Personalnot

Auch Pensionäre sollen in den Jugendämtern helfen

Die Personalnot in den Behörden ist groß. Mehr als 130 Stellen sind zurzeit nicht besetzt.

Das Jugendamt Berlin-Mitte (Archivbild)

Das Jugendamt Berlin-Mitte (Archivbild)

Foto: Reto Klar

Berlin. Wenn ein Kind in einer Familie verwahrlost, Gewalt ausgesetzt ist oder missbraucht wird, muss das Jugendamt einschreiten. Da sind sich alle einig. Doch in den Berliner Bezirken, das ist hinlänglich bekannt, herrscht bei den Jugendämtern Personalnot – gerade bei den Regionalen Sozialpädagogischen Diensten (RSD), die in diesen Fällen handeln müssen. Durch Beratung, Hausbesuche oder gar dadurch, das Kind vorübergehend aus einer Familie zu holen, um es zu schützen. Die Zahl der Meldungen bei Kindeswohlgefährdung steigt seit Jahren; auch weil die Umgebung sensibler auf das Thema reagiert. Doch sind die einzelnen Jugendämter in ihren Bezirken überhaupt noch handlungsfähig, fragte nun die Abgeordnete Emine Demirbüken-Wegner (CDU) bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie an. Und fügte hinzu: „Die alarmierend steigende Zahl von Fällen von Kindeswohlgefährdung und sexuellen Übergriffen dürfen nicht an unterbesetzten Jugendämtern scheitern.“

Die Fallquote pro Mitarbeiter ist besser

Staatssekretärin Sigrid Klebba bestätigte im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses, was alle wissen: „Man hat keine zufriedenstellende Situation.“ Immer noch sind 133 von rund 886 Stellen des RSD in Berlin nicht besetzt, es fehlen die Sozialpädagogen. Jedoch, so die Abgeordnete Marianne Burkert-Eulitz (Grüne), habe man die Zahl der RSD-Stellen in den letzten Jahren auch erhöht, nachdem durch jahrelangen Einstellungsstopp eine ganze Generation von Sozialpädagogen in den Jugendämtern fehlt. Sie verglich den Zustand heute mit „einer Schubumkehr“ – von Einstellungsstopp zum Werben um Kandidaten. Staatssekretärin Klebba forderte die Bezirke auf, beim Werben um neue Mitarbeiter ungewöhnliche Wege zu gehen. Selbstverständlich gehöre auch dazu, Mitarbeiter über 65 Jahre, die in Rente gegangen sind, zur zeitweisen Rückkehr zu bewegen. Und es gebe auch Verbesserungen: So sei die Fallquote pro Sozialarbeiter von 73 Fällen inzwischen auf 68,8 Fälle heruntergegangen. Allerdings hatte die Senatsverwaltung für Jugend und Familie 2015 erklärt, man strebe eine Quote von 65 Fällen pro Mitarbeiter an.

Den größten Mangel an Fachkräften hat man weiterhin im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Dort fehlen inzwischen 25 Mitarbeiter beim RSD. Klebba sprach von einer regelrechten „Erosion“ in diesem Bezirk – weil so viele Stellen dort unbesetzt seien, wolle dort keiner mehr arbeiten, da man wisse, dass hier noch die Arbeit der fehlenden Kollegen auf einen warte. Klebba sagte, man habe sich zuletzt vor Ort mit den Verantwortlichen zusammengesetzt. „Wir führen Gespräche.“ Die Situation im Bezirk sei mit normalen Maßnahmen nicht mehr zu retten. Oliver Schworck, Bezirksstadtrat in Tempelhof-Schöneberg, bestätigte das Treffen. Man habe „Missverständnisse ausgeräumt“ und jetzt eine „gute Grundlage, um weiterzukommen“. Der Druck in seinem Bezirk sei hoch, so musste man letzte Woche kurzfristig den Standort Lichtenrade für einige Tage schließen und Mitarbeiter umverteilen, um die Arbeit zu schaffen. Zu hoch ist der Krankenstand, zu groß die Personallücke bei seinem Jugendamt. Nach dem Gespräch mit der Staatssekretärin Klebba hat er nun Hoffnung. Es gebe einen „gemeinsamen Willen“, die Situation zu lösen.

Viel Verantwortung und Risiko bei schlechter Bezahlung

Doch wie sieht es anderswo aus? Beispielsweise in Charlottenburg-Wilmersdorf, wo rund 14 Vollzeitstellen des RSD unbesetzt sind. Der Schutz des Kindeswohls sei hier nicht gefährdet, sagte Bezirksstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD), den gesetzlichen Auftrag erfülle man. Allerdings fehle Personal für alles darüber hinaus – Projekte, Kooperationen, Sonderaufgaben. Natürlich versuche man, bei der Anwerbung neue Wege zu gehen. „Wir sind weg von den Verwaltungsanzeigen, bemühen uns um ansprechende Anzeigen“, sagte sie. Aber man müsse ganz klar sehen – die Bezahlung in der Gehaltsgruppe E9 sei bei der großen Verantwortung und auch den Risiken des Jobs zu niedrig.

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