Phono“ für Henning Besser, den Hamburger Konzeptkünstler und Mitglied der Hip-Hop-Band Deichkind, besser bekannt als DJ Phono. Hotz und Besser verbinden gemeinsame Berliner Erinnerungen: Er legte im Hifi-Club in Mitte auf, sie tanzte dort. Daran erinnert auf der Jacke ein Stück Doppelripp-Unterhemd. Der DJ spendete an diesem Abend seine Gage an das Publikum für Freigetränke. Sein Hemd landete auf der Tanzfläche. Die Party endete erst, als das Unterhemd voller Löcher war.

Über mehrere Monate trafen sich Hotz und Besser, er durchforstete seine Archive und Erinnerungen, sie verarbeitete die Motive auf der Jacke: ein DJ-Set am Strand von Mexiko, wo er mal einen Tag und eine Nacht am Stück aufgelegt hat. Schuhe, in die es Konfetti regnet als Anspielung auf den Partytourismus in Berlin. Ein Logo als Erinnerung an Bessers Coverband Daft Punk Nr. 2, die in monatelanger Detailarbeit einen Live-Auftritt von Daft Punk in Paris nach­inszenierte und in Berlin aufführte. Mehr als 20 Motive sind auf der Jacke. „Über die Jacke können Geschichten erzählt werden, aber auch ohne die Erzählung vermitteln die gestickten Bilder etwas.“

Zweimal ist Sybille Hotz zu Besser nach Hamburg gefahren, einmal am Anfang, um Maß zu nehmen und die Idee der Jacke zu entwickeln, und dann noch mal bei der Übergabe. „Ich war sehr aufgeregt“, erzählt sie, „aber sie saß perfekt und gefiel ihm sofort. Er trägt sie, wenn er Lust hat, zum temporären Erzähler zu werden, seine persönliche Bühne zu betreten.“ Inzwischen hat Hotz die Jacke schon mehrfach ausgestellt, zuletzt beim Gallery Weekend Ende April.

Das Angebot will sie weiter ausbauen und denkt auch über günstigere Varianten nach. Eine so aufwendige Jacke wie für DJ Phono hat ihren Preis, es gibt sie ab 2000 Euro. Wenn ein Kunde seine eigene Jacke mitbringt und sie weniger Motive gestaltet, könnte sie sie aber schon ab 500 Euro anbieten. Auch ein Abo ist möglich, bei dem die Jacke jedes Jahr mit einem weiteren Motiv versehen und so zu einer Art textilem Tagebuch wird.

Die Idee zur Jacke kam der Künstlerin durch ihren Vater

Für die Künstlerin ist die Erinnerungsjacke das analoge Gegenstück zur digitalen Selbstinszenierung. Und ein Kontrapunkt zur Schnelllebigkeit, denn die Erinnerungen sind zwar aus einem persönlichen Blickwinkel dargestellt, aber sie sind real und bleiben, sind nicht mit ein paar Klicks veränderbar oder gar zu löschen. Mit zunehmender Selbstdarstellung in den sozialen Netzwerken auf der einen Seite, wachse auf der anderen Seite das Bedürfnis nach realen Erinnerungen auf der anderen Seite, glaubt Hotz. Selbst hat sie inzwischen drei. Sie hängen an einer Wand ihres Ateliers nahe dem Schlesischen Tor. Neben „Prösitz“ und „Freundschaft“ ist da auch „Popek“. So hat sie ihren Vater genannt, die Jacke erzählt seine Geschichte. Schließlich war er es, der sie auf die Idee gebracht hat. Nach seinem Tod wollte Sybille Hotz nach Bolivien und Peru reisen, sich „auf seinen Pfad des Lebens begeben“, wie sie es beschreibt. Denn auch er war Jahre zuvor dort gewesen. In den Anden wollte sie über das Sticken kommunizieren, da sie selbst nicht das dort gebräuchliche Quechua sprach. Doch bis heute hat es noch nicht mit der Reise geklappt.

Statt der Vaterreise hat sie nun eine Vaterjacke. Seine Silhouette ist darauf gestickt und auch ihre eigene, Stationen seiner Reise rund um den Titicacasee sind zu sehen und eine Faust. Sie stehe, so erklärt es die Tochter, wie auch der Mao-Schnitt der Jacke für sein Engagement als Gewerkschafter, als Kämpfer.

Mit „Popek“ erinnert sich Hotz an ihren Vater. Es ist etwas, das bleibt, sagt sie, während sie aus dem Fenster ihres Ateliers schaut. Ihr Blick fällt auf die Cuvrybrache, die gegenüber ihrer Wohnung liegt. Oder besser lag, denn auf der einstigen Freifläche stehen nun Kräne und Bagger. Der Streit um das Areal ist für Sybille Hotz, die seit fast 15 Jahren im Kiez lebt, ein Symbol der Veränderung. Und ein Symbol der Schnelllebigkeit, denn immer wieder gibt es neue Pläne, und immer wieder scheitern sie. Zuletzt hat sich Zalando als neuer Mieter zurückgezogen. Die Erinnerungsjacken wirken auch dazu wie ein Gegenpol.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.