Demo geplant

Wie diese Berliner Mutter gegen die "Kita-Krise" kämpft

Mehr Erzieher, eine bessere Platzvergabe: Elise Hanrahan protestiert gegen die schlechten Bedingungen in den Berliner Kitas.

Will etwas verändern: Elise Hanrahan, Mitorganisatorin der geplanten Kita-Demo, mit Tochter Marta

Will etwas verändern: Elise Hanrahan, Mitorganisatorin der geplanten Kita-Demo, mit Tochter Marta

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin. Müde und ausgepowert sind die Frauen der Organisation „Kita-Krise“. Seit Tagen opfern die Mütter ihre wenig verbliebene Zeit. Alles für ihre Kinder. Es sieht aus wie in einer Krabbelgruppe, aber die Besprechungen sind hoch politisch. Am 27. Mai wollen sie demonstrieren. Sich die prekäre Kitasituation in der Stadt nicht länger bieten lassen. Die Idee zu dieser Art von Protest hatte die Deutsch-Amerikanerin Elise Hanrahan. „Wir nehmen Schlafmangel in Kauf, um uns möglichst gut aufzustellen und Gehör zu verschaffen. Oft hält uns nur noch der Kaffee wach“, sagt sie und rührt in ihrer Tasse. Viele haben ihre Babys mitgebracht. Sie schlafen in Ruhe.

Erzieherinnen wurden krank, Kinder sollten zu Hause bleiben

Hanrahan selbst hat vor allem die Kitademo vergangenen Sommer in Leipzig imponiert. Einige Hundert Personen nahmen dort teil. Dass es bei ihrer Berliner Demo nun mehrere Tausend werden könnten, hätte sie nie erwartet. „Ich habe null Erfahrung damit, Demos zu organisieren. Ich fragte zunächst auf Facebook, in meiner Elterngruppe. Innerhalb von wenigen Minuten hatten sich schon Dutzende Leute angemeldet.“ Nur Betroffene sollen dort zu Wort kommen. Politiker sind unerwünscht.

Die Forderungen des Teams um die junge Mutter richten sich vor allem gegen Bildungssenatorin Sandra Scheeres und Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (beide SPD). Die Eltern wollen mehr und besser bezahlte Erzieher für ihre Kinder, eine zentrale Datenbank und eine Webseite, auf der freie Kitaplätze zur Verfügung gestellt werden. Außerdem fordern sie staatliche Bürgschaften für Kitas, damit sie Kredite aufnehmen können, um neue Kitas zu bauen, sowie die Beibehaltung des Betreuungsschlüssels. Unterstützt werden sie von der Gewerkschaft GEW und dem Landeselternausschuss der Kitas.

Doch was Elise Hanrahan zu diesem riesigen Schritt bewog, waren die eigenen persönlichen Erlebnisse. Sie selbst hat zwei Kinder, August (drei Jahre) und Marta (elf Monate). Sie besuchen die Kita „Drachenreiter“ in Mitte. Gerade erst hat sie zwei Erzieherinnen verloren. Eine will studieren, die andere arbeitet nun in einer Elterninitiative. Am 19. März dieses Jahres machte ein Memo in der Kita die Runde: Ob jemand seine Kinder in der Woche zu Hause lassen könne. Wegen Grippe seien viele Erzieher ausgefallen, hieß es. Erst nur einmal, dann mehrmals. Irgendwann wurde aus der Bitte eine Regel. Die junge Mutter war gezwungen, ihre Elternzeit um Tage zu verlängern – unbezahlt. Am 2. April der nächste Schock. Die Kita könne nicht länger als bis 14 Uhr die Kinder unter der Woche betreuen. „Ich konnte es nicht fassen und stand in Tränen. Ich kann doch nicht ständig meiner Arbeit fernbleiben“, sagt sie heute noch verzweifelt. Die Folge: ein erheblicher Schaden für ihre berufliche und akademische Karriere. Große Projekte, die ihr anvertraut waren, kann sie nicht mehr ausführen.

Personalmangel könnte Auswirkungen auf den Betreuungsschlüssel haben

Der Personalmangel, das weiß sie, macht sich in ganz Berlin bemerkbar. 24.000 Vollzeitstellen an Erziehern gibt es zurzeit. Bis Ende 2020 werden weitere 5500 Stellen benötigt. Auch Sorgen um die Veränderung des Betreuungsschlüssels nach oben könnten berechtigt sein. Wie die Senatsverwaltung mitteilte, sei eine zeitweilige Überbelegung der Kitagruppen, aufgrund des Rechtsanspruches auf einen Kitaplatz, unumgänglich. Als Grund wird vor allem der Fachkräftemangel genannt. Dadurch fehlen Betreuungsplätze. Die Differenz zwischen genehmigten Kitaplätzen und tatsächlich vorhandenen Plätzen liege aktuell bei rund 10.000.

