Gesundheitsforschung

Der lange Weg zur Medizin von morgen

Das Berliner Institut für Gesundheitsforschung rekrutiert Spitzenwissenschaftler. Am Aufbau des Projektes gibt es aber auch Kritik.

Berlin. Das Berliner Institut für Gesundheitsforschung gilt als Leuchtturmprojekt der Wissenschaft von mindestens europäischer Bedeutung. Die noch im Aufbau befindliche Institution soll mit international führenden Experten eine neue Zusammenarbeit von Grundlagenforschung und klinischer Medizin entwickeln. Dort bündeln Charité und Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) ihre Kapazitäten der Spitzenforschung. Doch wie hell strahlt der Leuchtturm inzwischen? Wie weit ist der Aufbau gediehen?

In den vergangenen Monaten war aus der Politik immer wieder zu hören, es gehe zu langsam vorwärts. Immerhin sei das Institut bereits 2013 gegründet worden. Für Schlagzeilen sorgte im Sommer vergangenen Jahres auch, dass der Vorstandsvorsitzende Erwin Böttinger sein Amt aufgab und an die Potsdamer Universität wechselte – nach nur eineinhalb Jahren. Von Machtkämpfen und Richtungsstreitigkeiten im Vorstand war zu hören, die Dementis der Beteiligten klangen halbherzig.

Der Aufsichtsrat äußerte sich zuletzt aber zufrieden über die erzielten Fortschritte, insbesondere seien etliche wissenschaftliche Führungskräfte gewonnen worden. Auch die Bauprojekte des Instituts für Gesundheitsforschung, für das sich wegen der internationalen Ausrichtung inzwischen der englische Titel „Berlin Institute of Health“ und daher die Abkürzung BIH durchgesetzt haben, seien vorangekommen. Berlins Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) räumte allerdings erst kürzlich ein: „An der einen oder anderen Stelle hakt es noch.“

Das Institut ist bekannt als „Berlin Institute of Health“

Seit Böttingers Weggang leitet MDC-Vorstandschef Martin Lohse übergangsweise das Institut. „Es hat länger gedauert als gewünscht, und so werden wir auch manchmal wahrgenommen. Aber wir haben inzwischen mehr als 20 herausragende Wissenschaftler rekrutiert, die Arbeitsgruppen am BIH leiten. Bis 2026 wollen wir auf rund 40 Arbeitsgruppen wachsen. Zur Zeit wird fast jeden Monat ein Berufungsverfahren abgeschlossen oder ein Berufungsangebot ausgesprochen“, sagte Lohse der Berliner Morgenpost.

Die Leitidee des BIH ist die sogenannte „translationale Medizin“. Translation bedeutet, die Verknüpfung und den wechselseitigen Austausch zwischen biomedizinischer Grundlagenforschung, klinischer Forschung und ärztlicher Praxis sicherzustellen, um komplexe Krankheitsprozesse besser zu verstehen und um Forschungsergebnisse und innovative Heilverfahren schneller ans Patientenbett zu bringen. Das Institut hat zwei Forschungsschwerpunkte: Es will die diagnostischen Möglichkeiten zur Vorhersage komplizierter Verläufe bei fortschreitenden Krankheiten verbessern und neuartige Therapien für eine personalisierte Behandlung entwickeln.

Auch die Struktur des Instituts ist in Deutschland bislang einmalig. Dort wird Forschung des wesentlich vom Bund finanzierten außeruniversitären MDC und des vom Land Berlin getragenen Universitätsklinikums Charité gebündelt. Es ist finanziell üppig ausgestattet. Für den Aufbau stehen bis Ende dieses Jahres rund 310 Millionen Euro zur Verfügung. 90 Prozent davon zahlt der Bund, zehn Prozent Berlin. Weitere 40 Millionen Euro steuerte BMW-Erbin Johanna Quandt über die private Charité-Stiftung bei. Die institutionelle Förderung ist auch für die Zukunft gesichert, nur die Höhe der Finanzierung wird jährlich neu festgesetzt. Für dieses Jahr betragen die Zuwendungen von Bund und Land 76,9 Millionen Euro, im vergangenen Jahr waren es 70,2 Millionen.

