Berlin

„Die Eisheiligen im Mai sollte man abwarten“

Gartenexpertin Gabriella Pape berät seit 20 Jahren Kunden in Pflanzenfragen. Sie verrät, worauf es jetzt ankommt

Wie mickrig die Rose auch im Garten stehen mag: Gabriella Pape weiß Rat. Deutschlands berühmteste Gärtnerin hat die „Königliche Gartenakademie“ in Dahlem wieder zum Leben erweckt, renommierte Auszeichnungen gewonnen und weiß seit ihrer Studienzeit am größten Botanischen Garten der Welt, den Kew Gardens in London, um die Geheimnisse der Gartenkunst. Sie erklärt der Berliner Morgenpost, warum weniger manchmal mehr ist, Männer Rasen lieben und der Boden manchmal glücklicher macht als ein Stück Kuchen.

Frau Pape, haben Sie heute schon etwas gepflanzt?

Gabriella Pape: Nein, dafür ist es ehrlich gesagt auch noch etwas zu früh. Der kalte Wind und die teils niedrigen Temperaturen in der Nacht würden den Pflanzen nur schaden. Die Eisheiligen im Mai sollte man schon abwarten. Für Bäume und Sträucher ist die Jahreszeit dagegen perfekt.

Was kann man jetzt schon tun, um den Garten auf Vordermann zu bringen?

Jetzt ist eine gute Zeit, um Stauden zu schneiden. Ich habe gerade selbst hier im Garten meine Rosen geschnitten. Auch wenn sie oben schon tot sind, sollte man sie nicht aufgeben. Einfach mit der Gießkanne alle drei bis vier Tage gießen, dann erholen sie sich wieder vom langen Winter. Wer wie ich das Laub im Winter für die Würmer liegen lässt, kann auch schon einmal das Restlaub vom Rasen wegharken. Ende April kann dann das Moos mit einer scharfen Harke oder einem Rasenmäher entfernt werden.

Viele Berliner haben gar keinen eigenen Garten. Kann man denn schon auf dem Balkon loslegen?

Auch dabei ist noch etwas Geduld gefragt. Wer schon den Blick auf die bunten Blüten genießen will, kann sich die Blumen schon kaufen und sie in die Balkonkästen stellen. Am besten so, dass sie genügend Sonne abbekommen. Sie kommen aus geschützten Gewächshäusern – damit sie auch in den teils noch sehr frischen Nächten mit kalten Winden überleben, sollte man sie abends von der Brüstung herunternehmen und mit Zeitungspapier abdecken.

Welche Pflanzen eignen sich denn überhaupt für den heimischen Garten?

Alles, was Spaß macht. Ich persönlich pflanze gerne Stauden, denn sie sind winterhart, pflegeleicht und blühen schön. Daran kann man lange seine Freude haben. Manche sind bodenständig und bevorzugen vor allem einheimische Arten – ich bin da nicht so verbissen. Bei uns in der Gartenakademie wachsen zu jeder Zeit 4000 unterschiedliche Pflanzen.

Seit Jahren beraten Sie Menschen in Gartenfragen. Was ist der Lieblingsfehler der Berliner?

Viele tun tatsächlich einfach zu viel. Da wird alles herausgeharkt und mit Laubbläsern weggepustet, sodass am Ende kein Oberboden mehr übrig ist. Der ist aber wichtig für Mikroorganismen. Besonders bei der älteren Generation war der Ordnungssinn etwas zu stark ausgeprägt. Wir müssen etwas sensibler mit dem Boden umgehen und ihm das zurückgeben, was über Generationen rausgekratzt wurde.

Wenn der Boden so wichtig ist, gehe ich doch gleich in den Baumarkt und kaufe etwas Dünger.

Das lassen Sie lieber mal. Stimmt, man braucht einen guten Boden. Manche stellen ihre Pflanzen in den Sandboden und wundern sich dann, dass nichts wächst. Kurz nach dem Pflanzen bringt Dünger aber nichts – wenn die Blume aus dem Topf kommt, muss sie erst mal ankommen. Das macht nur Sinn bei Pflanzen, die bereits etabliert sind und Wurzeln haben. Am besten eignet sich dann Langzeitdünger wie Hornspäne.

