Im Tiergarten getötet

Prozessbeginn im Fall Susanne Fontaine: Chronik eines Mordes

Ilyas A. soll Susanne Fontaine im Tiergarten überfallen und erwürgt haben. Ab heute verhandelt eine Jugendkammer über den Mord.

Mit Briefen und Kerzen gedenken Freunde und Angehörige im Tiergarten der ermordeten Susanne Fontaine

Mit Briefen und Kerzen gedenken Freunde und Angehörige im Tiergarten der ermordeten Susanne Fontaine

Foto: Reto Klar

Berlin.  Susanne Fontaine sagte zu ihren drei Freundinnen: „Dann muss ich allein den Weg laufen.“ Das war am 5. September 2017 gegen 22.15 Uhr vor der Gaststätte Schleusenkrug im Tiergarten. Eine Freundin war mit dem Fahrrad da. Die beiden anderen wollten zu ihren Autos an der Straße des 17. Juni gehen. Susanne Fontaines Weg führte durch den Park Richtung Bahnhof Zoo. Es wären knapp 300 Meter gewesen; ein Weg zwischen der Müller-Breslau-Straße und dem Hardenbergplatz. Die 60-Jährige drehte sich noch einmal um und winkte. Ihre Freundinnen konnten nicht ahnen, dass es ein Abschied für immer war.

Drei Tage später fanden zwei Passanten gegen Mittag den Leichnam einer Frau in einem Gebüsch; gleich neben einer Mauer, hinter der sich die Bahngleise ziehen. Es war sehr schnell klar, dass es sich um die als vermisst gemeldete promovierte Kunsthistorikerin Susanne Fontaine handelte, Kastellanin im Schloss Glienicke und im Jagdschloss auf der Pfaueninsel.

Nur wenige Meter entfernt hatte ihr Mann Klaus Rasch am Tag zuvor einen Zettel mit einem Foto der Vermissten und der verzweifelten Frage „Wo ist meine Frau Susanne?“ befestigt. Ein Rechtsmediziner konnte noch vor Ort feststellen, dass Susanne Fontaine mit hoher Wahrscheinlichkeit erwürgt wurde. Ein paar Meter weiter fanden Beamte ihre geplünderte Handtasche. Die Ermordete soll etwa 50 Euro dabei gehabt haben. Auch das Handy war nicht mehr da – es sollte in diesem Fall noch eine große Bedeutung bekommen.

Spezialisiert auf Seniorinnen, die sich nicht wehren können

Der mutmaßliche Täter muss sich ab Mittwoch vor einer Moabiter Jugendkammer wegen Mordes und Raubes mit Todesfolge verantworten. Er ist bei Polizei und Justiz kein Unbekannter, war mehrfach wegen schwerer Gewaltstraftaten aufgefallen. Nach eigenen Angaben wurde Ilyas A. am 10. August 1999 in Grozny/Tschetschenien geboren. Dort soll er auch aufgewachsen sein. Im Juli 2012 wanderte seine Familie nach Polen aus, reiste vier Monate später nach Deutschland und beantragte hier Asyl. Der Antrag wurde abgelehnt, die Familie abgeschoben. Zwei Jahre später versuchte es Ilyas A. noch einmal, diesmal allein, bekam eine vorübergehende Duldung – war aber von Anfang an ein Problemfall, der in Berliner Kriseneinrichtungen auffällig wurde, aggressiv war und sich nicht an Regeln hielt. Es kam dann auch sehr schnell zu teilweise schwersten Straftaten.

Am 22. Mai 2015 sprach Ilyas A. in Moabit vor einer Arztpraxis einen am Fuß operierten Mann an, provozierte ihn, trat ihm auf den operierten Fuß und entriss ihm, den Überraschungsmoment ausnutzend, das Handy. Auch die anderen Straftaten spielten sich in Moabit ab.

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Am 25. Juni 2015 versuchte er in einem Hausflur, einer 75 Jahre alten, an Krücken laufenden Frau die Umhängetasche von der Schulter zu reißen. Als sie sich wehrte, stieß er sie mit dem Kopf gegen die Hauswand. Sie musste ins Krankenhaus gebracht und stationär aufgenommen werden.

Einen Tag später verfolgte Ilyas A. eine 87 Jahre alte Frau bis in ihr Wohnhaus. Als sie ihre Wohnungstür aufschloss, stieß er sie zu Boden, gab ihr einen Faustschlag ins Gesicht und nahm ihr die Handtasche weg. Auch dieses Opfer musste ins Krankenhaus gebracht werden. Die Frau hat seitdem alle Sicherheit verloren und leidet unter Panikattacken.