Das BIH hat hochkarätige Wissenschaftler berufen

Unter den jüngst berufenen Wissenschaftlern sind echte Hochkaräter, die Charité und MDC alleine nicht hätten bekommen können. Dazu zählt zum Beispiel Petra Ritter. Sie kann Prozesse im menschlichen Gehirn am Computer simulieren. Das ist wichtig für personalisierte Therapien, etwa bei Patienten, die einen Schlaganfall erlitten haben oder an einem Gehirntumor erkrankt sind. Oder die IT-Spezialistin Sylvia Thun. Sie baut am BIH eine Einheit auf, mit dem Ziel, medizinische Versorgungs- und Forschungsdaten besser zu vernetzen. Oder Roland Elis, der als Gründungsdirektor des neuen Zentrums für Digitale Gesundheit gewonnen werden konnte.

Was lockt Wissenschaftler an das BIH? „Es sind nach meiner Überzeugung vor allem drei Gründe: Am Institut ist Geld für große Forschungsvorhaben vorhanden. Man kann einen Aufbau und Strukturen mitgestalten, das schätzen konzeptionell interessierte Wissenschaftler. Und viele im Ausland tätige Experten sagen: Wenn ich nach Deutschland gehe, dann nach Berlin“, meint Martin Lohse.

Neben der Rekrutierung von Wissenschaftlern prägen zwei große Bauvorhaben das derzeitige Aufgabenfeld des Instituts. Auf dem Charité-Campus Mitte, an der Luisenstraße, entsteht ein Gebäude, in den auch wesentliche Teile, vor allem Laborflächen, des BIH ziehen sollen, in Buch ein Experimentallabor. „Es ist wichtig, dass das BIH in der Stadt sichtbar wird, Eine Institution mit einem solchen Rang und mit einem Jahresetat von fast 80 Millionen Euro muss ich auch wahrnehmen können. Und natürlich sind die Gebäude auch funktional von Bedeutung. Die Forscher brauchen Orte, an denen sie sich begegnen, austauschen und gemeinsam arbeiten können. Räumliche Nähe ist besonders für das fächerübergreifende Arbeiten essenziell“, sagte Lohse. Die Bauten sollen 2022 fertiggestellt sein.

Strukturkommission soll weitere Ausrichtung ermitteln

Auch beim Warten auf Erfolge der Translationsmedizin braucht es Geduld. „Wir handeln in Monaten und denken in Jahren. Die Entwicklung einer neuen Therapieform oder eines neuen Medikaments dauert lange – das können durchaus auch zwei Jahrzehnte sein“, erläuterte der Interimsdirektor. Ein Beispiel: In den nächsten Wochen wird an der Charité mit einer klinischen Studie begonnen, bei der Krebs mit gentechnisch veränderten Zellen bekämpft wird.

Die Forschung am MDC dazu hat im Jahr 2000 begonnen. „Nicht jedes Forschungsprojekt ist am Ende erfolgreich, das ist das Wesen der Forschung. Deshalb ist die Größe des BIH wichtig. Sie ist auch wichtig, um ein wissenschaftliches Netzwerk aufzubauen. Der Nutzen dieses Netzwerks ist für die Berliner noch nicht sichtbar, aber er ist für die Forschung erheblich“, erklärte Lohse.

Wie es am Institut für Gesundheitsforschung inhaltlich und strukturell weitergeht, soll auch eine vom Aufsichtsrat eingesetzte „Strukturkommission“ ermitteln. In den nächsten Wochen soll sie dem Aufsichtsgremium um Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung und Berlins Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach Empfehlungen geben. An der ausgearbeiteten Strategie des Instituts bis 2026 werde aber festgehalten, stellte der Aufsichtsrat klar.

Die Kommission wurde als Reaktion auf die internen Unwuchten am BIH im Juli vergangenen Jahres gegründet. „Ich sehe das BIH jetzt auf einem guten Weg und würde es begrüßen, wenn die Strukturkommission keine Veränderungen vorsieht, die den weiteren Aufbau anhalten. Wir möchten gern zügig eine interne Governance aufbauen, die sich weniger an Top-Down-Entscheidungswegen orientiert“, sagte Martin Lohse dazu der Berliner Morgenpost. Er plädiert aber dafür, neben dem administrativen Vorstand wieder einen hauptamtlichen Wissenschaftler im Vorstand zu etablieren.

Mehr zum Thema:

Senat investiert Milliarden in Hochschulen und Charité

Was sich für Patienten an den Charité-Standorten ändert

Die Förderung der Berliner Wissenschaft folgt einem Trend

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.