Werder

Gedränge auf dem Weg zum Baumblütenfest

Seit 139 Jahren feiert die Kleinstadt Werder den Obstwein. In diesem Jahr drohen Probleme bei der Anreise

Werder. Als am Sonnabendvormittag einer der ersten Regionalzüge am Bahnhof Werder hält, stellt Sonja Doboszewicz schnell noch einige Plastikbecher hinter den Verkaufstresen. Das Haus der gebürtigen Werderanerin liegt günstig. Besucher, die zum 139. Baumblütenfest mit der Bahn anreisen, gehen auf dem Weg in die Stadt an dem Stand vorbei. 300 Liter Obstwein haben Sonja und ihr Mann Klaus in diesem Jahr angesetzt. Insgesamt elf Sorten schenkt das Ehepaar aus. Viele Früchte wachsen im hauseigenen Garten. Ein paar Äpfel, Kirschen oder Johannisbeeren kaufen Sonja und Klaus aber auch noch bei den zahlreichen Obstbauern in der Region ein. Manchmal reicht die Menge trotzdem nur ein paar Tage, berichtet Klaus. Auch in diesem Jahr könnten die Obstweine der Familie Doboszewicz vorzeitig ausverkauft sein.

Am ersten Tag des Volksfestes strömen bereits Zehntausende nach Werder. Das gute Wetter lockt Obstwein-Liebhaber, aber auch sehr viele Feierwütige in die beschauliche Kleinstadt an der Havel. Vor dem Start des großen Volksfestes hatten die Polizei und die Deutsche Bahn vor einem möglichen Chaos bei der Anreise gewarnt. Weil es viele Krankheitsfälle gibt, können einige der Sonderzüge nicht fahren. „Wir können bestätigen, dass die Züge voll sind“, sagt eine Sprecherin der Deutschen Bahn am Sonnabend. Nach Angaben eines Reisenden hielt am Vormittag sogar ein Zug in Potsdam erst gar nicht an, weil dieser bereits überfüllt war. Die Polizei hatte zuvor bereits Sperrkreise eingerichtet und auch von einer Anreise mit dem Auto abgeraten.

Petra und Frank Cwikla sind deswegen mit dem Fahrrad gefahren. Für die 16 Kilometer lange Strecke von Potsdam nach Werder hat das Ehepaar eine gute Stunde gebraucht. Auch Melanie Künast und Jeannine Kahle haben das Auto stehen gelassen. Nach der Zugfahrt aus Zeesen und Falkensee gehen die Frauen am Sonnabendmittag den Weg entlang zur Friedrichshöhe. Während Melanie und Jeannine die Treppen hinauflaufen, erzählen die Freundinnen von den zahlreichen Obstgärten, die hier oben auf die Besucher warten und dem herrlichen Blick auf die Havel. „182 Stufen“, sagt Melanie und muss erst mal durchatmen.

Auf der Friedrichshöhe können Baumblütenfest-Besucher abseits lauter Musik, Imbissbuden und Fahrgeschäften tatsächlich idyllische Obstgärten entdecken. In einer der grünen Oasen hat Undine Rietz ein schattiges Plätzchen gefunden. Die junge Frau studiert eigentlich Kunstgeschichte in Leipzig. Doch das Volksfest führt Undine und ihre vier Geschwister jedes Jahr nach Hause. Die Familie Rietz gehört zu den größeren Obstbauern in der Umgebung. „Neun Tage im Jahr sind wir dann ein richtiges Familienunternehmen“, sagt Undine. Später wird die junge Frau für die Besucher Flammkuchen backen. Aber natürlich kommt ein Großteil der Gäste wegen des süßen Weins. Etwa 1000 Liter des süffigen Getränks hat Vater Fritz in diesem Jahr hergestellt, erzählt Undine. Die Rezepte sind gut gehütete Familiengeheimnisse. Viele Früchte, Wasser und natürlich Zucker, sagt Mutter Elke.

1879 feierten die Obstbauern das erste Fest

Die süßen Weine locken bereits seit vielen Jahren die Besucher nach Werder. Ursprünglich hatten die Obstbauern in der Region das Fest ins Leben gerufen, um die Schönheit der Stadt zu feiern. Immer um diese Zeit im April blühen die zahlreichen Obstbäume in der Stadt nämlich besonders prachtvoll. Als 1879 das erste Baumblütenfest gefeiert wurde, erhoffen sich die Bauern natürlich auch gute Geschäfte. Mittlerweile ist das Fest der Wirtschaftsfaktor Nummer eins in Werder. Hunderte Stände locken mit Essen, Spielzeug, Andenken und Weinen. Ein Umzug mit 1600 Beteiligten zog am Sonnabend durch die Stadt.

Der Erfolg hat auch Schattenseiten. Die Polizei ist jedes Jahr im Großeinsatz: Etwa ein Viertel aller Straftaten, die in Werder begangen werden, werden auf dem Baumblütenfest registriert. Am Sonnabend blieb es nach Angaben der Polizei jedoch ruhig.

Unter den zahlreichen Händlern gibt es am Sonnabend aber nicht nur lachende Gesichter. Für den Bootsverleih Krüger und Till laufen die Geschäfte während des Volksfestes eher schlecht. „Der Wein mindert den Umsatz“, sagt ein Mitarbeiter. 60 Boote hat der Verleih im Angebot. Doch ein Schild warnt am Eingang: „Keine Vermietung an alkoholisierte Personen.“ Die Wasserschutzpolizei soll während des Obstweinfestes besonders genau hinschauen.

Es gibt auch Legenden, die von den Baumblütenfest-Besuchern noch Jahre später erzählt werden. Zum Beispiel diese: Die Weine der Familie Doboszewicz haben eine betörende Wirkung. Klaus, ursprünglich aus Kreuzberg, schmeckte nicht nur der Wein aus Werder. Nach einem Besuch verliebte der Berliner sich in Sonja. Heute schenken beide aus.

Das Baumblütenfest in Werder findet noch bis zum 6. Mai statt. Die Stadt erwartet Hunderttausende Besucher. Neben 60 Schaustellern und etwa 600 Ständen gibt es sieben Bühnen. Die Veranstalter haben 70 Auftritte geplant. Stargast ist am Donnerstagabend ab 20 Uhr die Ostrockband City. An den Wochenenden und am 1. Mai sind in der Innenstadt von Werder zahlreiche Straßen gesperrt. Für Busse, Bahnen und Schiffe gelten Sonderfahrpläne.