Wie mache ich es von Anfang an richtig?

Wichtig ist, dass die Erde torffrei ist. In Berlin und Umgebung gibt es eine Menge Kompostieranlagen, wo man gute Gartenerde mit organischem Material für wenig Geld bekommt. Diese mischt man dann mit der Erde im eigenen Garten.

Wir haben viel über Erde gesprochen. Wie geht man mit zarten Pflänzchen um?

Beim Pflanzen unbedingt das Pflanzloch mit Wasser füllen. Dann kann man etwas Pflanzenerde dazugeben und die Pflanze reinstellen. Die saugt dann das Wasser auf. Dann neue Erde raufstreuen und erneut gießen. Wenn es blubbert, ist das ein gutes Zeichen – daran erkennt man, dass die Pflanze das Wasser aufnimmt. Feucht halten ist viel wichtiger als düngen.

Wie steht es mit Obst und Gemüse?

Das ist was Tolles, besonders, wenn man Kinder hat. Die sehen dann, dass man nicht das ganze Jahr über alles haben kann. Dass die Dinge eine Saison haben. Besonders viel Spaß machen Naschpflanzen wie Blaubeeren, Heidelbeeren und Johannisbeeren. Im Stadtgarten ist auch ungewöhnliches Gemüse wie Mangold sehr beliebt. Man muss nicht unbedingt gleich einen Obst- oder Gemüsegarten anpflanzen. Nur bei Apfelbäumen sollte man darauf achten, dass sie zur Befruchtung den passenden Nachbarbaum haben. Wer dafür keinen Platz hat, kann den Nachbarn fragen – dann haben beide etwas davon.

Besonders Männer haben eine Schwäche für Rasen. Wie kommt das?

Das klingt eigenartig, aber es stimmt. Wenn wir an der Gartenakademie einen Kurs zum Thema Rasen anbieten, sind über 90 Prozent Männer dabei. Es ist ein weltweites Phänomen. Bei der Chelsea Flower Show, einer weltbekannten Gartenschau in London, stehen alle Jahre wieder die Männer in großen Pulks um die Rasenmäher herum. Die Begeisterung für die Ausrüstung und für den freien Blick machen den Rasen für Männer so anziehend. Frauen machen es sich dagegen meist lieber gemütlich in kleineren, verwinkelten Gärten.

Fühlt sich Gärtnern für Sie überhaupt wie Arbeit an?

Nein. Für mich ist das eine große Freude. Ich schaue gerade aus dem Fenster und sehe die Leute bei uns im Café Kuchen essen – der ist lecker, macht aber dick. Da ist es gut, wenn man einen Garten hat, wo man die Pfunde beim Buddeln in der Erde wieder loswerden kann. Es lohnt sich, denn trotz aller Widrigkeiten gibt einem der Garten eine Menge zurück. Gärtnern macht glücklich: Es gibt Mikroorganismen in der Erde, die das Glückshormon Serotonin produzieren. Die Engländer beispielsweise kennen das Wort Gartenarbeit gar nicht – dort heißt es ganz simpel „Gardening“.

Sie haben lange in England gelebt. Was haben Sie dort über Gartenkultur gelernt?

Wie Essen, Trinken und Schlafen gehört Gärtnern dort zum Lebensrhythmus dazu. Es ist eine Art Demutsschule für das Leben: Manchmal funktioniert es nicht so, wie man es sich wünscht. Dann wird es eben beim nächsten Mal besser. Wenn eine Pflanze tot ist, kaufen viele Deutsche die gleiche noch einmal. Sie denken gar nicht daran, dass die Pflanze da vielleicht gar nicht sein will. Der Engländer freut sich über die Lücke, denn da ist Platz für Neues.

Gibt es auch für uns noch Hoffnung?

Selbstverständlich. Einfach gelassener an die Dinge herangehen. Es ist schon okay, wenn mal etwas Laub auf dem Boden liegt und es nicht aussieht wie im Friedhofsgarten.