Charlottenburg

2500 Berliner demonstrieren mit Kippa gegen Judenhass

Rund 2500 Menschen versammeln sich solidarisch zur Kundgebung „Berlin trägt Kippa“ vor der jüdischen Gemeinde in Charlottenburg.

Berlin. „Heute tragen wir alle Kippa. Heute ist die Kippa das Symbol für ein Berlin, wie wir es haben wollen und in dem wir alle gerne leben“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am Mittwochabend vor dem jüdischen Gemeindehaus an der Fasanenstraße in Charlottenburg. Mehr als 2500 Menschen hatten sich laut Polizei gegen 18.30 Uhr zur Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“ eingefunden.

„Als Christinnen und Christen stehen wir unmissverständlich an der Seite unserer jüdischen Brüder und Schwestern“, sagte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge. „Antisemitismus ist Gotteslästerung.“ Insgesamt zwölf Rednerinnen und Redner aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens bekundeten in ihren Reden ihre Solidarität, mahnten und warnten. So auch der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster. Er warnte in Berlin davor, den Judenhass in Deutschland kleinzureden. Viele Juden hätten davor Angst, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen.

Josef Schuster: Ein Weiter-so" dürfe es nicht geben

Leider glaube die nicht-jüdische Mehrheit hierzulande, es gäbe kaum noch Judenhass, sagte Schuster am Mittwoch auf einer Kundgebung gegen Antisemitismus in Berlin. Die Realität sehe aber anders aus. Jüdische Eltern trichterten ihren Kindern ein, nach dem Gottesdienst die Kippa abzusetzen oder ein Basecap darüber zu ziehen. „Sie sagen ihrer Tochter in der U-Bahn, sie soll die Kette mit dem Davidstern unterm Pullover verschwinden lassen. Sie verzichten zum 70. Geburtstag von Israel auf das T-Shirt mit Israel-Flagge“, so Schuster.

„Es reicht“, betonte er. Ein „Weiter-so“ dürfe es nicht geben. „Wir haben uns in Deutschland viel zu gemütlich eingerichtet. Ein bisschen Antisemitismus, ein bisschen Rassismus, ein bisschen Islam-Feindlichkeit – ist doch alles nicht so schlimm? Doch, es ist schlimm“, sagte der Zentralratspräsident.

„Es ist fünf vor zwölf. Es wird in Berlin langsam ungemütlich. Aber noch haben wir nicht solche Verhältnisse wie in Frankreich oder Belgien“, sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe.

Volker Beck kritisiert Islamverbände

Schon weit vor Beginn der Veranstaltung zeichnete sich ab, dass es deutlich mehr Teilnehmer werden würden, als die bei der Polizei angemeldeten 1000 Personen. Man sah Israel-Fahnen im Wind wehen, und viele Menschen trugen eine Kippa. Auch Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, erschien kurz vor 18 Uhr. Anlass der Kundgebung war ein antisemitischer Vorfall vor einer Woche am Helmholtzplatz, als ein junger, Kippa tragender Israeli von einem 19-jährigen syrischen Flüchtling mit einem Gürtel angegriffen wurde.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) warnte trotz des antisemitischen Vorfalls nicht davor, in der Hauptstadt Kippa zu tragen. „Ich spreche da keine Warnung an der Stelle aus, denn ich erwarte, dass man in Berlin unangegriffen sich im öffentlichen Raum bewegen kann“, sagte er am Mittwoch der Berliner Morgenpost. „In unserer bunten und freiheitlichen Stadt muss es möglich sein, die unterschiedlichen Kleidungstile und religiösen Symbole im öffentlichen Raum zu tragen.“ Es sei beschämend, dass solche antisemitischen Vorfälle stattgefunden haben. „Da ist Zivilcourage gefragt. Wir müssen deutlich machen, dass wir für Demokratie, Toleranz und eine offene, bunte Gesellschaft stehen“, betonte der Senator.

Einige islamische Verbände unterstützten die Aktion „Berlin trägt Kippa“ und gehören auch zu den Unterzeichnern des Aufrufs wie Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime in Deutschland, das Deutsche Muslimische Zentrum oder die Türkische Gemeinde in Deutschland. Andere Verbände wie Millî Görüş oder Ditib gaben ein eigenes Grußwort ab, das aber auch für Empörung sorgte. Zwar solidarisierten sich die beiden Organisationen mit der Kippa-Aktion, riefen aber ihre Mitglieder auf, Takke zu tragen – also eine islamische Kopfbedeckung.

