Ungeklärter Fall

Polizei sucht im Wald nach vermisster Georgine

Vor zwölf Jahren ist Georgine in Moabit verschwunden. Eine neue Spur führt die Polizei nun nach Brandenburg.

Mit einem Leichenspürhund sucht ein Polizist in einem Waldgebiet bei Brieselang nach Spuren der vermissten Georgine Krüger

Mit einem Leichenspürhund sucht ein Polizist in einem Waldgebiet bei Brieselang nach Spuren der vermissten Georgine Krüger

Foto: Bernd Settnik / dpa

Hinweis Nummer 225 soll den Durchbruch bringen: Die Berliner Polizei hat am Donnerstag ein Waldstück bei Brieselang im brandenburgischen Landkreis Havelland nach der Leiche der vor zwölf Jahren verschwundenen Georgine Krüger durchsucht. „Wir haben einen interessanten Hinweis erhalten, der den möglichen Fundort sehr präzise beschrieben hat“, sagte der Sprecher der Berliner Polizei, Thomas Neuendorf.

Der Hinweis sei über die Notrufnummer 110 vor einigen Wochen ein gegangen. Nach intensiver Überprüfung der Angaben habe sich die Polizei nun zur Suche im Wald entschlossen. Georgine Krüger war im Jahr 2006 unter rätselhaften Umständen auf dem Weg von der Schule nach Hause in Moabit am helllichten Tag spurlos verschwunden.

Polizei setzen bei Suche auch drei Leichenspürhunde ein

Zwölf Beamte, vier davon von der 6. Mordkommission, drei Leichenspürhunde und eine Drohne waren bei der Suche am Donnerstagvormittag im Einsatz. Der mögliche Fundort liegt abseits der Straße am Rand von Brieselang an einem Forstweg tief im Wald. Die Beamten lockerten zunächst mit Eisenstangen auf einer Fläche von rund 5000 Quadratmetern den Boden auf, damit die Spürhunde mögliche Hinweise auf eine Leiche besser wahrnehmen konnten.

Bei einem ersten Spürgang schlug der zum Einsatz gekommene Spürhund Django jedoch nicht an. Nach zweieinhalb Stunden wurde die Suche zunächst erfolglos unterbrochen. Nach einer Ruhepause für das Tier sollte sie fortgesetzt werden.

Leichenspürhunde werden ganz speziell auf das Aufspüren von Verwesungsgeruch trainiert. Anders als Drogenspürhunde kratzen sie nicht, wenn sie etwas gefunden haben, sondern sie bellen. So wird verhindert, dass sie an einem möglichen Fundort Spuren zerstören. Die Ausbildung der Hunde dauert acht Wochen.

Welche Angaben der anonyme Hinweisgeber genau gemacht hat, die die Beamten am Donnerstag zu der neuerlichen Suche in das Waldstück im Osten Brieselangs zwischen Finkenkruger Straße und Nauener Chaussee führte, wollte die Berliner Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. Die Überprüfung der Angaben durch die Mordkommission habe jedoch ergeben, dass die Hinweise glaubhaft seien, so die Polizei. Der Ort Brieselang habe bei früheren Ermittlungen in dem Fall bereits eine Rolle gespielt, auch die Art des aktuellen Hinweises habe für wahre Angaben gesprochen, da sie mit früheren Ermittlungsergebnissen übereinstimmte. Die Angaben waren offenbar so genau, dass die Polizei sich auf ein bestimmtes Waldstück konzentrierte.

Die Polizei will „nichts unversucht lassen“

„Wir wollen nichts unversucht lassen, um den Fall doch noch aufzuklären“, sagte Neuendorf. Der Fall habe die Berliner damals sehr bewegt und beschäftige viele Menschen auch heute noch. Die Angehörigen seien über den neuerlichen Stand der Ermittlungen informiert worden.

Die damals 14-jährige Georgine Krüger war am 25. September 2006 gegen 13.50 Uhr auf dem Weg von der Bushaltestelle an der Perleberger Straße zu ihrer Wohnung an der Stendaler Straße in Moabit verschwunden. Es konnte niemand ermittelt werden, der sie auf der kurzen Strecke zur Tatzeit gesehen hat. Ihr Handy wurde wenige Minuten später ausgeschaltet, seitdem gibt es kein Lebenszeichen von dem Mädchen, das heute 26 Jahre alt wäre. Die Ermittler fanden auch keinerlei Hinweise auf den Verbleib ihrer Kleidung oder des Handys. „Wir müssen leider davon ausgehen, dass sie nicht mehr am Leben ist“, sagte Polizeisprecher Neuendorf. Bislang haben weder die 250 Hinweise noch öffentliche Fahndungsaufrufe eine heiße Spur ergeben.

Der Fall gibt den Ermittlern bis heute Rätsel auf, da niemand das Verschwinden Georgines gesehen hat, obwohl sie am Mittag an einer belebten Straße unterwegs war. Auch später waren keinerlei Spuren entdeckt worden. Nach ihrem Verschwinden war eine beispiellose Suchaktion der Polizei angelaufen: Hunderte von Beamten durchkämmten in den folgenden Tagen die gesamte Umgebung, suchten in mehr als 100 Wohnungen, Kellern und Dachböden nach dem Mädchen.

Weitere ungelöste Fälle bei der Mordkommission

Die Beamten drehten damals, begleitet von Suchhunden, jeden Stein in Gärten, Innenhöfen, einem Park und einem nahen Bahngelände um. An der Haltestelle verteilte die Polizei Handzettel, befragte Passanten und Busfahrgäste. Ein lebensgroßes Pappmodell zeigte die 14-Jährige mit ihrer Kleidung: blaue Jeans, braune Stiefel, rosa Jacke und eine pinkfarbene Umhängetasche der Marke Eastpak mit einem schwarzen chinesischen Zeichen darauf. Auch Mitschüler, Freunde und Internet-Kontakte des als gewissenhaft beschriebenen Mädchens nahm die Kriminalpolizei genauestens unter die Lupe. Ohne Erfolg. Die Polizei vermutete deshalb zunächst, dass sie möglicherweise in das Auto eine Bekannten gestiegen sei. Ein freiwilliges Verschwinden schließen die Ermittler inzwischen ebenso aus wie einen Unglücksfall. Sie gehen stattdessen von einem Kapitalverbrechen aus.

Neben dem Fall Georgine Krüger ermittelt die 6. Mordkommission in der Keithstraße noch in einem weiteren „cold case“ – einem bislang ungelösten Fall, der jahrelang zurückliegt. Im November 2000 war die damals zwölfjährige Sandra Wissmann in Neukölln verschwunden, als sie ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter kaufen wollte. Auch von Sandra fehlt bis heute jede Spur. „Die Ermittlungsakten in diesen Fällen werden nie geschlossen“, sagte Polizeisprecherin Patricia Brämer. Beim geringsten konkreten Hinweis könne die ganze Bandbreite polizeilicher Ermittlungen wieder ausgelöst werden.

Im Fall Georgine Krüger ergab die Suche am Mittwoch erst einmal kein greifbares Ergebnis, die Polizei kündigte aber an, die Ermittlungen fortzusetzen.