3D-Druck in Berlin

3-D-Druck aus Berlin auf dem Sprung in den Massenmarkt

| Lesedauer: 6 Minuten
Dominik Bath
Daniel Büning, Global Head of Strategy der 3-D-Druckerfirma bigrep

Daniel Büning, Global Head of Strategy der 3-D-Druckerfirma bigrep

Foto: Maurizio Gambarini / BM

Die junge Fertigungstechnik wird bei vielen Unternehmen in Berlin immer beliebter. Jetzt steht die Branche vor dem nächsten Schritt.

Berlin. Um zu zeigen, wie sich der Einsatz der 3-D-Druck-Technologie verändert hat, geht Daniel Büning gerne an einer Wand im Unternehmenssitz des Geräteherstellers Big Rep entlang. Das sei so etwas wie die Ahnengalerie des Kreuzberger 3-D-Drucker-Produzenten, sagt Büning fast scherzhaft. Gleich am Anfang steht dort zum Beispiel ein orangefarbenes Barock-Tischchen mit filigranen Verzierungen. Dann geht Büning, der Entwicklungschef des Unternehmens ist, an Stühlen und Hockern vorbei und bleibt bei einer Motorrad-Blende und einem Propeller für Schiffsmotoren stehen. Jedes dieser Teile ist in den vergangenen vier Jahren in einem 3-D-­Drucker von Big Rep entstanden. Büning will aber auch untermauern, dass sich die Technik aus einer Nische hin zur industriellen Fertigung entwickelt hat.

Das Start-up ist in dieser Zeit stark gewachsen. 100 Mitarbeiter sind derzeit an den Standorten in der deutschen Hauptstadt, im amerikanischen Boston sowie im asiatischen Singapur tätig. Mehr als 200 Maschinen hat das Unternehmen bislang an Kunden auf der ganzen Welt verkauft. Zahlreiche namhafte Investoren, darunter der Chemie-Riese BASF, aber auch angesehene Maschinenbauer wie Körber sind mittlerweile an der Berliner Firma beteiligt. „Wir befinden uns im Übergang zu einem Mittelstands-Unternehmen“, sagt Daniel Büning. Big Rep ist ein Aushängeschild für den wachsenden 3-D-Druck-Standort Berlin.

Senat hofft auf Impulse für den Wandel der Industrie

Mit einer Studie hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft jetzt erstmals unter die Lupe genommen, wie viele Firmen in der deutschen Hauptstadt mit der Technik bereits arbeiten. An der Befragung, die der Berliner Morgenpost exklusiv vorliegt, haben 68 Unternehmen aus den Bereichen Maschinenbau, Elektroindustrie und Mobilität sowie Logistik teilgenommen. Mehr als die Hälfte der Firmen setzen demnach schon 3-D-Drucker bei ihrer täglichen Arbeit ein. Die befragten Unternehmen stellen mit den Maschinen vor allem Modelle und Designstudien her. Berlin vereine die gesamte Bandbreite der 3-D-Druck-Branche, also Forscher, Geräte-Hersteller, Software-Entwickler und Anwender, erklärt der Staatssekretär in der Wirtschaftsverwaltung, Christian Rickerts (parteilos). Der Senat hoffe jetzt auf weitere Impulse, auch, um den bevorstehenden Wandel der Industrie aktiv mitgestalten zu können, so ­Rickerts.

