Berlin

Kältehilfe: „Die Lage spitzt sich zu“

Das Elend wächst: Immer mehr Obdachlose mit gesundheitlichen Problemen kommen in die Notübernachtungen.

Kalt in Berlin - die Nachtreportage im Video

Berlins Obdachlose leiden unter der bitteren Kälte. So verbrachten Betroffene und Helfer die Nacht.

Nachtreportage - Kalt in Berlin

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Die Verelendung unter Obdachlosen in Berlin nimmt zu. „Immer mehr Menschen, die die Kältehilfe aufsuchen, sind in einer sehr schlechten gesundheitlichen Verfassung“, sagte Ulrike Kostka, Direktorin des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin, am Donnerstag. Auffällig seien viele psychische und Suchterkrankungen, das überfordere die Helfer. Diakonie, Caritas und Deutsches Rotes Kreuz (DRK) zogen am Donnerstag Bilanz der diesjährigen Kältehilfeperiode. Ursprünglich endete diese stets Ende März. In diesem Jahr bleiben erstmalig 500 Plätze bis Ende April bestehen, das dafür notwendige Geld wurde im Doppelhaushalt des Landes bereitgestellt.

Wenn die Kältehilfe mit dem Lastenrad kommt

Mit dem Projket „Warmgefahren“ versorgen zwei WG-Bewohner Obdachlose mit Kleidung und Wärme.
Wenn die Kältehilfe mit dem Lastenrad kommt

1000 Schlafplätze hatte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) vor Beginn der Saison versprochen. Zum Start im November standen 722 Plätze zur Verfügung, im März waren es schließlich 1166, so viele wie noch nie. Der Spitzenwert wurde mit 1264 Plätzen in der letzten Februarwoche erreicht. Allerdings wird die Zahl der in Berlin lebenden Obdachlosen von Fachleuten auf 4000 bis 6000 geschätzt. Fast drei Viertel von ihnen kommen inzwischen aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa.

Auslastung im Durchschnitt bei 86 Prozent

Dem Bedarf entsprechend, war die Auslastung der Übernachtungsplätze hoch. Sie lag nach Angaben des an der Kältehilfe beteiligten Sozialdienstleisters Gebewo durchschnittlich bei 86 Prozent. Im Dezember betrug sie nur 78 Prozent, im Februar hingegen 91 Prozent, im März sogar 93 Prozent – eine Folge des langen und harten Winters. Insgesamt wurden in den vergangenen fünf Monaten mehr als 130.000 Übernachtungen registriert, bei einer Komplettauslastung wären es knapp 160.000 gewesen. Der Frauenanteil liegt bei etwa 15 Prozent. Die meisten Plätze werden in Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Tempelhof-Schöneberg und Reinickendorf angeboten.

Die größte Notübernachtung im Rahmen der Kältehilfe ist die der Stadtmission an der Lehrter Straße nahe dem Hauptbahnhof. Dort suchten in diesem Winter 3500 Menschen aus 91 Nationen Schutz. Es gibt 121 vom Bezirk Mitte finanzierte Übernachtungsplätze. In kalten Nächten seien teilweise mehr als 200 Menschen versorgt worden, berichtete Stadtmissionssprecherin Ortrud Wohlwend. Nach der Räumung der Camps, etwa im Großen Tiergarten, seien viele Obdachlose in einem permanenten Ausnahmezustand gewesen, sagte Wohlwend. „Sie waren fast täglich auf der Suche nach einem neuen Platz.“

„Kältehilfe bietet reinen Überlebensschutz“

Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, betonte, dass die Träger der Wohlfahrtsverbände die hohe Platzzahl in der Berliner Kältehilfe nur unter größten Anstrengungen geschaffen hätten. Das Angebot sei aber keine dauerhafte Lösung, sondern ein reines Nothilfeprogramm. „Kältehilfe bietet reinen Überlebensschutz“, stellte Eschen klar. In den Einrichtungen schliefen Menschen mit unterschiedlichsten Problemlagen auf engstem Raum.

