Karneval der Kulturen

Karneval der Kulturen: Besuch in der Karnevalisten-Zentrale

Kurz vor dem Umzug am 20. Mai herrscht im Domizil des Hochbetrieb. Ein Tag im Karnevals-Büro während der Vorbereitungen.

Bekannte "Karnevalistin" aus Brasilien: Tänzerin Sonia de Oliveira im Kostümdepot der Gruppe "Amosonia"

Bekannte "Karnevalistin" aus Brasilien: Tänzerin Sonia de Oliveira im Kostümdepot der Gruppe "Amosonia"

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

09:50

Berlin.  Mit gerade einmal 50.000 Besucherinnen und Besuchern begann 1996 der Karneval der Kulturen in Kreuzberg. Mittlerweile nehmen etwa eine Million Menschen an dem bunten Volksfest mit Straßenumzug teil. Die Parade findet seit 23 Jahren am Pfingstsonntag zwischen Hermannplatz und Möckernstraße/Blücherplatz und Yorckstraße statt. An die 4000 Akteure präsentieren ihre Kultur, meist mit mitreißender Musik, Tänzen und anderen Darbietungen. Seit 2016 veranstaltet die Kreuzberger Firma Piranha Arts Straßenfest und Umzug. Vorstand Michael von Petrykowski kommt vorbei und begutachtet die Plakate, die seit Anfang Mai in der ganzen Stadt zu sehen sind. Neben seiner beruflichen Tätigkeit ist der Endfünfziger auch noch musikalisch dem Karneval der Kulturen verbunden. Bei einer der vielen brasilianischen Gruppen schlägt er die große Surdo-Basstrommel.

10:20

Musikalischer Leiter der Gruppe „Sapucaiu No Samba“ ist Dietrich Kollöffel. Der 61-jährige Profimusiker und Rhythmus-Dozent war bereits beim ersten Karneval 1996 dabei, zwei Jahre später übernahm er die Leitung der rund 150 Trommlerinnen und Trommler, die sich regelmäßig zum ohrenbetäubend lauten Proben im 4. Stock des GSG-Geländes an der Marzahner Wolfener Straße treffen. Rund 1700 Quadratmeter Fläche vermietet die Städtische Wohnungsbaugesellschaft auf zwei Etagen zu sehr günstigen Mieten an den Karneval der Kulturen. Die GSG gehört zu den Sponsoren des Karnevals.

11:50

Als nächstes proben etwa 20 Tänzerinnen der Gruppe, die sich „Sapucaias“ nennen. Mit rasanten, schnellen kleinen Schritten tanzen sie mit Betonung von Hüfte und Oberkörper zu heißen Sambarhythmen. Eine der Choreografinnen der Gruppe ist Claudia Grünberg aus Kreuzberg. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Unesco ist seit mehr als fünf Jahren vom Samba-Fieber infiziert und begeistert von den sinnlichen Tanzschritten. „Das ist einfach mitreißend“, meint die 30-Jährige. Ihr Traum ist, einmal beim Karneval in Brasilien bei einer Sambaschule mitzutanzen.

12:30

Gabi Lück kommt ins Büro, das mit drei Frauen besetzt ist und bespricht dort die Lage für ihren Schmuck- und Kleiderstand. „Es ist für uns sehr wichtig, dass wir wieder am gleichen Ort am Waterloo-Ufer sind, damit uns die Stammkunden wiederfinden“, erklärt die gebürtige Mecklenburg-Vorpommerin. Mit einer Partnerin betreibt sie an der Bergmannstraße das Geschäft „Bijondo“, in dem nur selbst Gefertigtes verkauft wird. „Wir arbeiten ausschließlich mit Fair-Trade- und Bio-Produkten und stellen hier unsere Frühjahr-Sommer-Kollektion vor“, sagt Gabi Lück.

