Berlin

„Gewalt an Berliner Schulen wird zu oft vertuscht“

Heidrun Quandt vom Landesverband Bildung und Erziehung fordert Null Toleranz

An jeder dritten Grundschule in Deutschland werden Lehrer von ihren Schülern angegriffen und gemobbt. Das hat eine Umfrage des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) ergeben. Auch in Berlin gibt es ein Gewaltpro­blem an Schulen, sagt die Landesvorsitzende des VBE, Heidrun Quandt. Viele Angriffe würden verheimlicht – denn den Schulen sei ihr guter Ruf wichtiger.

Frau Quandt, eine Studie Ihres Bundesverbands hat ergeben: In jeder vierten deutschen Schule wurden Lehrer in den vergangenen fünf Jahren von Schülern körperlich angegriffen. Auch sonst zeichnet die Studie „Gewalt gegen Lehrkräfte“ ein düsteres Bild. Wie ist die Situation in Berlin?

Heidrun Quandt: Die ist genauso. Ich kann die Ergebnisse der Studie nur bestätigen. Gerade Beleidigungen und Drohungen gegenüber Lehrern sind sehr häufig.

Gibt es denn auch Zahlen für Berlin?

Die Senatsverwaltung führt eine Statistik. Aber da fängt das Problem an. Denn vieles wird überhaupt nicht gemeldet, weil die Schulen ihren guten Ruf nicht gefährden wollen. Sie haben Angst, dass dann nur noch Kinder aus problematischen Familien zu ihnen kommen.

Welche Formen von Gewalt beobachten Sie in Berliner Schulen?

Immer mehr Kollegen beschweren sich über Beleidigungen, Respektlosigkeit und Mobbing. Das geht bis hin zu körperlicher Gewalt. Ein Kollege ist zum Beispiel mit einem Baseballschläger angegriffen worden.

Woher kommt das?

Ich denke, der Ursprung liegt in der Verrohung der Sprache. Es fängt immer mit Beleidigungen an. Und da ist die Hemmschwelle stark gesunken. Auch bei aggres­sivem Verhalten. Die Schüler spielen Filmszenen oder Computerspiele nach. Das heißt dann oft, dass man den anderen in den Schwitzkasten nimmt oder schlägt. Wenn sich der Lehrer einmischt, bekommt er auch was ab.

Schwitzkasten, Rangeleien. Das kennt man aus der eigenen Schulzeit. Sind wir vielleicht sensibler geworden, was aggressives Verhalten von Kindern anbelangt?

Klar, so etwas gab es in meiner Schulzeit auch. Aber wenn jemand am Boden lag, wurde nicht nachgetreten. So ein Verhalten war früher nicht normal. Auch nicht, dass sich eine Meute bildet und den Schläger anfeuert. Irgendwann war Schluss.

Haben die Lehrer denn keine Handhabe?

Die Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen sehen als Höchstmaß einen Verweis von der Schule vor. Viele interessiert das aber überhaupt nicht. Auch manchen Eltern ist das egal. Dann wechselt der Schüler die Schule, und ein anderer problematischer Schüler rückt nach. Das bringt uns nicht weiter. Auch die Kollegen selber haben oft aus Angst vor einem schlechten Ruf kein Interesse daran, von den Vorfälle zu berichten. Es fehlt auch an Solidarität zwischen den Kollegen. Es gibt oft keine Rückendeckung von der Schulleitung – die versucht das Gewaltproblem möglichst zu vertuschen. Da müsste die Senatsverwaltung handeln, aber das macht sie nicht.

Das würde die Bildungssenatorin sicherlich anders sehen. Immerhin gibt es Tagungen zu dem Gewaltproblem. Als Maßnahme wurde angekündigt, Krisenteams in allen Schulen einzurichten, um Gewalt vorzubeugen. Finden Sie, das bringt alles nichts?

Mich erinnert das immer nur an den Spruch: Wenn du nicht weiter weißt, bilde einen Arbeitskreis. Was wir brauchen, ist Null-Toleranz an den Schulen. Das muss schon bei verbalen Angriffen anfangen. Damit jeder Schüler weiß, so etwas wird nicht geduldet.

