Stadtmuseum

Sensationsfund: Kiefer von Wollnashorn im Stadtmuseum

Berliner Wissenschaftler entdeckten in einer Sammlung des Stadtmuseums den Unterkiefer eines Wollnashorns. Er war falsch beschriftet.

Beate Witzel und Gerhard Scholtz mit dem Unterkiefer eines Wollnashorns in der Poelzighalle in Berlin Spandau.

Beate Witzel und Gerhard Scholtz mit dem Unterkiefer eines Wollnashorns in der Poelzighalle in Berlin Spandau.

Foto: Daniel Schaler

Jahrzehntelang war das imposante Fundstück, ein riesiger Unterkiefer mit Zähnen, falsch beschriftet. Angeblich sollte der alte Knochen von einem Wildrind stammen. Bis die Leiterin der geologischen Sammlung im Stadtmuseum, Beate Witzel-Scholtz, stutzte: "Die Zähne sahen nicht aus wie die einer Kuh." Nach wissenschaftlichen Recherchen steht jetzt fest: Das 55 Zentimeter große Fundstück aus einer Spandauer Kiesgrube gehörte einmal einem Wollnashorn. Nach Auskunft der Experten gibt es nur einen vergleichbaren Fund aus Berlin, der im Neuen Museum zu besichtigen ist.

Vermutlich lebte das Wollnashorn vor der letzten großen Vereisung vor 24.000 Jahren als Berlin bis in Höhe des heutigen Fernsehturms etwa 6000 Jahre lang mit Eis bedeckt war. Weil die Pflanzen, von denen sich diese ursprünglich aus Tibet stammenden Tiere ernährten, durch die zunehmende Abkühlung verdrängt wurden, hatte sich das Wollnashorn vor ungefähr 30.000 Jahren langsam aus unseren Breitengraden zurückgezogen.

Das Ur-Tier litt womöglich an Parodontitis

Von den sechs Backenzähnen des Tieres auf der Hälfte des Unterkiefers sind noch drei vorhanden. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass das Tier eine Parodontitis-Erkrankung gehabt haben könnte. Darauf deute zumindest der dünne äußere Knochenrand hin. Die Ursache ist unbekannt, möglicherweise sei die Entzündung des Zahnbetts schon damals eine Stoffwechselerkrankung gewesen.

Über den Fund recherchiert haben die Eiszeit-Expertin Beate Witzel-Scholtz, die auch Kuratorin der geologischen Sammlung im Stadtmuseum Berlin ist, ihr Mann Gerhard Scholtz, Professor für vergleichende Zoologie an der Humboldt Universität, und der belgische Gast-Wissenschaftler Eli Amson. In der zoologischen Lehrsammlung der Universität verglichen sie die Kiefer von Pferden, Rindern und Kamelen mit dem Fundstück, es passte zu keinem. Schließlich half ein Zahnbuch weiter. "Das brachte uns auf das Nashorn", sagt Professor Scholtz. Wegen der charakteristischen Form der Zähne kamen sie schließlich auf das Wollnashorn. "Es sind hochkronige, mit starkem Schmelz versehene Zähne. Rinder haben viel flachere Zähne", erläutert er. Ein Vergleich mit anderen Nashornarten im Original im Museum für Naturkunde Berlin brachte schließlich Gewissheit, dass es sich um den Unterkiefer eines Wollnashorns handelt. Dort seien ebenfalls tolle Funde zu besichtigen, aber eben nichts aus Berlin Vergleichbares wie dieser Unterkiefer aus dem Stadtmuseum.

Der Fund, der jetzt erst untersucht wurde, gilt als einer der am besten erhaltenen eines ausgewachsenen Wollnashorns für den Berliner Raum – zusammen mit einem weiteren Unterkiefer eines "Baby"-Wollnashorns. Er ist aber wesentlich kleiner und hat noch Milchzähne. Die Röntgenaufnahme bei einem Zahnarzt zeigte, dass für die bleibenden Zähne noch keine Anlagen vorhanden waren. "Vermutlich handelt es sich also um das jüngste in Berlin gefundene Wollnashorn, schätzungsweise war es zwei Jahre alt", so Scholtz. Im Archiv der Bundesanstalt für Geowissenschaften sowie im Naturkundemuseum gebe es ebenfalls jeweils einen Fund eines Jungtieres, doch die seien "bereits mitten im Zahnwechsel" gewesen.

Die Unterkieferhälfte des eiszeitlichen Großsäugetiers kam schon vor Jahren als Dauerleihgabe des Fördererkreises Naturwissenschaftlicher Museen Berlins ins Stadtmuseum. Sie ist Teil einer Sammlung, die der Hobbypaläontologe (er beschäftigte sich mit den Überresten von Pflanzen und Tieren vergangener Epochen der Erdgeschichte) Manfred Arnold (1926–1990) über viele Jahre in der Kiesgrube Parey im Spektefeld in Spandau mit Begeisterung in seiner Freizeit zusammensuchte, insgesamt über 1400 Fundstücke. Die Grube an der Falkenseer Chaussee wurde in den 50er-Jahren als Kiesgrube genutzt. Sie erwies sich als wahre Schatzkammer und enthielt nicht nur Gesteine und Fossilien fast aller Erdzeitalter, sondern auch viele eiszeitliche Säugetierknochen, berichten die Wissenschaftler. In den 70er-Jahren ist die Kiesgrube geflutet worden. Heute ist sie ein See.

Die Schätze, die der Spandauer Bürger Manfred Arnold einst aus dieser Grube herausholte, sind aber nicht weit entfernt. Das zentrale Depot des Stadtmuseums Berlin befindet sich seit 2004 im Gebäude an der Hans-Poelzig-Straße 20 im Spandauer Ortsteil Hakenfelde, das der Architekt Hans Poelzig ab 1928 im Auftrag der Firma "Dr. Cassirer & Co. AG" als Kabelwerk gebaut hatte. Mit rund 4,5 Millionen Kulturgegenständen gilt das Depot als größtes eines Stadtmuseums. Gemälde, Porzellan, Musikinstrumente, Mode, Möbel, Theatersammlungen mit Kostümen und Bühnenbildern – alles wird unter museumskonservatorischen Bedingungen betreut.

An fünf Standorten zeigt das Stadtmuseum in Dauer- und Sonderausstellungen die Berliner Geschichte und Kultur – im Märkischen Museum, in der Nikolaikirche, im Ephraim-Palais, Knoblauchhaus und im Museumsdorf Düppel.

Im Märkischen Museum in Mitte wird am 10. Juni eine neue Dauerausstellung über die Berlingeschichte eröffnet, die mit der Eiszeit vor 24.000 Jahren beginnt. Dort wird dann auch der große Unterkiefer des Wollnashorns als Zeitzeuge für die Eiszeit zu sehen sein. Mit Audioguide in Englisch und Deutsch, sodass sein Schnauben und Erzählen über sich und seine Zeit hautnah erlebbar sein wird. Der kleine Unterkiefer wird dann als Objekt des Monats im September vorgestellt.

Der Aufsatz von Scholtz, Witzel-Scholtz und Amson über die "Zwei Unterkiefer des Wollnashorns" ist in den Sitzungsberichten der Gesellschaft Naturforschender Freunde zu Berlin (gegründet 1773) erschienen und im Internet als PDF zu finden unter: https://www.biologie.hu-berlin.de/de/gruppen/gruppenseiten/compzool (Stichwort: "research" und dann "publications")

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