13:10

Nubia Ramiréz aus Kolumbien arbeitet seit dem Vormittag an dem Kopfschmuck für die Tänzerinnen und Tänzer der Latino-Gruppe „Comparsa Chamunes“. Seit 20 Jahren lebt die 57-Jährige in Berlin, hat als Modemacherin und zuletzt in der Altenpflege gearbeitet. „Der Karneval gibt mir Energie für das ganze Jahr“, sagt die in Friedrichshain lebende Frau. An die 85 Mitglieder zählt die Formation. Für den Kopfschmuck hat sich eine leichte Schaumstoffunterlage von Teppichböden als ideales Basismaterial herausgestellt. „Damit kann ich am besten arbeiten“, so Nubia Ramiréz.

15:15

Sonia de Oliveira bessert in ihrem zweistöckigen Lager Samba-Kostüme aus. Rund zehn Gruppen beim Karneval kommen aus Brasilien. Mehr als 300 farbenfrohe Verkleidungen hat die 44-jährige Nordbrasilianerin in ihrem Depot der Gruppe „Amasonia“, insgesamt tanzen und musizieren rund 450 Personen bei der größten Samba-Gruppe des Karnevals der Kulturen. „Wir suchen immer nach Unterstützern und Sponsoren“, erklärt die energiegeladene Frau aus der Region Minas Gerais. „Die Kosten für diesen Auftritt sind enorm, und die Unterstützung des Senats reicht einfach nicht.“ Wer noch unter dem diesjährigen Motto der Gruppe „Sauberes Wasser für alle“ mitmachen will, kann sich bei Sonia de Oliveira unter 0163-239 8015 melden.

16:40

Martin Zillmann, Kurator des „Grünen Bereichs“ bringt mit seinem Vater alte Schullandkarten, selbstgemalte Schilder und Teppiche in den dritten Stock. Hier lagern Utensilien, mit denen er und Helfer das Gelände an der Zossener-/Ecke Baruther Straße rund um den Poco-Parkplatz bestücken. Dort stehen über die vier Tage des Karnevals vom 18. bis 21. Mai Bühnen für Kleinkunst, Clownerie und Musik. „Außerdem stellen sich dort Umweltgruppen vor, Leute wie Ingenieure ohne Grenzen und Aktivisten, die sich um die Wasserqualität von Nord- und Ostsee kümmern.“ Auch umweltfreundliche Kompost-Toiletten werden im „Grünen Bereich“ aufgestellt.

17:10

Ashok Timalsina aus dem Kathmandu-Tal kommt vorbei, um Einzelheiten des Motivwagens der Nepalesen in Berlin abzusprechen. Gekleidet in einheimische Trachten feiert die bis zu 80 Personen umfassende Gruppe auf einem Wagen mit Bildern von Tempeln und Himalaya. „Dazu zeigen wir einen traditionellen Paartanz, der von Trommeln und dem klassischen Saiteninstrument Sharangi begleitet wird“, so der Student der Lebensmitteltechnologie an der TU. Auch in Nepal finde alljährlich ein Karneval statt, als er Kind war, habe er daran teilgenommen.

18:20

Ruth Hundsdoerfer pflegt seit Mitte April Fotos und Texte der etwa 70 verschiedenen teilnehmenden Gruppen in die Website ein. Dazu kommen noch einmal Tausende Künstlerinnen und Künstler des Straßenfestes. Die 48-jährige Jazzsängerin und Kultur-PR-Managerin arbeitet seit drei Jahren für den Karneval der Kulturen. „Das Büro managen wir zu dritt“, sagte die Schönebergerin. „Wir kümmern uns auch um die zahlreichen Essen- und Getränkestände entlang der Strecke. Jetzt hoffen wir alle aber erst einmal nur auf eines: auf gutes Wetter.“

19:40

Nicole Kehrberger bespricht die Einzelheiten für zwei Essensstände, die ihr Familienbetrieb betreibt. Ihr italienischer Ehemann bietet selbst gemachte Gnocchi mit zwei Soßen an, die thailändische Schwiegertochter und Kehrbergers Sohn grillen hingegen Satéspieße, die mit Erdnusssoße serviert werden. „Die haben wir als vegane Sojaspieße und mit Hähnchenfleisch auf dem Grill“, erklärt die 50-Jährige, die in Wedding lebt. Seit drei Jahren stehe die Familie auf der Zossener Straße, und hoffe mit Ruth Hundsdoerfer auch „auf gutes Wetter“.

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