In der Schöneberger Spreewald-Grundschule an der Pallasstraße hat die Schulleitung einen eigenen Wachschutz eingerichtet, um der Lage wieder Herr zu werden. Geht das in die richtige Richtung?

In diese Richtung sollte es natürlich nicht gehen. Aber ich kann die Schulleitung gut verstehen. Das gibt es ja auch an anderen Schulen, etwa in Neukölln, wo teils schulfremde Personen eingedrungen sind und Schüler verprügelt haben. Wachschutz ist eine Möglichkeit, um die Lage zu beruhigen. Aber der Weg muss sein: Gewalt und Respektlosigkeit dürfen nicht geduldet werden. Das muss schon im Kindergarten anfangen. Schon da muss klar sein: bis hierher und nicht weiter. Das müssen auch die Eltern verstehen und an die Kinder weitergeben. Aber viele Eltern nehmen ihren Erziehungsauftrag nicht mehr wahr.

Woran merken Sie das?

Zum Beispiel wenn sie nach einem Vorfall einfach nicht zum Elterngespräch erscheinen. Oder sie kommen und dann sagen sie: Mein Kind macht so etwas nicht. Da gibt es keine Zusammenarbeit, auch wenn Sonderpädagogen dazukommen.

Aus der Studie geht auch hervor, dass Gewalt gegen Lehrer besonders häufig an Grundschulen vorkommt. Werden die pro­blematischen Schüler immer jünger?

In Berlin haben wir da eine Sondersituation. In der ersten und zweiten Klasse haben wir keine Diagnostik für Schüler mit emotionalem und sozialem Förderbedarf. Das gibt es erst ab der dritten Klasse. Es kommt oft zu Situationen mit aggressivem Verhalten, in denen man eigentlich mit Sonderpädagogen arbeiten müsste, wo man die Kinder zur Beruhigung in Schulstationen bringen müsste. Das haben wir in den ersten zwei Klassen nicht. Hinzu kommt: In der Grundschule lehren besonders viele Frauen. Und viele Schüler akzeptieren sie einfach nicht als Autoritätsperson.

Das wird ja oft Schülern mit Migrationshintergrund nachgesagt. Sind die besonders anfällig für aggressives Verhalten?

Ja, das nehme ich schon so wahr. Das liegt an dem Frauenbild, das in manchen Kulturkreisen vorherrscht. Aber man kann das nicht verallgemeinern, es gibt viele völlig unproblematische Kinder mit Migrationshintergrund. Schwierig wird es in Schulen mit 80 bis 90 Prozent Migrantenanteil. Da ist das Aggressionspotenzial hoch. Hinzu kommen die vielen Flüchtlingskinder, die traumatisiert sind, nichts als Krieg und Gewalt erlebt haben. Zum Teil sind sie nicht alphabetisiert. Aber die werden einfach in der Schule abgeladen, es gibt keine Sozialarbeiter, Schulpsychologen oder Sonderpädagogen. Wenn wir die wirklich integrieren wollen, muss mehr Personal her.

Was muss sich noch ändern?

Unsere Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen sind veraltet. Die haben vor 20 Jahren vielleicht etwas bewirkt. Es müssen unkomplizierte rechtliche Möglichkeiten geschaffen werden, damit der Lehrer nicht Angst hat, sich strafbar zu machen, wenn er hart durchgreifen möchte. Da gibt es Fristen, die Kollegen einhalten müssen, wenn sie etwa die Eltern laden. Das dauert alles viel zu lange.

Es muss auch viel mehr mit dem Jugendamt, mit der Polizei zusammengearbeitet werden. Auch mit Jugendrichtern, wenn es zu einer Straftat kommt. Und wir brauchen klare Vorgaben in den Schulen, an die sich alle konsequent halten. Auch die Lehrer.

Die Senatsverwaltung muss den Schulen die Möglichkeit geben, Missstände an die Öffentlichkeit zu tragen. Im Moment müssen sie um Erlaubnis fragen, wenn sie mit der Presse sprechen wollen. Und die Lehrer brauchen die Unterstützung von der Schulleitung. Es kann nicht sein, dass die sich verdrücken, wenn es zu Gewaltfällen kommt – nur damit sie nicht negativ auffallen.