Proteste

Tatort Kudamm: 50 Jahre nach 1968

Die City West war Bühne für die 68er-Proteste und das Attentat auf Rudi Dutschke. Hans-Christian Ströbele erinnert sich.

Passanten schauen auf die Schuhe von Dutschke, die, von der Polizei markiert, noch am Tatort liegen

Passanten schauen auf die Schuhe von Dutschke, die, von der Polizei markiert, noch am Tatort liegen

Foto: pa/dpa/Chris Hoffmann

"Sind Sie Rudi Dutschke?" "Ja." "Du dreckiges Kommunistenschwein." Drei Schüsse. Eine Kugel blieb in Dutschkes Schläfe stecken, eine in der Wange, eine in der Schulter. Dutschke wurde vom Bürgersteig vor dem Haus mit der Nummer 140 in das Westend-Krankenhaus gebracht. Sein umgekipptes Fahrrad mit der Ledertasche und Dutschkes Schuhe, sie blieben neben dem Bordstein am Kurfürstendamm liegen.

Das Attentat auf Rudi Dutschke vor der Berliner Zentrale des "Sozialistischen Deutschen Studentenbundes" (SDS) vor 50 Jahren, am 11. April 1968, es ging schnell – und es wurde zu einem Wendepunkt in der 68er-Bewegung. Jetzt war klar: Was über Monate, Jahre in Berlin brodelte, würde sich nicht einfach aussitzen lassen.

In der Studentenbewegung herrschte der Eindruck: Die andere Seite arbeitet mit Mord- und Totschlag. Und viele dachten, dass es Zeit wird, dass wir auch militanter werden. Was folgte, waren die schwersten Proteste in Berlin, in Deutschland. Bei den sogenannten Osterunruhen wurde in 27 Städten demonstriert, in München starben zwei Menschen bei den Straßenschlachten. Der Protest schwappte von den Studenten auf Schüler, Angestellte und Arbeiter über. Infolge des Dutschke-Attentates zerfiel die 68er-Bewegung, mündete in radikale Gruppierungen wie die Rote Armee Fraktion (RAF), ein anderer Teil wandte sich dem parlamentarischen Reformismus zu.

Kurfürstendamm als Kristallisationspunkt

Der Kurfürstendamm war schon vor dem Attentat ein Kristallisationspunkt der studentischen Auflehnung gegen das verhasste, bürgerlich-kapitalistische System, gegen eine Gesellschaft, die die jungen Akademiker als autoritär empfanden, als Fortsetzung der NS-Diktatur. Und für die Fassungslosigkeit, mit der eine überwältigende Mehrheit der Stadtbevölkerung auf die langhaarigen "Gammler" blickte, die gegen ihre Wohlstandsgesellschaft, gegen die Schutzmacht USA demonstrierten.

Was bleibt von der Revolution? Was passiert, wenn man 50 Jahre danach mit einem der Protagonisten der 68er-Generation die Orte des Protestes und der Gewalt am Kudamm abläuft? Zunächst einmal merkt man, wie lange das alles her ist. Hans-Christian Ströbele schiebt sich Schritt für Schritt an den Kudamm heran. Er stemmt sich auf seinen Krückstock, die eine Hand hat er in einen weißen Stoffhandschuh gepackt. "Das ist alles weg", sagt der 79-Jährige, "da war ein Altbau. Im zweiten oder dritten Stock war die SDS." Heute steht an dieser Stelle ein schmuckloser Wohnblock, in der Ladenzeile ein Bäcker, ein Schreibwarenladen, Tchibo. Kaum ein Passant bemerkt die schlichte Steintafel im Gehweg, die an das Attentat erinnert. Darauf steht: "An den Spätfolgen der Schussverletzung starb Dutschke 1979. Die Studentenbewegung verlor eine ihrer herausragendsten Persönlichkeiten."

Verteidiger der Demonstranten

Erst als sich Ströbele neben die Gedenktafel stellt, als er gestikuliert, lacht, in den Erinnerungen an Zeiten als Anwaltsreferendar und Verteidiger der Demonstranten wühlt, in diesem Moment bekommen die schwarz-weißen Erinnerungen von damals Farbe, bleiben Passanten stehen, schütteln Ströbele die Hand. "Sie sind einer von uns", sagt eine Frau mit bunter Steinkette und Rollator, ein Mann bleibt stehen, sagt: "Ich habe damals mit demonstriert."