Eine andere Demo-Organisatorin rief eine Petition ins Leben. Mehr als 43.000 Personen haben bereits unterzeichnet. Viele Leute, so sagt Hanrahan, täten sich aber schwer, ihre Stimme zu erheben. Sie hätten Angst, zu viel Druck auf die Politik auszuüben und die Lage so zu verschlimmern. Dennoch glaubt sie: „Kommen Leute zusammen und machen ihrem Ärger laut Luft, können wir etwas bewegen.“

Aufgewachsen ist Elise Hanrahan in einem kleinen Vorort von San Francisco in Kalifornien. Gepflegter Rasen, große Einfahrten. Mit Demonstrationen oder Protest hatte sie in den USA nie etwas zu tun. Auch während ihres Studiums der Philosophie und Liberal Arts (freie Künste) nicht. Nach ihrem Abschluss vor neun Jahren kam sie nach Berlin. Mit drei Koffern schlug die Absolventin in der Hauptstadt auf. Sie wollte es hier probieren. Wegen der Liebe, wegen der besseren Lebensqualität, wegen des Gesundheitssystems, wegen des (fast) kostenfreien Studiensystems.

„Als ich hier ankam, war ich begeistert vom Sozialsystem. In den USA hatte ich immer Angst, zum Arzt zu gehen, wegen der hohen Kosten.“ Auch ihr Kinderwunsch entwickelte sich hier. Vorher gab es für sie vor allem die akademische Karriere, sprich: Konferenzen, Vorträge, Vorlesungen, Rumreisen. „Ich wollte immer, dass meine Kinder hier aufwachsen. Denn hier lassen sich Beruf und Kinder vereinen.“ Doch das Sozialsystem zeigte bald seine Schwachstellen.

Schon die Kitasuche erwies sich als absurd. „Kein Suchsystem, keine Website, man fischt im Trüben. Am Ende läuft man durch die Straßen, schaut, wo es Kitas gibt, und klopft dort an.“ Viel schlimmere Schicksale sind ihr im Freundeskreis bekannt. So sollen einige Mütter wegen der Kitakrise bereits ihr berufliches Fortkommen aufgegeben haben. Kitas hätten Eltern zum „Spenden“ angehalten, damit man das Personal besser bezahlen könne. Einige Mütter sollen sogar verzweifelt versucht haben, die Kitaleitung zu bestechen, damit diese ihre Kinder aufnimmt.

Politiker hätten die Probleme kleingeredet

Kopfschütteln bereitet ihr, dass von den vielen angehenden Erziehern, die sich gerade in der Ausbildung befinden, die wenigsten am Ende in ihrem Job bleiben. „Wir brauchen mehr Achtung und Wertschätzung für diesen Beruf. Deutschland hat großartige soziale Ideen. Egal, wie viel du verdienst, jeder hat das Recht auf einen Kitaplatz. Das ist ein Schatz! Um den müssen wir kämpfen. Aber auch um das Personal.“

Freundinnen und Familie in den USA, denen sie oft so leidenschaftlich vom sozialen Sicherungsnetz in Deutschland berichtet, fallen jedes Mal aus allen Wolken, wenn sie erfahren, wie die Stadt die Kinderbetreuung handhabt. Wütend macht sie dabei die Politik, die die Probleme kleinrede und Fehler über Jahre ignoriert habe. Wenn gesagt werde, „man habe alles getan und fühle sich in seiner Politik bestätigt, empfinde ich das als Frechheit. Wer so etwas behauptet, ist nicht kompetent in seinem Amt.“

Nächster Schritt nach der Berlin-Demo soll ein bundesweiter Protest sein – bis den Eltern jemand zuhört und die Politik reagiert. Auf ihre bisherigen ­Ergebnisse ist das Team um Elise Hanrahan schon mächtig stolz. „Wir haben durch die Planung schon viel erreicht. Aufmerksamkeit, das Gefühl von Solidarität. Politiker kommen unter Druck, äußern sich. Mir wurde von einer Mutter mal ­gesagt, sie dachte, sie sei in ihrem Kampf allein. Jetzt weiß sie, dass wir viele sind.“

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