55. Unternehmertafel

Neue Chancen für den Berliner Mittelstand

Bei der 55. Unternehmertafel stand der industrielle Wandel in den Bezirken im Fokus.

Berliner Unternehmertafel waren mit dabei (von links vorne, nach rechts vorne): Dominik Bath (Berliner Morgenpost, Armin Seitz (Moll Marzipan), Roland Sillmann (Wista), Jens Holtkamp (IBB), Jürgen Allerkamp (IBB), Marcia Behrens (FAPACK), Johannes Martin (Bezirksstadtrat), Jorge Guimet (Berliner Luft), Robert Burghardt (MCB), Christian Amsinck (UVB), Monika Gross (Beuth Hochschule), Joachim Stoltenberg (Berliner Morgenpost), Christian Rickerts (Staatssekretär Wirschaftssenat), Ulrich Misgeld (Netzwerk Motzener Straße), Oliver Igel (Bezirksbürgermeister Treptow-Köpenick)

Berliner Unternehmertafel waren mit dabei (von links vorne, nach rechts vorne): Dominik Bath (Berliner Morgenpost, Armin Seitz (Moll Marzipan), Roland Sillmann (Wista), Jens Holtkamp (IBB), Jürgen Allerkamp (IBB), Marcia Behrens (FAPACK), Johannes Martin (Bezirksstadtrat), Jorge Guimet (Berliner Luft), Robert Burghardt (MCB), Christian Amsinck (UVB), Monika Gross (Beuth Hochschule), Joachim Stoltenberg (Berliner Morgenpost), Christian Rickerts (Staatssekretär Wirschaftssenat), Ulrich Misgeld (Netzwerk Motzener Straße), Oliver Igel (Bezirksbürgermeister Treptow-Köpenick)

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Irgendwann nach dem Hauptgericht hielt Armin Seitz sein flammendes Plädoyer für den Mittelstand in der deutschen Hauptstadt: Der Marzipanproduzent aus dem Bezirk Neukölln betonte bei der 55. Unternehmertafel von Berliner Morgenpost und Investitionsbank Berlin die Identifikation der vielen kleinen und mittleren Unternehmen mit der Stadt. "Wir tragen Berlin weiter und denken an die nächsten Generationen", sagte Seitz, der Geschäftsführer von Moll-Marzipan und Vorsitzender des Unternehmensnetzwerkes Neukölln-Südring ist.

Mit den Zusammenschlüssen von Mittelständlern in den Bezirken bündeln die kleineren Unternehmen ihre Kräfte. Wie viele seiner Kollegen investiere auch Seitz die erzielten Gewinne in seine Firma. Wegen des modernen Maschinenparks ist die Marzipanrohmasse aus Berlin weltweit gefragt. Derzeit hat der Produktionsbetrieb 67 Mitarbeiter.

Bei dem Treffen der Unternehmer ging es um den industriellen Wandel in den Bezirken. Jürgen Allerkamp, Chef der Berliner Investitionsbank, sagte, an unterschiedlichen Punkten in der Geschichte habe sich Berlin neu erfinden müssen. Mittlerweile ist Berlin die deutsche Start-up-Hauptstadt. Zahlreiche junge Firmen setzen hier neue Ideen in die Tat um. Die Bedeutung der Industrie allerdings habe abgenommen, erklärte der Banker. "Wir haben aber die Verpflichtung, nicht nur auf die Start-ups zu schauen", forderte Allerkamp. Berlin müsse an einem Miteinander arbeiten.

Zukunftsorte werben um Talente

Netzwerke und Technologieparks könnten alte und junge Wirtschaft zusammenführen. Zehn Standorte vermarktet der Senat als sogenannte Zukunftsorte. In diesen Zentren sollen Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam an neuen, zukunftsfähigen Produkten tüfteln. Roland Sillmann ist Geschäftsführer der landeseigenen Wista Management GmbH, die das Technologiezentrum in Adlershof führt. Dort sitzen etwa 1000 Unternehmen mit rund 17.000 Mitarbeitern. Der Schwerpunkt vieler Firmen am Standort liege auf Forschung und Entwicklung, sagte Sillmann.

