Pflegenotstand

Volksbegehren will für mehr Pflegepersonal sorgen

Der Stress im Krankenhaus ist groß, Krankenschwestern berichten von ihrer Überforderung. Jetzt soll ein Volksbegehren helfen.

Senior Man in Wheelchair looking out of a window in a hospital corridor.

Senior Man in Wheelchair looking out of a window in a hospital corridor.

Foto: TommL / Getty Images

Berlin. Erika Hausotter hat den Pflegenotstand selbst erfahren, als Patientin in einem Berliner Krankenhaus. Bettlägerig musste sie die Schwester wegen der Bettpfanne heranklingeln. „Es kommt keiner“, schildert die ältere Dame ihre Erlebnisse. Als dann endlich doch alles erledigt war, ging das Warten wieder los. Es dauerte ewig, ehe jemand das Geschirr wieder abholte. „Das ist kein würdevoller Umgang mit Patienten“, sagt Hausotter. Als eine Praktikantin dann versuchte, ohne Fachkunde einer Bettnachbarin den Stützstrumpf anzulegen, sei es nicht nur unangenehm, sondern auch gesundheitsschädlich geworden. Dass sie in ihrem Bettschrank eine Bierflasche und Dreck der Vorpatienten fand, zeugt aus Erika Hausotters Sicht zudem von der mangelnden Hygiene auf vielen Stationen.

Der Bericht dieser Patientin dient den für mehr Personal in Krankenhäusern kämpfenden Pflegekräften dazu, die Bedeutung ihres Anliegens herauszustellen. Denn letztlich trifft der Mangel die Patienten. Und das sind viele. Mehr als 800.000 „Fälle“ behandeln die Berliner Krankenhäuser jedes Jahr, Tendenz deutlich steigend. „Man muss die Leute liegen lassen, weil man keine Zeit hat“, beschreibt Krankenschwester Gabi Heise ihr tägliches Dilemma.

Mit dem Volksbegehren „Gesunde Krankenhäuser“ für eine bedarfsgerechte Personalausstattung der Stationen machen die sonst so duldsamen Pflegekräfte seit Februar Druck auf die Politik. Zur Halbzeit haben sie die erste Stufe schon genommen. 25.000 Unterschriften seien beisammen, sagt Vivantes-Krankenschwester Silvia Habekost, „das würde reichen für das Quorum“. Die erste Hürde liegt bei 20.000 Unterschriften. Wenn diese zusammenkommen, müssen die Initiatoren in einer behördlich unterstützten Sammlung 200.000 Signaturen für ihre Sache gewinnen, um einen Volksentscheid zu erzwingen.

Personalstärke am realen Pflegebedarf ermitteln

Je bekannter das Anliegen werde, desto leichter werde es, Unterstützer zu gewinnen, berichtet Gabi Heise. Sie würden noch bis zum Ende der Frist am
11. Juni weiter sammeln, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Die Initiatoren des Protestes wollen, dass die Personalstärke anhand des wirklichen Pflegebedarfs ermittelt wird. Ein solches System namens „Pflege-Personalregelung“ (PPR) gab es schon in den 1990er-Jahren, es werde intern in einigen Kliniken noch genutzt. Griffe man darauf zurück, müsste man nicht jahrelang Gutachten und Expertenstreit abwarten, ehe sich ihr Alltag verbessert, argumentieren sie. Die Gewerkschaft Verdi kalkuliert, dass gemessen an diesen Standards 3500 Pflegekräfte in Berlins Krankenhäusern fehlen. Derzeit kümmern sich 17.000 Fachkräfte um die Patienten.

Was bundesweit für ein neues Gesetz über Personaluntergrenzen verhandelt werde, sei „eine Frechheit“ und führe dazu, dass eher noch mehr Fachkräfte aus den Kliniken abwanderten. Alle berichten von starker Fluktuation und der weit verbreiteten Flucht in Teilzeit. Auch die Bundesratsinitiative für mehr Personal in den Krankenhäusern, die Berlin kürzlich durch den Bundesrat brachte, greift aus Sicht der Initiatoren des aktuellen Volksbegehrens zu kurz, weil sie nichts dazu sage, wie der Bedarf ermittelt werden soll.

Alle Pflegekräfte berichten von enormem Stress und latent schlechtem Gefühl. Intensivpflegerin Jeannine Sturm nimmt immer wieder quälende Gedanken mit nach Hause, ob sie vielleicht doch irgendetwas Wichtiges übersehen haben könnte. „Ich möchte nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass dabei keine Dinge wirklich schieflaufen.“ Die erfahrene Kollegin Gabi Heise bestätigt das: „Du arbeitest wie ein Hamster im Rad, dann gehst du nach Hause und denkst, du hast wieder nicht alles geschafft. Pfleger Steffen Hagemann war auf einer Onkologie-Station, wo schwer Krebskranke liegen. „Man hat keine Zeit, sich zu einem Sterbenden zu setzen und ihn in den letzten Minuten zu begleiten“, schildert er die belastende Situation. „Im schlimmsten Fall kommen Sie ins Zimmer und sehen, dass der Mensch gestorben ist.“

Mit den Pflegern sei „kein Gespräch mehr möglich“

Ex-Patientin Hausotter bestätigt die Schilderung von der Onkologie, die sie als Angehörige erlebte. Mit den gestressten Schwestern und Pflegern sei „kein Gespräch mehr möglich“, sagt sie. Das sei auch „gesundheitsschädlich“, weil Patienten und Angehörige auch in schwersten Momenten ihre Ängste nirgendwo loswerden und weitere Erklärungen erhalten könnten.

Krankenschwester Anja Voigt vermisst die Wertschätzung. Wenn kein Arzt da sei, werde eine OP abgesagt. Aber wenn Reinigungspersonal oder Pflegekräfte fehlen, werde trotzdem operiert. „Denn die OP bringt das Geld“, sagt Voigt.

Während sich keine einzige Pflegekraft über zu geringe Bezahlung beklagt, sieht das bei anderen Berufsgruppen anders aus. So streiken seit Tagen die Mitarbeiter der Vivantes Service Gesellschaft, die für den städtischen Konzern unter anderem OP-Bestecke sterilisieren und die Reinigung übernehmen. Die Beschäftigten verdienten deutlich weniger als die Stammbelegschaft. Die Pfleger erklären sich solidarisch. Um die Lage in den Krankenhäusern zu verbessern, müsse es allen Berufsgruppen besser gehen.

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