Klage gegen Land Berlin

Lehrerin will mit Kopftuch an Grundschule unterrichten

Eine Lehrerin klagt gegen das Land Berlin, weil sie nur im Oberstufenzentrum mit Kopftuch unterrichten darf.

In Berlin längst Alltag unter Schülerinnen – das Kopftuch. Muslimische Lehrerinnen dürfen es mit der Ausnahme der Oberstufenzen­tren nicht tragen

In Berlin längst Alltag unter Schülerinnen – das Kopftuch. Muslimische Lehrerinnen dürfen es mit der Ausnahme der Oberstufenzen­tren nicht tragen

Foto: dpa Picture-Alliance / Uwe Anspach / picture alliance / dpa

Die Debatte über religiöse Symbole in der Schule geht in die nächste Runde. Am kommenden Montag wird eine Lehrerin, die sich für das Kopftuch entschieden hat, erneut vor dem Arbeitsgericht stehen, weil sie gegen das Land Berlin geklagt hat. In diesem Fall geht es um den Einsatzort. Die Lehrerin unterrichtet im Moment an einem Oberstufenzentrum. Sie will aber lieber an eine Grundschule, meint, das sei ihr bei der Einstellung auch zugesagt worden.

Und sie ist nicht die Einzige, die gegen die aktuellen Regelungen klagt. Zwei weitere Fälle liegen dem Gericht vor und werden in den nächsten Wochen verhandelt. Vertreten wird das Land Berlin dort durch die Anwältin Seyran Ateş. Die deutsch-türkische Juristin engagiert sich schon lange für Frauenrechte, war zuletzt viel in der Presse, weil sie in Moabit die erste liberale Moschee gegründet hat und dort auch predigt. Ohne Kopftuch.

Kopftuch ja - aber erst in der Oberstufe

Am Donnerstagabend sitzt Seyran Ateş auf dem Podium eines Oberstufenzen­trums in Moabit, neben ihr Mitstreiter der "Initiative pro Berliner Neutralitätsgesetz". Draußen ist es schon dunkel, die Autos rauschen vorbei, in der nahe gelegenen Justizvollzugsanstalt geht in den Zellen am Ende das Licht aus. Fast drei Stunden wird man zusammensitzen, erst in mehreren Gesprächsrunden, dann als Gesamtpodium, um sich auszutauschen.

Wer heute hier ist, will das Kopftuch nicht in der Berliner Verwaltung sehen. Nicht bei Polizisten, nicht in der Justiz und besonders nicht in Schulen bei Lehrerinnen. Denn dass dieses Symbol schon tief in den Berliner Alltag vorgedrungen ist, das wissen alle Akteure auf dem Podium. "Allein während ich hier sitze, sind schon vier kleine Mädchen mit Kopftüchern vorbeigelaufen", sagt Islam­experte Ahmad Mansour, der einen guten Blick in die Moabiter Nacht hat.

Auf Berlins Schulhöfen spielt Religion eine immer größere Rolle. Glaube, Unglaube, falscher Glaube, in den Pausen gehen Kinder und Heranwachsende inzwischen aufeinander los, das Wort religiöses Mobbing macht die Runde. Die Spannungen sind heftig – du Christ, du Moslem, du Jude. Aber auch innerhalb der Gruppe muslimischer Kids ist genügend religiöse Sprengkraft vorhanden: Schiiten, Sunniten, Aleviten, der andere ist immer gottloser als man selbst. Dazu noch der politische Riss zwischen Türken und Kurden. Das alles ist in Berlin Alltag in den Klassenzimmern, besonders in Bezirken wie Neukölln, Wedding oder eben wie hier in Mitte.

"Wir brauchen die Neutralität – als Fels in der Brandung"

Und dann sagt Michael Grunst, Bezirksbürgermeister von Lichtenberg und Politiker der Linken, den einen Satz, der fast berührend wirkt in der aufgewühlten Debatte, die so viele überfordert – Eltern, Lehrer, Politiker, Schüler. Er sagt also: "Gerade in Zeiten von Radikalisierung muss es – mit Paulus gesprochen – einen Fels in der Brandung geben: den öffentlichen Dienst." Die Lehrerin, die die Pausenhofaufsicht hat, sie muss also wirklich vom ersten Eindruck her das sein, was das Gesetz vorgibt: neutral. Und damit offen für alle.

Kritiker des Berliner Neutralitätsgesetzes, und die gibt es inzwischen häufiger im linken Spektrum, nennen das lebensfremd. Der Islam gehöre zu Deutschland, das Kopftuch zur islamischen Frau, so sei das halt. Sie sprechen von einem regelrechten "Berufsverbot".

Mann ohne Selbstkontrolle?

Tatsächlich verbaut das Gesetz einigen jungen muslimischen Lehramtsstudentinnen einen Berufsweg, der gerade von Frauen gerne beschritten wird: Grundschullehrerin. Traditionell bietet genau dieser Beruf eine Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Und damit gesellschaftlichen Einstiegs. Sollen wir das verpassen?

Seyran Ateş ist an diesem Abend klar wie immer. Das Kopftuch, das sei weniger Zeichen eines Glaubens als einer Unterdrückung: Die Frauen sollen verschwinden. Unterm Kopftuch, unter knöchellangen, formlosen Gewändern, Schlüsselbein und Hals bedeckt. Sei doch der Gedanke hinter dem Kopftuch ein sexualisierter – eine freizügig gekleidete Frau reize die Männer. "Wir müssen auch sehen, welches Bild die Jungs durch eine Lehrerin mit Kopftuch kriegen", sagt Ateş. Die Frau als Dauerobjekt der Begierde, der Mann ohne Selbstkontrolle.

Die Mütter im Elterncafé wollen keine Kopftuchlehrerin

Andere auf dem Podium erzählen aus der Praxis. Es sind Anekdoten, die versinnbildlichen, dass etwas aus dem Lot gerät. Von angehenden Erzieherinnen während eines Seminars, 80 Prozent mit Kopftuch, die in der Mehrheit den Raum verlassen, als vom Seminarleiter Kritik an Erdogan geäußert wird. Von Müttern mit Kopftuch, die das Elterncafé einer Schule betreiben und der Schulleiterin ganz offen sagen: eine Lehrerin mit Kopftuch möchten wir nicht. Nicht noch das. Und der absurde Fall aus Nordrhein-Westfalen, wo angeblich eine deutsche Lehrerin von ihren muslimischen Eltern gedrängt wird, doch bitte ein Kopftuch vor der Klasse anzulegen. Wahrheit? Oder Legende, wie die Spinne in der Yucca-Palme? In diesen aufgeheizten Zeiten schwer zu sagen.

Dieser Abend – an dem kein Kopftuchbefürworter spricht – dient dazu, die Argumente zu ordnen. Denn die Verteidiger des Neutralitätsgesetzes wissen, dieser Kampf wird noch viele Runden gehen und er wird hart. Der Druck steigt, genauso wie die Zahl der Muslime im Land. Die kopftuchtragende Frau, sie ist längst ein Politikum. Wird hier womöglich der Marsch durch die Institutionen geplant? Am Ende hoffen wohl alle, dass grundsätzliche Entscheidungen gefällt werden. Bleibt das Kopftuch aus dem Klassenzimmer verbannt oder nicht? Das ist am Ende weniger eine rechtliche als eine durch und durch politische Frage.

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