PC-Spiele-Messe

Sie wollen doch nur spielen: Die Games Week startet

Die Games Week startet in Mitte. In Berlin wächst die Anzahl der Computer- und Videospielfirmen. Ein Problem ist der Fachkräftemangel.

Bei Yager in Kreuzberg geht es in den Games um Action – Geschäftsführer Timo Ullmann am Kicker, der offenbar zur Grundausstattung jedes jungen Unternehmens gehört

Bei Yager in Kreuzberg geht es in den Games um Action – Geschäftsführer Timo Ullmann am Kicker, der offenbar zur Grundausstattung jedes jungen Unternehmens gehört

Foto: David Heerde

Berlin.  Sechs Semester bis zum Endgegner: Die Studenten von Thomas Bremer müssen sich gewissermaßen Level um Level bis zu ihrem Abschluss durchkämpfen. Bremer hat vor zehn Jahren gemeinsam mit seiner Kollegin Susanne Brandhorst den Bachelor-Studiengang Game Design an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin konzipiert.

Etwa 40 Spieleentwickler bildet der Professor seitdem jedes Jahr aus. Die jungen Absolventen sind gefragt. "Wir können die Nachfrage nur zum Teil decken", sagt Bremer. In Berlin buhlen mittlerweile gut 140 Computer- und Videospiele-Entwickler um die Spezialisten. Die Branche ist rasant gewachsen. Derzeit gibt es nirgendwo in Deutschland mehr Spieleschmieden.

Diese gute Entwicklung freut auch die Politik. "Berlin ist es gelungen, innerhalb kürzester Zeit zu einem der Topstandorte der Branche zu werden", schwärmte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) vor dem Start der Berliner Games Week. Das Branchen-Event, das vom Montag bis Sonntag in Mitte stattfindet, bringt Tausende Entwickler und Spieler in die deutsche Hauptstadt. Für die Branche geht es einerseits um Erfahrungsaustausch. Die Veranstaltung soll aber auch zeigen: Computer- und Videospiele sind endlich in der Gesellschaft angekommen. Die Organisatoren der Games Week rechnen mit rund 15.000 Besuchern.

Der Verkauf von Games und Hardware ist in Deutschland ein Milliardengeschäft. Der Umsatz wuchs im vergangenen Jahr um 15 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro. "Der Games-Markt entwickelt sich bereits seit vielen Jahren so dynamisch wie kein anderer Medien- und Kulturbereich – sowohl weltweit als auch in Deutschland", sagt Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbands "game". Die neue Lust auf Spiele bemerken auch Berliner Unternehmen. Mittlerweile erwirtschaften die Firmen in der Stadt einen Umsatz von rund 250 Millionen Euro. Das ist Platz fünf in Deutschland. Hessen liegt mit 750 Millionen Euro Umsatz wegen Nintendo vorn: Die Japaner wickeln einen großen Teil ihres Europageschäfts dort ab. Berlins Problem: In der Hauptstadt gibt es zwar viele kleine und mittelgroße Entwickler, jedoch nur wenig große Studios.

Die User dieses Spiels sind überwiegend Frauen

Jens Begemann ist Inhaber eines der Leuchtturm-Unternehmen der hiesigen Branche, Wooga beschäftigt am Hauptsitz in Prenzlauer Berg 200 Mitarbeiter. Ein bis zwei Spiele bringt das Studio jedes Jahr auf den Markt. Der zuletzt veröffentliche Titel "June's Journey" ist seit Oktober mehr als sechs Millionen Mal heruntergeladen worden. Das erfolgreichste Wooga-Spiel ist aber nach wie vor "Pearl's Peril": Das Wimmelbild-Game zählt seit März 2013 rund 55 Millionen Downloads. Begemann, der das Unternehmen 2009 gegründet hat, verrät sein Erfolgsrezept: "Wir konzentrieren uns auf Spiele, die starke Geschichten erzählen." Und: Wooga kenne seine Zielgruppe genau. Die Spiele werden zu 70 Prozent von Frauen gespielt. Das Herunterladen der Games ist kostenlos. Geld verdient Wooga mit Werbevideos und zusätzlichen Funktionen.

