Neuenhagen

„Wasserturm und Rathaus sind eins“

Jutta Skotnicki ist die Türmerin und führt Besucher durch die Stadt Neuenhagen. Hier lebte auch einst Hans Fallada

Neuenhagen.  Knapp 200 Stufen sind es bis auf die Aussichtsplattform des Neuenhagener Wasserturms (Märkisch-Oderland). Jutta Skotnicki erklomm die Treppen schon unzählige Male. Besonders außer Puste scheint sie aber nicht zu sein, als sie oben ankommt. Kein Wunder: Die Brandenburgerin ist als Rathaus-Mitarbeiterin für Presse und Tourismus nicht nur die rechte Hand des Bürgermeisters, sondern sozusagen auch die „Türmerin“ von Neuenhagen. Wie das zusammenpasst? „Ganz einfach: Wasserturm und Rathaus sind bei uns eins und als Duo in einem Gebäude im Osten Deutschlands einzigartig“, antwortet die Mittvierzigerin postwendend. Sie hat auch gleich die Historie des 42 Meter hohen Wahrzeichens von Neuenhagen parat: „Durch das Wachstum des Berliner Vorortes in den 1920er-Jahren reichte der Wasserdruck der alten Leitungen aus dem Niederbarnim nicht mehr aus. Ein eigener Wasserturm sollte her – und in ihm auch gleich das neue Rathaus. Mit dem weithin sichtbaren Klinkerbau auf dem Mühlenberg schlug man 1926 gleich zwei Fliegen mit einer Klappe“, erklärt Jutta Skotnicki. 1994 wurde der Wasserspeicher im roten Koloss außer Betrieb genommen – Gemeindeverwaltung und Industriedenkmal blieben.

Doch noch einmal zurück zum fantastischen Ausblick: „Schauen Sie hier – das IGA-Gelände von 2017 und hinten im Westen der Fernsehturm. Im Osten liegt Strausberg, im Süden Köpenick mit den Müggelbergen“, so die studierte Journalistin. Die traditionsreiche Galopprennbahn Hoppegarten sei dagegen nur im Winter und Frühjahr zu sehen, wenn sie das Laub der Bäume nicht verdeckt. Von oben erkennen Besucher aber auch, wie gut sich die grüne Gemeinde vor den Toren der Metropole seit der Wende entwickelt hat. Neue Wohngebiete entstanden zwischen all dem Grün. Zur Infrastruktur zählen sieben Kitas, drei Grundschulen und ein Gymnasium. „Die grüne Gemeinde bei Berlin – diesen Reiz wollen wir bewahren“, sagt Bürgermeister Jürgen Henze (parteilos), der im Mai nach 16 Jahren aus dem Amt scheidet.

Schöne Aussicht und museales Innenleben

Bis ganz nach oben wollte Henze nicht mitkommen. Doch der 92 Jahre alte Wasserturm biete schließlich nicht nur die schöne Aussicht, sondern auch ein museales Innenleben. Und da ist Jutta Skotnicki wieder in ihrem Element. Der Reporter läuft mit ihr und Verwaltungschef Henze noch mal durchs Gebäude.

Über schmale Treppen geht’s zum früheren Tropfboden des Turms. Mit Teilen des historischen Uhrwerks sowie alten Zu- und Ableitungen wirkt das Ganze wie ein Mini-Museum. Eine Besuchergruppe bestaunt den riesigen Wassertank aus Stahlbeton. Rund 1000 Kubikmeter Wasser passten hier mal rein. „Der Durchmesser beträgt ca. 13 Meter, die Tiefe acht Meter“, erklärt Jutta Skotnicki, die nach Voranmeldung Führungen anbietet (drei Euro). Beim „Abstieg“ vom Dach bewundert eine Besuchergruppe den historischen Ratssaal. Blickfang sind die nach originalem Vorbild neu eingesetzten Bleiglasfenster.

Im Bau-Unikat befanden sich früher nicht nur Ratskeller und Arrestzelle der Polizei, sondern auch Dienstwohnungen, unter anderem für den Polizeichef, den Gemeindevorsteher und sogar den Kneipier. Denn natürlich gibt es auch einen Turmkeller, erfährt der Besucher. Mit Detailkenntnis und Charme erläutert die Rathausbedienstete ihr „Türmchen“, wie sie es nennt. An vielen Wochenenden trifft man Jutta Skotnicki zudem auf touristischen Messen, auf denen sie für ihre Brandenburger Heimat wirbt und vom Wasserturm schwärmt. Im Verein „Seifenkistenspektakel Neuenhagen“ ist die Brandenburgerin auch noch aktiv.

Außerdem führt Jutta Skotnicki auch Bustouren für Senioren durch, hält den Kontakt zu Partnergemeinden wie Grünwald in Bayern und ist Autorin heimatkundlicher Bücher. Und ganz nebenbei erfährt der Besucher so von ihr, dass Hans Fallada in Neuenhagen einst seinen berühmten Roman „Kleiner Mann – was nun?“ schrieb. Ab 1930 wohnte der Dichter hier in einem Reihenhäuschen. Oder dass heute in der 18.000-Einwohner-Gemeinde Prominente wie der Schauspieler Jörg Gudzuhn und der Ex-Puhdys-Sänger Dieter Birr leben. Während des Interviews verpackt Jutta Skotnicki mal eben 25 Präsente für einen Bürgermeisterempfang – es gibt eben immer noch etwas zu tun.

Von Brandenburg aus um die halbe Welt

Privat bereiste die gebürtige Neuenhagenerin schon die halbe Welt. Sie sah Ayers Rock in Australien, fuhr Ski in der Sierra Nevada und badete im Toten Meer. Ein Jahr lebte sie in den USA. Reise-Favorit und Sehnsuchtsziel bleibe allerdings Hiddensee, wie Jutta Skotnicki betont. Wenigstens einmal im Jahr kehrt sie auf ihre Lieblingsinsel zurück. „Vielleicht ist das auch der Grund für meine Heimatverbundenheit – dass ich Freunde, Bekannte und Landschaft mehr schätze, wenn ich nach meinen Touren wieder nach Hause komme.“

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