Streetart

Wandbild "Weltbaum" vom S-Bahnhof Tiergarten ist umgepflanzt

Das Fassaden-Bild „Weltbaum“ muss nach über 30 Jahren verschwinden. Künstler retten es für ein Wandmalerei-Fest auf eine neue Fassade.

Ben Wagin mit Streetart-Künstlern und Dafne, die seinen Weltbaum vom S-Bhf Tiergarten 1:1 auf die Fassade Lehrter Straße 27-30 neu aufmalen

Ben Wagin mit Streetart-Künstlern und Dafne, die seinen Weltbaum vom S-Bhf Tiergarten 1:1 auf die Fassade Lehrter Straße 27-30 neu aufmalen

Foto: David Heerde

Berlin. Ben Wagin freut sich: Sein „Weltbaum“ vom S-Bahnhof Tiergarten aus dem Jahr 1975, Berlins erstes großes Wandbild, hat eine Zukunft. Wie berichtet, wird es demnächst durch einen Neubau verdeckt sein. Doch im Rahmen des großen Wandmalerei-Festes zu Pfingsten entsteht es gerade neu. Junge Streetart-Künstler haben bereits begonnen, es auf einer Hausfassade an der Lehrter Straße 27–30 in Moabit neu aufzumalen.

Zur Verfügung gestellt hat die Fassade die gemeinnützige GSE (Gesellschaft für StadtEntwicklung). Anfang der Woche haben die Künstler mit dem Malen begonnen, am kommenden Sonnabend wird das Wandbild zusammen mit Ben Wagin (88), allen teilnehmenden Künstlern, der Nachbarschaft und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) um 18 Uhr präsentiert. Die Künstler, die beim „Weltbaum“ mitarbeiten, werden in diesem Fall honoriert. Das Geld dafür stelle die Senatskulturverwaltung zur Verfügung, so die Organisatoren.

Bei Wandmalerei-Fest entsteht die größte Galerie Berlins

Die Künstler heißen Size Two, Kobe Eins, Ria Wank, Kera, Quintessenz, Icke Art, Tank, Yat, Michael Dyne Mieth und Die Dixons. Letztere sorgten für Furore, als sie im vergangenen Jahr das leer stehende Bürogebäude an der Nürnberger Straße in Schöneberg vor seinem Abriss noch einmal kunstvolles Leben einhauchten.

Doch was 2017 mit dem Projekt „The Haus“ hinter verschlossenen Türen begann, kommt jetzt als „größte Open-Air-Galerie, die Berlin bislang gesehen hat“ auf die Straße, kündigen die Veranstalter an. „Wir malen alles an“, versprechen die Künstler. Mehr als 10.000 Quadratmeter Fläche – kleine und große Wände, Szene-Bezirke, Kieze werden gestaltet – von jungen Künstlern genauso wie von „Urgesteinen“ der Streetart-Szene.

Streetart-Künstler waren schon bei „The Haus“ beteiligt

Das Berlin Mural Fest ist nach „The Haus“ das Folgeprojekt des Vereins Berlin Art Bang e.V. Er hat sich vorgenommen, jetzt „jährlich ein fettes Kunst-Ding in Berlin an den Start zu bringen“. Wobei Kimo, einer der Organisatoren des Festes, sagt: „Wir wollen das Fest etablieren, aber vom Gefühl her erst einmal alle zwei Jahre, der Aufwand ist immens!“ Doch durch den Erfolg bei dem Projekt „The Haus“ hätten sie „jetzt die Möglichkeit, den Traum in unserer eigenen Stadt umzusetzen“.

Schon seit Jahren haben sie freie Wände „gesammelt“, denn die Idee von einem Fest für Murals (Wandgemälde) gab es schon länger. Auch Sprühdosen und Fassadenfarben bekommen die Künstler zum größten Teil von Unterstützern wie beispielsweise den Firmen Montana Cans und Meffert AG. Das erste Fest findet in zweieinhalb Wochen zu Pfingsten statt und dreht sich mit verschiedenen Events rund um 30 neue Wandbilder, die in der ganzen Stadt dafür neu entstanden sind.

Ben Wagin will Wandgemälde in Tiergarten bewahren

Nicht nur Wandbilder, auch bleibende Erlebnisse will der Verein Berlin Art Bang zusammen mit Künstlern und Partnern schaffen: „So zeigen wir der Welt, dass Berlin zu den Kings im Ring gehört und eine einzigartige Szene verkörpert“, ist eines der Ziele der Organisatoren des Vereins, der sich ehrenamtlich für die Urban-Art-Szene Berlins einsetzt.

Ben Wagin, Urgestein der West-Berliner Kulturszene, findet es „eine gute Lösung“, wenn die Nachwuchskünstler seinen „Weltbaum“ 1:1 auf der Fassade an der Lehrter Straße neu entstehen lassen. Seine anderen Ideen zum Wandgemälde hat er aber deshalb nicht aufgegeben. Künstler entwickeln ihre Werke eben gern auch weiter. So gibt es die Hoffnung, auf einer Fassade an der Albrechtstraße in Mitte den „Weltbaum“ Wurzeln schlagen zu lassen. „Die Anfrage beim Eigentümer läuft“, berichtet Wagins Künstlerkollegin Dafne B.

Und auch am S-Bahnhof Tiergarten soll für das Original die Zeit noch nicht abgelaufen sein, hofft Wagin. Wie berichtet, baut das Unternehmen HGHI dort an der Bach- Ecke Wegelystraße ein zehngeschossiges Bürogebäude. Durch den 32 Meter hohen Neubau wird das Wandgemälde „Weltbaum“ auf dem Nachbarhaus aber verdeckt.

Unternehmen bietet Wagin mehrere Fassaden in Tegel und Moabit an

Erste Ideen, dass eventuell noch Führungen zu bestimmten Anlässen möglich sein könnten, sind inzwischen vom Tisch. Der Abstand zwischen dem Neubau und der Brandwand des Wohnhauses mit dem Wandbild ist laut HGHI-Sprecher Mirco Hillmann zu gering, um dort noch den „Weltbaum“ zeigen zu können.

Deshalb sei jetzt mit Ben Wagin besprochen worden, dass im Eingangsfoyer des Bürogebäudes unter einer Glasplatte der Weltbaum gezeigt werden könnte oder auch ein anderes Werk Wagins. Zudem sei geplant, auf dem Vorplatz eine Gedenkstele für den „Weltbaum“ zu erreichten und dort Ginkgobäume zu pflanzen.

Noch wird auf dem Grundstück in der Baugrube gearbeitet, aber Mitte 2019 soll das zehngeschossige Bürogebäude bezugsfertig sein. HGHI baut auch das Tegel Center mit Markthalle inklusive neuer Fußgängerzone (soll ebenfalls 2019 fertig sein) sowie das Schultheiss-Quartier in Moabit mit Shopping, Hotel, Büro und Freizeitnutzung (soll im Sommer eröffnen). Auch dort, so Sprecher Hillmann, habe das Unternehmen Ben Wagin im Innenbereich eine Fassade zur Gestaltung angeboten.

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