Literatur

Das stille Leben der Mütter

Antonia Baum ist Autorin von drei Romanen. Dass sie jetzt über ihre Mutterschaft schreibt, ist ein Glücksfall.

Antonia Baums

Antonia Baums

Foto: Reto Klar

Dieser Tage wird einiges geschrieben und geredet über das neue Werk und erste Sachbuch „Stillleben“ (Piper) von Antonia Baum (34). Und selten waren die Reaktionen auf die Lektüre so interessant und entlarvend wie das Buch selbst. In „Stillleben“ geht es um das Private und die großen gesellschaftlichen Themen. Antonia Baum wird Mutter und ihre Wahrnehmung auf ihr Sein und die Welt verändert sich. Die Freizügigkeit, ein unabhängiges schnelles Leben im beruflichen Flow kommt zum Stehen. Der Wohnungsnachbar im Berliner Problembezirk wirkt bedrohlich. Unterschiede zwischen Mann und Frau, Arm und Reich manifestieren sich stärker, in dem Moment der totalen Verletzlichkeit und Intimität – der, in dem eine Frau ein Kind bekommt.

Wahlfreiheit als Wahlpflicht

Die „extreme Offenheit“ der Autorin – wie eine Redakteurin schreibt – mache das Buch lesenswert. „Grandios“ sei es, weil es die Wahlfreiheit als Wahlpflicht thematisiere, schreibt eine Autorin in ihrem Essay. Das Buch habe sie sehr nachdenklich gemacht, sagt die Verkäuferin einer Buchhandlung in Prenzlauer Berg. Dem Ganzen lassen sich noch viele Frauenstimmen hinzuaddieren. Und so wie das Klischee es will, lassen sich dagegen die Besprechungen von männlichen Autoren und Lesern an einer Hand abzählen.

Antonia Baum sitzt auf der Außenterrasse eines Restaurants in Mitte mit weißen Tischdecken und dreht sich eine Zigarette. Mit 21 Jahren hatte die Autorin und Redakteurin der „Zeit“, die aus dem nordrhein-westfälischen Borken stammt, die Idee zu ihrem ersten Roman, mit 26 Jahren wurde ihr Debüt „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ (Hoffmann und Campe) veröffentlicht, danach folgten zwei weitere Romane.

Mütter-Themen als Schriftstellerselbstmord?

Und nun „Stillleben“. Ein Sachbuch. Dass sich Antonia Baum jetzt dem Thema Mutterschaft widmet, darf man hier ruhig als Risiko bezeichnen. Dessen ist sie sich bewusst. Noch vor Jahren bezeichnete sich das Thema als den „absoluten Schriftstellerselbstmord“, heute sieht sie es nicht anders. „Alles, was die sogenannten Mütter-Themen umfasst, wird nicht als schriftstellerische Leistung anerkannt, sondern zuverlässig abgewertet.“

Doch dem zum Trotz: Der Stoff lag vor ihr. Themen schreibe man oder eben nicht. Sie entschied sich dafür. Der herablassende Blick in der Rezeption ist trotz jeder selbsterfüllenden Prophezeiung für Antonia Baum im Hier und Jetzt natürlich dennoch ärgerlich. Sie würde „richtig, richtig gerne“ sehen, dass Männer das lesen, sagt sie. „Frauen auch, aber denen sind die Konflikte eher bewusst.“

Jener, der bedeutet, als Frau aus einem funktionierendem intakten Berufsleben qua Geburt des Kindes auszusteigen – verbunden mit der recht undefinierten Hoffnung an selbe Stelle zurückzukehren. Jenen Zwiespalt, zwei nicht konvergierende Systeme, die sich gegenseitig ausschließen – wie sein Kind und den beruflichen Alltag – miteinander verbinden zu wollen.

Ungleichheit, die bei Paaren mit dem ersten Kind auftaucht

„Geht es um Arbeit – und Arbeit ist dummerweise das zentrale Element eines modernen Erwachsenenlebens – wurde dieses Leben von Männern für Männer gemacht“, schreibt Antonia Baum. Und dieses Männerleben passe nicht mit Frauen zusammen, die arbeiten wollen, sollen und müssen – und bis auf Weiteres die sind, die Kinder bekommen. „Das sind Themen, die größer sind als ich und dennoch muss man sie persönlich erzählen“, sagt sie. So geht es in „Stillleben“ indirekt um Betreuungsmangel, die Ungleichheit, die bei Paaren geradezu gesetzmäßig mit dem ersten Kind auftaucht.

Im Buch heißt das übersetzt: „Er glänzte, weil er erzählen konnte. Weil er Menschen getroffen und mit ihnen gesprochen hatte. Weil er Dinge erledigt hatte, die man benennen konnte.“ Antonia Baums fiktionalisiertes Ich sieht sich als Baby-Mutter hingegen der „unsichtbaren Arbeit“ ausgesetzt. Dem Windelwechseln, Einkaufen, den Baby-related points wie Arzttermine, Kindergeldanträgen. Vom Leben, wie sie es einmal kannte, viel beschäftigt, unterwegs, und ja, im Job erfolgreich, ist vorläufig nichts übrig geblieben. Die Abkehr vom Neid auf den eigenen Freund kann sich erst wieder einstellen, als sie wieder arbeiten geht. Zumindest ein paar Stunden am Tag.

Frauen leisten Gratis-Arbeit im sozialen Bereich

In „Stillleben“ geht es um den Alltag der Antonia Baum, der aber keineswegs banal ist, weil ihre Geschichte nur sinnbildlich für die Probleme für eine Generation von Frauen steht, die in einem CDU-regierten Land ohne eine gute In­frastruktur von Ganztagskindergärten auskommen muss, ohne bindende Elternzeitregelung für Väter in den Unternehmen. Die Reaktionen auf Antonia Baums Buch entlarven deshalb immer den Absender. Wer es für schlicht hält, wagt es nicht, am größten gesellschaftlichen Tabu unserer Zeit zu rütteln. Der Gratis-Arbeit im sozialen Bereich. Jene, die (bis heute) traditionell hauptsächlich Frauen erledigen.

Antonia Baum: „Stillleben“, Piper, 20 Euro

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