„Könnt Ihr als muslimische Organisationen nicht einmal ohne Vorbehalt solidarisch sein mit Juden?“, twitterte deshalb der ehemalige Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Grüne). Gegenüber der Berliner Morgenpost erläuterte er, es sei keine echte Solidarität, wenn man statt jüdischer Kopfbedeckung plötzlich eine islamische trage. „Worin besteht da die Solidarität? Es war ein Angriff auf einen Juden, nicht auf einen Moslem“, so Beck.

Solidaritäts-Kundgebung in Neukölln muss abgebrochen werden

Zu einem Eklat kam es unterdessen am Mittwoch bei einer Kundgebung am Hermannplatz in Neukölln. Nach der Attacke in Prenzlauer Berg wollten zwei Berliner ein „Zeichen des Friedens und der Toleranz“ setzen. Keine Minute, nachdem sie ihre Solidarität mit dem Zeigen einer israelischen Fahne und einer Kippa als Kopfbedeckung zum Ausdruck brachten, raunte ein etwa 50 Jahre alter Passant „Terrorist“ zu ihnen herüber.

Nach etwa fünf Minuten rannte eine Gruppe junger Männer, dem Augenschein nach arabischer Herkunft, auf die zwei Demonstranten zu. Ein etwa 25 Jahre alter Mann entriss ihnen, wenn auch ohne körperliche Gewalt, die Fahne. Weil sich die Teilnehmer bedroht fühlten, wurde die Kundgebung abgebrochen. Polizisten nahmen nach dem Zwischenfall die Verfolgung auf und stellten den Mann. Er wurde in Gewahrsam genommen, dann wieder auf freien Fuß gesetzt. Nach Auskunft eingesetzter Beamten erwartet ihn ein Verfahren wegen Diebstahls. Die Demonstranten erhielten die Fahne zurück.

Holocaust-Überlebende begrüßten Solidaritäts-Aktion

Auf die jüngsten antisemitischen Vorfälle reagierte auch Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD): „Jüdinnen und Juden müssen in Deutschland sicher leben können – das ist nicht verhandelbar.“ Sie äußerte sich besorgt über ein Anwachsen antisemitischer Tendenzen „auch von Zuwanderern“.

Überlebende des Holocaust im Internationalen Auschwitz Komitee begrüßten die Solidaritätsgesten wie „Berlin trägt Kippa“ gegenüber jüdischen Menschen. Der Exekutiv-Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, dankte allen Teilnehmern dieser Demonstrationen „für die Klarstellung, die ihre Haltung ausdrückt und die Ermutigung, die von ihrer Teilnahme ausgeht“. Juden sollten gerade in deutschen Städten gefahrlos und ohne antisemitische Angriffe leben können.

„Es muss der Politik, der Pädagogik, es muss uns allen gelingen, die verschiedenen Linien, die sich mittlerweile aus rechtsextremem und islamistischem Antisemitismus zu einem gefährlichen Gebräu zusammenfügen, an allen Orten der Gesellschaft tabulos zu benennen und als uns alle bedrohende Gefahr wahrzunehmen“, sagte Heubner. Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Berlin appellierten, Betroffene von Antisemitismus ernster zu nehmen. Häufig würden deren Erlebnisse als subjektives Empfinden relativiert, kritisierte das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA).

„Angst vor dem islamischen Antisemitismus“

Laut Kriminalstatistik gingen 92 Prozent der antisemitischen Straftaten auf das Konto von Rechtsextremen, sagte der Sprecher des Jüdischen Forums, Levi Salomon. „Befragt man aber unsere Gemeindemitglieder, entsteht ein ganz anderes Bild. Sie haben Angst vor dem islamischen Antisemitismus. Sie erleben in der Mehrheit im Alltag eine Judenfeindlichkeit, die von Muslimen ausgeht“, sagte Salomon. „Kippa tragen ist in Deutschland gefährlich geworden“, so Salomon.

Um den kürzlichen antisemitischen Übergriff auf einen jungen Israeli in Prenzlauer Berg und den Antisemitismus in Deutschland geht es auch in der aktuellen Folge des Berlin-Podcasts "Molle und Korn" - "Wer Juden angreift, gehört nicht in dieses Land!"

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