Berliner Feuerwehr

Der Kummer mit der Notruf-Nummer

| Lesedauer: 3 Minuten
Ausnahmezustand Rettungsdienst

Ausnahmezustand Rettungsdienst

Die Sanitäter der Berliner Feuerwehr sind komplett überlastet - auch weil sie zu oft bei Kleinigkeiten ausrücken müssen.

Beschreibung anzeigen

In der Leitstelle der Berliner Feuerwehr landen viele Anrufe, die keine Notrufe sind. Das sorgt für Frust.

Berlin. Seit Wochen arbeitet die Berliner Feuerwehr an der Belastungsgrenze. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht der „Ausnahmezustand Rettungsdienst“ ausgerufen wird, weil zu viele Notrufe in der Leitstelle der Feuerwehr landen. An solchen Ausnahmetagen sind die Rettungswagen nahezu ausgelastet. Löschfahrzeuge werden dann außer Betrieb genommen, um das Rettungswesen aufrechtzuerhalten.

Das Thema ist so akut, dass sich Innensenator Andreas Geisel (SPD) kürzlich selbst ein Bild von der Lage machte. Die Behördenleitung sah sich in dieser Woche gar gezwungen in einem internen Rundschreiben an alle Mitarbeiter die Wogen zu glätten. Mittlerweile hat die Feuerwehr an normalen Tagen bis zu 1700 Alarmierungen. Das war in früheren Zeiten nur an Tagen mit besonderen Einsatzlagen der Fall.

Die vielen Ausnahmezustände haben mehrere Ursachen: die Grippewelle, die Zahl der Anrufer, der hohe Krankenstand bei der Feuerwehr, ein neues 12-Stunden-Schichtsystem, in dem es keine Überstunden mehr geben soll sowie die nach wie vor dünne Personaldecke.

Viele Einsätze landen wieder bei der Feuerwehr

Die Feuerwehr appelliert an die Bürger, bei Beschwerden, die nicht lebensbedrohlich sind, die 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) zu wählen. Allerdings funktioniert dieses System in der Praxis nicht so gut wie gewollt. Wie die Berliner Morgenpost aus Feuerwehrkreisen erfuhr, landen viele Einsätze, die von der Leitstelle an die KV abgegeben werden, wieder bei der Leitstelle. Entweder ist der Bereitschaftsdienst ausgebucht, oder den Patienten dauert es zu lange. „Es gibt oftmals das Anspruchsdenken, dass bei Problemen, die nicht akut sind, trotzdem sofort jemand da ist“, beschreibt ein Feuerwehrmann das Problem. So passiert es, dass Patienten, die an die KV verwiesen wurden, nach einer Weile einfach wieder den Notruf wählen. In einem Rundschreiben des ständigen Vertreters des Landesbranddirektors, Karsten Göwecke, ist von einer gestiegenen Erwartungshaltung der Bürger die Rede.

Ein weiteres Berliner Problem ist, dass das ganze Spektrum der Krankentransporte in Berlin von der Leitstelle nicht abgedeckt werden kann. Grund ist, dass es in Berlin etwa 90 Krankentransportunternehmen gibt. Für die Berliner Feuerwehr gibt es im Gegensatz zu anderen Bundesländen noch keine Möglichkeit, Krankentransporte an Krankentransportunternehmen abzugeben. Zurzeit ist eine Ausschreibung zur „Inanspruchnahme von Krankentransportleistungen“ durch die Berliner Feuerwehr aber in Vorbereitung.

Zwischen der Feuerwehrleitung und der Innenverwaltung laufen derzeit intensive Gespräche, damit ein Kollaps des Systems Notfallrettungsdienst in Berlin noch verhindert werden kann. Zu den Sofortmaßnahmen, die nun eingeleitet wurden, zählt etwa das Vorhalten einer taktischen Reserve von Rettungswagen auf den Feuerwachen und die Besetzung von zwei Rettungswagen durch den Technischen Dienst.

Viele Feuerwehrleute fordern auch eine Überarbeitung des „Standardisierten Notrufabfrageprotokolls“ (kurz: SNAP), das bei jedem Anrufer, der die Notrufnummer 112 wählt, angewandt wird. Bei diesem System soll der Anrufer mittels gezielter, vorgegebener Fragen durch das Notrufgespräch geleitet werden. Problem ist: Am Ende wird auch bei noch so absurden Anrufen fast immer alarmiert. Denn am Ende könnte ja doch ein Notfall dahinterstecken.

Mehr zum Thema:

Diese zehn absurden Notrufe bekam die Berliner Feuerwehr