Am 29. Juni 2015 lauerte Ilyas A. in Moabit einer 98 Jahre alten Frau auf, die von einer Filiale der Postbank nach Hause lief. Er entriss der überraschten Seniorin die Handtasche, verletzte sie dabei an der Schuler. Diesmal gab es jedoch Zeugen, die den Vorfall beobachteten, Ilyas A. verfolgten, überwältigten und der Polizei übergaben.

Gezielt Seniorinnen als Opfer ausgesucht

Am 8. September 2015 verurteilte ein Moabiter Jugendgericht Ilyas A. wegen Raubes und vorsätzlicher Körperverletzung zu einem Jahr und sechs Monaten Haft. Vor Gericht soll er gesagt haben, dass er sich gezielt Seniorinnen ausgesucht habe, weil von denen nur eine geringe Gegenwehr zu erwarten sei. Am 4. November 2015 wurde von der Ausländerbehörde angeordnet, ihn nach Verbüßung der Strafe auszuweisen. Am 21. Dezember 2016 wurde er aus der Jugendstrafanstalt entlassen. Gegen die Ausweisung lief inzwischen eine Klage beim Verwaltungsgericht. Ilyas A. durfte also zunächst in Berlin bleiben. Es folgten weitere Straftaten und Verfahren.

Am 6. September, einen Tag nach dem Tod von Susanne Fontaine, wurde Ilyas A. in Charlottenburg in einer Kontakt- und Beratungsstelle gesehen; dort übernachtete er auch. Einen Tag später soll er die Flucht nach Polen angetreten haben, wo noch immer seine Familie lebte. Ein Ermittlungsansatz für die Mordkommission war von Anfang auch das Handy der ermordeten Susanne Fontaine. Ihr Mann hatte am Morgen nach ihrem Verschwinden plötzlich eine SMS bekommen mit dem Hinweis, seine Frau sei wieder erreichbar. Vermutlich hatte Ilyas A. das Handy in diesem Moment angeschaltet.

Die Polizei leitete eine Überwachung ein. Erste Hinweise gab es am 9. September, als das Handy am späten Nachmittag in Frankfurt (Oder) geortet wurde. Seitdem konnte es verfolgt werden, bis in die polnische Stadt Prusz-ków nahe Warschau. Dort wurde Ilyas A. am 11. September von Beamten der polnischen Policja festgenommen. Bei einer Durchsuchung fanden sie Susanne Fontaines Handy in einer Jackentasche. Er soll bei Vernehmungen behauptet haben, er habe das Handy auf einem Markt gekauft. Angeblich sei er auch schon Anfang September, also mehrere Tage vor dem Mord an Susanne Fontaine, in Polen eingereist. Am 4. Oktober wurde Ilyas A. nach Deutschland ausgeliefert. Seitdem sitzt er in der Jugendstrafanstalt Berlin.

Ilyas A. soll bislang kein Geständnis abgelegt haben und zu den Vorwürfen hartnäckig schweigen. Die Ermittler sind jedoch sicher, ihn des Mordes an Susanne Fontaine überführen zu können. Sie haben am Leichnam der Frau DNA des Angeklagten sicherstellen können. Und wichtige Indizien sind natürlich das Handy und die Spur, die Ilyas A. damit bis zu seiner Festnahme legte.

Eine Problematik ist allerdings das Alter des Angeklagten. Offiziell wird davon ausgegangen, dass Ilyas A. 18 Jahre alt ist. Sicher ist das jedoch nicht. Spezialisten des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der Charité haben den Angeklagten begutachtet. Sie gehen davon aus, dass er mindestens 20 Jahre alt ist. So bleibt er für das Gericht im Status eines Heranwachsenden.

Ehemann der Getöteten als Nebenkläger vor Gericht

Die Jugendkammer wird im Fall eines Schuldspruchs nun entscheiden müssen, ob der Angeklagte unter Jugendstrafrecht oder Erwachsenenstrafrecht fällt. Wichtig wird dabei vermutlich auch das Gutachten des forensischen Psychiaters Alexander Böhle sein. Bei Erwachsenenstrafrecht droht Ilyas A. lebenslänglich, bei Jugendstrafrecht sind es bis zu 15 Jahre.

Doch egal, wie es ausgeht, Susanne Fontaines Mann, der vor Gericht als Nebenkläger auftritt, wird auch eine noch so hohe Strafe nicht trösten können. An dem Ort, wo Susanne Fontaine ermordet wurde, haben Freunde und auch wildfremde Menschen brennende Kerzen hingestellt, Blumen abgelegt und Briefe – fragende, verzweifelte, religiöse. Auch Klaus Rasch hat einen geschrieben, mit einem Zitat: „40 gemeinsame und glückliche Jahre – mal eben so ausgelöscht.“

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