Landgericht Berlin

Elfeinhalb Jahre Haft für versuchten Mord an Polizisten

Die Berliner Richter verurteilten den 29-Jährigen wegen versuchten Mordes. Damit gingen sie über den Antrag des Staatsanwalts hinaus.

Der Angeklagte Szymon R. verdeckt zu Prozessbeginn sein Gesicht

Der Angeklagte Szymon R. verdeckt zu Prozessbeginn sein Gesicht

Foto: Olaf Wagner

Als das Urteil verkündet ist, steht der Polizeibeamte Michael S. in einer Gruppe von Kollegen. Sie sind extra gekommen, umarmen ihn, klopfen ihm auf die Schulter. Es ist vermutlich auch ein Abschied. Vieles spricht dagegen, dass der 54-Jährige jemals in den Polizeidienst zurückkehren kann.

Schuld daran ist der 29-jährige Szymon R., den ein Moabiter Schwurgericht am Montag zu elfeinhalb Jahren Haft verurteilte – wegen versuchten Mordes an dem Polizisten Michael S., gefährlicher Körperverletzung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Fahrerflucht. Einbezogen wurde in diese Strafe eine Verurteilung des Berliner Landgerichts vom November 2016, das Szymon R. wegen bandenmäßigen Autodiebstahls zu drei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt hatte.

Richter Ralph Ehestädt sagte zu Beginn seiner Urteilsbegründung, hier habe sich „eine polizeiliche Routineüberprüfung zu einem dramatischen Vorgang entwickelt mit verheerenden Folgen für das Opfer“. Er zolle Michael S. für dessen „Einsatz zum Schutze der Allgemeinheit höchsten Respekt“.

Szymon R. hatte vor Gericht von seinem Verteidiger erklären lassen, dass er sich seit 2012 mit anderen polnischen Landsleuten an Diebstählen von Autos beteiligt habe. Am 7. August seien sie nach Berlin gefahren und hätten auf dem Parkplatz an der Ruschestraße in Lichtenberg einen Audi A5 gestohlen. Wenig später seien sie noch einmal zurückgekehrt, um einen zweiten Audi A5 zu stehlen. Dabei habe er einen VW Touran kommen sehen und sofort Verdacht geschöpft, dass es sich um Zivil­fahnder handeln könne, so der Angeklagte. Mehrere Personen seien ausgestiegen und auf den Audi A5, in dem er saß, zugelaufen. Einer der Männer habe versucht, die Fahrerscheibe einzuschlagen. Jedenfalls sei das sein Eindruck gewesen. Da sei er losgefahren, so Szymon R., „das Auto war mir egal, ich wollte fliehen“.

Er habe anfangs nicht gemerkt, dass sich eine Person am Auto festhielt. Als er Michael S., der „seitlich am Wagen hing“, dann doch noch entdeckte, habe er ihn loswerden wollen. „Er behinderte meine Flucht.“ Er sei dann einfach dicht an parkenden Autos vorbeigefahren. „Es war wie in einem Tunnel, ich habe keine Kollision bemerkt“, hieß es in der Erklärung. Ursache für diese Gedächtnislücken sei vielleicht auch, dass er vor der Tat Wodka getrunken und Crystal Meth konsumiert habe, so der Angeklagte weiter.

Schwurgericht geht von einem bedingten Tötungsvorsatz aus

Der Polizist Michael S. konnte sich vor Gericht nur noch daran erinnern, dass er an diesem Tag mit jungen Kollegen zu dem Parkplatz gefahren sei. Über Polizeifunk sei von Autodieben berichtete worden. Er habe ihnen einen Tatort zeigen wollen. 36 Stunden später sei er im Krankenhaus aufgewacht.

Den Ermittlungen zufolge war es dem Beamten gelungen, durch die geöffnete Fahrertür des anfahrenden Autos zu greifen und sich an der A-Säule festzuhalten. Szymon R. soll die Tür zugeschlagen und unbeabsichtigt die Hand des Polizisten eingeklemmt haben. Anschließend soll er rasant losgefahren sein, den Beamten etwa 70 Meter mitgeschleift und absichtlich ein geparktes Auto gestreift haben.

„Er hat mich benutzt wie einen Fender bei einem Boot“, sagte Michael S. bitter. Der Beamte wurde schwer verletzt, leidet heute noch massiv an den Folgen. „Er war mit Leib und Seele Polizist“, erklärte sein Anwalt, der vor Gericht die Nebenklage vertrat. „Als mein Mandant zum ersten Mal ansprechbar war, ging es nicht um seine Schmerzen, er wollte sofort wissen, was mit seiner Dienstpistole sei.“ Das verrate viel über seine Einstellung als Polizeibeamter.

Nach anderthalb Jahren in eine Entziehungsanstalt

Das Schwurgericht wertete die Fluchtaktion des Angeklagten als zumindest bedingten Tötungsvorsatz. „Er hat gewusst, dass er damit den eingeklemmten Beamten tödlich verletzen kann“, urteilte Richter Ehestädt. Als Mordmerkmal sah die Kammer „Verdeckung einer anderen Straftat“ . Die Kammer folgte einem psychia­trischen Gutachter, der bei dem Angeklagten eine zur Tatzeit verminderte Steuerungsfähigkeit nicht ausschließen konnte. Zwar habe Szymon R. nach Polen fliehen können, und es gebe keine Untersuchungen seines Blutes. Seine nachvollziehbaren Schilderungen und sein gesundheitlicher Zustand ließen jedoch die Schlussfolgerung zu, dass er tatsächlich Crystal Meth genommen habe. Zum Urteil gehört nun auch die Weisung, Szymon R. in einer Entziehungsanstalt unterzubringen. Allerdings erst, nachdem er anderthalb Jahre im normalen Strafvollzug verbüßt hat.

Benjamin Jendro, Pressesprecher der Gewerkschaft der Polizei, begrüßte das Urteil. „Auch wenn es nicht dazu führt, die körperlichen wie seelischen Wunden unseres Kollegen zu heilen, ist diese Strafe doch ein sehr deutliches, aber eben auch absolut angemessenes Signal unseres Rechtsstaates auf einen versuchten Mord“, so Jendro. „Polizisten geraten oftmals nahezu ungeschützt in Situationen, in denen ihr Leben gefährdet wird.“ Urteile wie dieses werden nicht alle Taten verhindern, „aber sie machen deutlich, dass der Staat Verantwortung für jene übernimmt, die tagtäglich für seine Funktionstüchtigkeit ihr Leben riskieren“.

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