Die Infrastruktur locke auch größere Unternehmen wie den Dübel- und Schraubenspezialisten Würth und den Werkzeugmaschinenbauer Trumpf an. Wegen der Nähe zu den Universitäten und Hochschulen würden die Firmen am Standort Adlershof einfacher neue Mitarbeiter finden. "Die Zukunftsorte sind im Kampf um Talente ein wichtiger Faktor", betonte Sillmann. Ulrich Misgeld, der Vorsitzende des Netzwerkes Motzener Straße, sagte, die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft sei aber kein alleiniges Privileg der Zukunfts­orte. Marcia Behrens vom Netzwerk Großbeerenstraße erklärte, dass die Zusammenschlüsse auf Bezirksebene auch beim Werben um Azubis helfen können. "Unser Netzwerk wurde gegründet, um ein einheitliches Markenbild zu erzeugen", so Behrens.

Viele Unternehmen in Berlin setzen der digitale Wandel oder Entwicklungen wie die Energiewende unter Druck. Junge Firmen erobern mit neuen Produkten und Lösungen Geschäftsfelder. Mittelständler und viele Industrieunternehmen müssen um ihre Märkte kämpfen. "Vieles sortiert sich gerade neu", sagte der Geschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin Brandenburg (UVB), Christian Amsinck. Vor allem der digitale Wandel fordert von vielen Betrieben große Anstrengungen.

Für die etablierten Unternehmen geht es dabei auch darum, Geschäftsfelder zu besetzen, bevor es etwa die jungen Start-ups tun. Dafür seien mehr Investitionen nötig, sagte Christian Rickerts (parteilos), Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Wirtschaft. Innerhalb der Bezirke sei mehr Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen, aber auch mit der hiesigen Forschungslandschaft nötig. Rickerts verwies auf 69 Unternehmens- und Wissenschaftsnetzwerke, die es derzeit in Berlin gibt. Auch der Senat hatte nach dem angekündigten Stellenabbau bei Siemens den Steuerungskreis Industriepolitik wiederbelebt. "Wir wollen die Unternehmen bei dem Transformationsprozess unterstützen", sagte Rickerts.

Beuth-Präsidentin warnt vor Ideenklau

Die Präsidentin der Beuth Hochschule für Technik Berlin, Monika Groß, verwies auf wachsende Bedrohungen für Unternehmen: Firmen müssten nicht nur die eigene Technik vor Angriffen aus dem Netz schützen. Mittelständler sollten auch stärker gegen Ideenklau aufrüsten, mahnte Groß. "Dass ihr intellektuelles Eigentum in Gefahr ist, ist vielen kleinen Unternehmen noch nicht bewusst", so die Hochschulrektorin.

Doch in Berlin haben einige Firmen derzeit noch immer mit grundlegenden Problemen zu kämpfen. Jorge Guimet, Geschäftsführer des Unternehmens Berliner Luft, das sein Geld mit Klima- und Lüftungstechnik verdient, klagte über den schlechten Internetzugang. Viel zu langsam sei die Datenverbindung im Gewerbegebiet Herzbergstraße in Lichtenberg, das Heimat von gut 800 Unternehmen ist. "Das ist ein toller Standort, aber manchmal hat man den Eindruck, wir befinden uns in der Steinzeit", sagte Guimet. Das Gewerbegebiet hoffe nun auf eine Lösung. Es sei wichtig, dass die Firmen am Standort digital arbeiten könnten. Staatssekretär Rickerts versprach da Unterstützung.

Berlin steht vor weiteren Herausforderungen: Die Stadt wächst seit Jahren rasant. Bezahlbare Wohnungen sind knapp, ebenso Kita- und Grundschulplätze. Oliver Igel (SPD), Bezirksbürgermeister in Treptow-Köpenick, beschert die Entwicklung auch mit Blick auf den Wirtschaftsstandort Sorgen. "Ich befürchte, dass Wohnungen und soziale Infrastruktur dazu genutzt werden, um die Industrie in die Randlagen wegzudrücken", sagte er. Jetzt müsse dafür gekämpft werden, dass auch Gewerbegebiete Platz bekommen.

Zusammenarbeit im Wettbewerb um Ansiedlungen

In seinem Bezirk gebe es mit den angrenzenden Brandenburger Gemeinden ein länderübergreifendes Flächenmanagement, sagte Johannes Martin (CDU), Wirtschaftsstadtrat in Marzahn-Hellersdorf. Doch auch im Umland werde es eng, so Martin. UVB-Chef Christian Amsinck forderte daher im Wettbewerb um neue Ansiedlungen eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Berlin und Brandenburg. Viele Dax-Konzerne würden derzeit mit kleineren Forschungsteams in die deutsche Hauptstadt ziehen. Die Region müsse sich jetzt auch eine Bewerbung um eine größere Produktionseinheit zutrauen, sagte Amsinck. Es gehe um die Neuverteilung der industriellen Zukunft. Berlin und auch die vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen könnten dabei eine gute Rolle spielen.

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