Am gestrigen Mittwoch, genau 50 Jahre nach dem Attentat, erinnerten Verwandte, Weggefährten und Politiker um 16.30 Uhr – dem Zeitpunkt des Attentates – mit einer Gedenkveranstaltung am Kurfürstendamm an Dutschke – darunter auch seine Witwe Gretchen Dutschke-Klotz mit den gemeinsamen Söhnen Hosea und Rudi-Marek sowie der Tochter Polly-Nicole.

"Wir hatten eine ungeheure Wut in uns

Ströbele erzählt, wie er am Tag des Attentates von seiner Wohngemeinschaft, keine 20 Gehminuten entfernt, zur SDS-Zentrale fuhr. "Springer hat geschossen, das war von Anfang an klar", sagt Ströbele noch heute. Wie sich allerdings später herausstellte, war der Attentäter ein psychisch labiler Hilfsarbeiter und Neonazi. Das Verlagshaus, in dem damals auch die Berliner Morgenpost erschien, hatte zuvor die Ressentiments gegen die Studentenproteste befeuert. "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt", schrieb "Bild" im Februar. "Wir hatten eine ungeheure Wut in uns", so Ströbele. Diese Wut hatte er schon einmal verspürt, nach den Schüssen auf den Studenten Benno Ohnesorg. Zwei Tage nach dem Attentat vom 2. Juni 1967 trat Ströbele dem "Sozialistischen Anwaltskollektiv" bei, für das er später die RAF-Terroristen Ulrike Meinhof und Andreas Baader verteidigte.

Auf den Demos war er, sooft er konnte. Dabei beschreibt sich Ströbele als jemanden, der eher in den hinteren Reihen demonstrierte, nie die Gummiknüppel oder Wasserwerfer abbekam. Das passt zu seiner manchmal widersprüchlichen Geschichte. Während Dutschke nach seiner vorläufigen Genesung den "langen Marsch durch die In­stitutionen" propagierte, trat Ströbele für kurze Zeit dem SPD-Ortsverband Zehlendorf bei. Während seine Mandanten aus der "Kommune 1" freie Liebe predigten, heiratete Ströbele. Kirchlich.

Der Kudamm gehörte uns

Fährt man mit Ströbele im Doppeldeckerbus den Kudamm herunter, klingt der Mitbegründer der Alternativen Liste auf einmal recht konservativ, beschwert sich über den architektonischen Niedergang des Kudamms, schwelgt in Erinnerungen an das "Café Möhring", den "Schotten" und all die anderen Studententreffpunkte, die nicht mehr sind. Vor dem Kranzler Eck sagt Ströbele: "Das war unsere Tummelwiese", und deutet auf die Kreuzung. Demos gegen die Militärdiktatur in Griechenland, für die Freilassung von Genossen, gegen die Untätigkeit des Senats nach dem Ohnesorg-Attentat, und immer wieder gegen den Vietnamkrieg. "Die Straße gehörte uns", sagt Ströbele über den Kudamm.

Die teils brutale Niederschlagung der Demos durch die Polizei, die Wasserwerfer, die Gummiknüppel, all die Gewalt kommt in Ströbeles Erzählungen nur am Rande vor. Wovon er gar nicht redet: Die vielen Steine, die Demons­tranten in Ladenscheiben und auf Polizisten warfen, und die umgeworfenen Autos. Nach dem Anschlag auf Dutschke, nach der Belagerung von Springer radikalisierten sich auch die Proteste auf dem Kudamm. Die Polizisten knüppelten weiter auf die Demonstranten ein.

Was ist geblieben, Herr Ströbele? "Wir haben vieles nicht erreicht", sagt er. "Aber wir haben die gesellschaftlichen Gewohnheiten verändert: Die Wohngewohnheiten, die Liebesgewohnheiten, die Erziehungsgewohnheiten, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Inzwischen sind viele Visionen der 68er sogar in Gesetze eingeflossen."

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