Die Games-Mitarbeiter kommen aus der ganzen Welt

Was seine Kunden wollen, weiß auch Timo Ullmann. Der Chef des Spiele-Entwicklers Yager aus Kreuzberg bringt mit seinem Unternehmen vor allem Actionspiele auf den Markt. Dabei geht es mitunter blutig zu. Das 2012 kommerziell sehr erfolgreiche "Spec Ops: The Line" wird von der Games-Gemeinde als "Apocalypse Now" der Videospiele gefeiert. Ebenso wie der Vietnam-Kriegs-Film sollte auch das Spiel den Wahnsinn des Krieges hinterfragen. Das Konzept ging auf. 2012 wurde Yager beim Deutschen Entwicklerpreis in fünf Kategorien ausgezeichnet. Derzeit arbeiten etwa 100 Mitarbeiter für das Studio. "Wir rekrutieren weltweit. Der Standort Berlin ist dabei ein echtes Pfund", erklärt er. Doch der Kampf um die Talente wird härter.

Der Games-Professor Thomas Bremer benennt bereits seit Jahren den Fachkräftemangel als größte Herausforderung für die Branche. Die Konkurrenz habe noch zugenommen. "Die Einsatzgebiete für Games-Entwickler steigen", sagt Bremer. Auch Unternehmen etwa aus der Maschinenbau- oder Automobilindustrie benötigten mittlerweile Informatiker, die Echtzeitwelten entwickeln könnten, so Bremer. Angesichts der besseren Verdienstmöglichkeiten würden so viele junge Spiele-Entwickler verstärkt von anderen Branchen abgeworben. Games-Unternehmen aus Berlin setzen deswegen bereits auf internationale Fachkräfte: Bei Yager kommen rund 30 Prozent der Mitarbeiter aus dem Ausland, bei Wooga ist es gut die Hälfte.

Die Branche sieht zudem die Politik in der Pflicht. Jahrelang debattierte das Land fast ausschließlich über Killerspiele. Hinter vorgehaltener Hand beklagen einige Entwickler noch immer die – aus ihrer Sicht – zu geringe Wertschätzung. Dabei zocken heute mehr als 30 Millionen Deutsche regelmäßig Computer- und Videospiele. Die neue Staatsministerin für Digitalisierung im Bund, Dorothee Bär (CSU), hatte zuletzt betont, dass "Computerspiele endlich den Stellenwert bekommen, den sie längst haben sollten". Sprich: auch Subventionen.

Doch selbst mit den neuen öffentlichen Subventionen sei die Games-Branche noch weit entfernt von den Millionenbeträgen, die etwa die deutsche Filmindustrie jährlich einstreiche, kritisiert Hochschullehrer Thomas Bremer. Berlins Aufstieg zur internationalen Games-Hauptstadt liegt deswegen auch in weiter Ferne. Die Spiele-Nation Deutschland hat Brettspielklassiker wie "Mensch ärgere Dich nicht" oder "Halma" erfunden, Playmobil-Figuren haben jahrzehntelang Kinder in aller Welt begeistert. Bislang ist es den deutschen Computer- und Videospielentwicklern noch nicht gelungen, an diese Erfolge anzuknüpfen.

Die Games Week findet vom 23. bis zum 29. April statt. Hauptlocation ist das Säalchen Berlin (Holzmarktstr. 25 in 10243 Berlin). Das Ticketpreissystem ist kompliziert. Alle Infos und Programm unter: www.gamesweekberlin.com

Die erfolgreichsten Spiele in Deutschland

Platz 1: "FIFA 18" (EA) war 2017 das erfolgreichste Computer- und Videospiel in Deutschland. Das hat der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU), der Verband der deutschen Games-Branche, auf Basis von Daten des Marktforschungsunternehmens GfK Entertainment ermittelt.

Platz 2: Es folgt der aktuelle Teil der "Call of Duty"-Reihe: "Call of Duty: WWII" (Activision), das zu seinen Wurzeln zurückgekehrt ist und im Zweiten Weltkrieg angesiedelt ist.

Platz 3: Auf dem dritten Platz landete "Grand Theft Auto V" (Rockstar Games), das erstmals 2013 veröffentlich wurde.

Platz 4: Geht an "The Legend of Zelda: Breath of the Wild" (Nintendo).

Platz 5: Belegt "Mario Kart 8 Deluxe", das für die Nintendo Switch erschien und im Frühjahr 2017 auf den Markt kam.

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