Eschen betonte, derzeit sei nicht mehr fehlendes Geld das Hauptproblem, sondern fehlende Räume für Notübernachtungen und Sozialarbeit. Und natürlich fehlende Wohnungen. Neben den Obdachlosen, die auf der Straße leben, seien weitere 31.000 Menschen in Berlin ohne eigene Wohnung, untergebracht in Wohnheimen, Hostels und Pensionen. Zum Zeitpunkt des letzten erfassten Stichtags, 31 Dezember 2016, seien fast 40 Prozent von ihnen bereits länger als ein Jahr dort gewesen. „Wir brauchen vor allem Hilfen, die aus der Misere Wohnungslosigkeit herausführen: Wir brauchen zuverlässige Prävention – niemand darf seine Wohnung mehr verlieren. Wir brauchen die aufsuchende Beratung für die, die sich schon mit der Parkbank abgefunden haben. Wir brauchen viel mehr Beratung und Betreutes Wohnen für die, die aus der Wohnungslosigkeit herauskommen wollen. Vor allem brauchen wir bezahlbare Wohnungen“, forderte die Diakonie-Direktorin.

Immer mehr obdachlose Rollstuhlfahrer

Die meisten Obdachlosen in Berlin würden durch die Regelangebote der medizinischen Versorgung nicht erfasst, weil sie aus dem Ausland kommen, erläuterte Ulrike Kostka. „Eine besondere Gruppe, die vermehrt in der Kältehilfe auftaucht sind Rollstuhlfahrer. Hier stoßen alle Beteiligten an ihre Grenzen“, sagte die Caritas-Direktorin. Die notwendige pflegerische und hygienische Versorgung könnten Nothilfe-Einrichtungen nicht leisten. Es sei ein Skandal, dass Rollstuhlfahrer auf diese Angebote zurückgreifen müssen, so Kostka. „Rollstuhlfahrer ohne Obdach müssen in ganztägigen Unterkünften versorgt werden. Im Moment müssen sie den Tag im Freien verbringen, wenn die Kältehilfeeinrichtungen morgens schließen. Obdachlos und bewegungseingeschränkt im Winter auf der Straße: das darf nicht sein“, sagte sie. Die Stadtmission versorgte in diesem Winter 35 Rollstuhlfahrer in ihren Notübernachtungen, 15 mehr als im Vorjahr.

Bereits seit 28 Jahren bieten evangelische und katholische Kirchengemeinden sowie Einrichtungen der Diakonie und Caritas Übernachtungsplätze während der Winterzeit an, um Menschen vor dem Erfrierungstod zu bewahren. Die Kältehilfe wird vom Land Berlin über die Bezirke sowie mit Spenden finanziert.

Opposition fordert Gesamtkonzept

Auch Politiker reagierten auf die Kältehilfe-Bilanz. „Die Verlängerung der Kältehilfe-Saison ist gut denn wir sehen gerade, dass die Kälte nicht am 1. April endet. Nötig ist aber vor allem ein Gesamtkonzept mit Land, Bezirken und den Herkunftsländern der Obdachlosen“, sagte Thomas Seerig, sozialpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus.

Die Kältehilfe alleine löse die Probleme der Obdachlosigkeit in Berlin nicht, mahnte Maik Penn, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. „Es wird nur unzureichend an Symptomen herumgedoktert, die Ursachen aber bisher nicht wirkungsvoll bekämpf“, kritisierte er. Der Kältebus dürfe zudem nicht als Krankentransport oder gesundheitliche Versorgungseinrichtung missbraucht werden, ebenso mangele es an Hilfsmöglichkeiten für obdachlose Rollstuhlfahrer. „Hierfür muss der rot-rot-grüne Senat endlich ein ausreichendes Angebot zur Verfügung stellen. Es fehlt dem Senat weiterhin an einer ressortübergreifenden Strategie, so ist zum Beispiel die Problematik osteuropäischer Obdachloser ungelöst“, so Penn.

Dagegen erklärte Fatos Topaç, Sozialexpertin der Grünen-Fraktion, Rot-Rot-Grün übernehme Verantwortung für die Menschen, die in Berlin auf der Straße leben. „Für die Zukunft erwarten wir, dass auch in Berlin gute Beispiele aus anderen Städten aufgegriffen werden. München hat ein sehr professionelles Kälteschutzprogramm und vielseitige Beratungsangebote - auch für Menschen, die in unserem Sozialsystem keine Ansprüche auf Sozialleistungen haben“, erklärte Topaç.

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