Studie prophezeit wachsende Bedeutung

Denn die 3-D-Druck-Technik stellt bisher geltende Gesetze auf den Kopf. Weil etwa Ersatzteile je nach Bedarf und an beliebigen Orten produziert werden können, könnten teure Lagerkosten sinken. Mit den geräuscharmen 3-D-Druckern könnte die industrielle Fertigung aber auch wieder näher an die Wohngebiete in der Stadt heranrücken. Zudem verändert das Verfahren die Produktion vieler Komponenten. Früher etwa seien Unternehmen darauf angewiesen gewesen, Großserien herzustellen, um die teuren Entwicklungsausgaben wieder einzuspielen, sagt Politiker Rickerts. Bald dürften sich auch kleinere Losgrößen und Einzelteile lohnen. Experten rechnen zudem damit, dass die Herstellung mit dem 3-D-Drucker neue Teile hervorbringt. Komplexere Formen sind bereits heute mit den Maschinen möglich. Eine Studie, die jüngst die niederländische Bank ING vorgestellt hat, nährt die Hoffnung vieler 3-D-Druck-Optimisten: Demnach könnten bereits 2040 die Hälfte aller weltweit produzierten Teilen aus 3-D-Druckern kommen.

Auch immer mehr Konzerne setzen auf die Technik, kaufen Know-how ein oder experimentieren selbst mit den Maschinen. Die Berlinerin Stefanie Brickwede arbeitet daran, den 3-D-Druck bei der Deutschen Bahn voranzubringen. Der Staatskonzern sieht viel Potenzial in dem Verfahren. Laut Insidern halte das Unternehmen derzeit ein Ersatzteillager mit einem Gesamtwert von rund fünf Milliarden Euro vor. „Drucken ist schneller, flexibler und günstiger als herkömmliche Herstellungsverfahren und die Fahrzeuge sind innerhalb kürzester Zeit wieder verfügbar“, sagt Brickwede. Ausgewählte Teile lässt die Bahn deswegen bereits heute auf Knopfdruck herstellen, darunter Halter und Steckerverbindungen für Züge, aber auch Handlaufschilder für Blinde. Die Leitsysteme seien zuvor aufwendig aus Aluminium gefräst worden. Bei der Produktion mit 3-D-Druckern falle jetzt auch weniger Abfall als zuvor an, so Brickwede.

In Berlin steht die Branche jetzt vor dem nächsten Schritt: Mehr als 70 Unternehmen aus ganz Europa sind Teil des Netzwerks „Mobility goes Additive“, das seinen Sitz in der deutschen Hauptstadt hat. Im Mai zieht die Geschäftstelle an einen neuen Standort im Gewerbegebiet Marienpark im Süden der Stadt. Dort will das Netzwerk zunächst vier Drucker aufstellen, die mit dem sogenannten Pulverbettverfahren arbeiten. Dabei werden Metallpartikel aufgebracht und mit einem Laserstrahl verschmolzen. 3-D-Druck-Expertin Stefanie Brickwede, die das Netzwerk als Geschäftsführerin leitet, rechnet mit Anschaffungskosten von einer Million Euro – pro Maschine. Die Investitionen sollen auch weitere Unternehmen anlocken. Auf dem neuen Campus könnten die Firmen dann gemeinsam an weiteren Einsatzmöglichkeiten für die Technik arbeiten.

Berliner Firma plant die Serienproduktion

Laut Studie der Senatsverwaltung rechnet jedes zweite Unternehmen damit, dass 3-D-Drucker die Einführungszeit neuer Produkte verkürzen. Knapp 80 Prozent der Firmen gehen davon aus, dass die Maschinen – zumindest teilweise – für die Serienproduktion genutzt werden können. Daran arbeitet auch der Maschinenhersteller Big Rep. Entwicklungschef Daniel Büning stellt seine Pläne interessierten Kunden bereits vor. „Sushi-Printer“ hat der Maschinen-Entwickler sein Konzept genannt. Das Produktionssystem funktioniert ähnlich wie ein Fließband: Die Druckköpfe bleiben statisch, aber die Bodenplatte darunter bewegt sich. Der Prototyp soll Anfang 2019 aufgebaut werden. Erste Kunden werden aus der Automobil- sowie der Luftfahrtindus­trie kommen.

Mehr zum Thema:

So digital ist Berlin

Lifie statt Selfie: Das Porträt zum Anfassen

Vom Berliner Start-up zum europäischen Silicon Valley