„Verwaltungsposse“

Tierversuche: Drei Nachtigallen entzweien den Senat

Die Verwaltungen für Umwelt und Wissenschaft streiten um die Genehmigung eines Tierversuches für die Forschung.

Nachtigall

Nachtigall

Foto: dpa Picture-Alliance / M. Woike / picture alliance / blickwinkel/M

Berlin. Die einen sprechen von „Verwaltungsposse“, andere von einem „wissenschaftlichen Trauerspiel“. Auf jeden Fall ist es ein massiver Streit zwischen den Senatsverwaltungen für Wissenschaft und Umwelt. Er entzündet sich an drei Nachtigallen, die für ein Forschungsprojekt gebraucht werden.

Der Reihe nach: Eine renommierte Verhaltensbiologin der Freien Universität (FU) möchte Nervenzellen der Vögel untersuchen. Deren Kommunikationsverhalten beim Gesang soll Erkenntnisse liefern, die zum besseren Verständnis von Autismus bei Kindern beitragen. Für das Forschungsprojekt mit Nachtigallen bewilligte der Europäische Forschungsrat (ERC) der Wissenschaftlerin eine Förderung von 1,5 Millionen Euro. Sie beantragte im April 2017 beim Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) die tierschutzrechtliche Genehmigung des Versuches.

Das Lageso genehmigte ihn im Juli für 35 Nachtigallen, aber nur mit Zuchttieren. Diese Einschränkung entging der Wissenschaftlerin allerdings. Daher stellte sie unmittelbar darauf bei der Senatsumweltverwaltung den Antrag auf artenschutzrechtliche Genehmigung, frei lebende Nachtigallen aus Berliner Wäldern verwenden zu dürfen. Dieser Antrag wurde am 7. November abgelehnt. Am 11. März stellte die Forscherin einen neuen Antrag für drei frei lebende Nachtigall-Männchen, um eine Zucht für die Versuchstiere aufzubauen. Sie steht unter Zeitdruck, die Förderzusage droht zu verfallen.

Während Umweltstaatssekretär Stefan Tidow (Grüne) auf Bundes- und EU-Recht verweist und den nicht korrekten Antrag moniert, sorgt sich Wissenschaftsstaatssekretär Steffen Krach (SPD) um das Forschungsprojekt und den Ruf des Wissenschaftsstandortes Berlin. „Ich erwarte, dass Verwaltungen auch beraten, selbst wenn ein Antrag mal fehlerhaft ist“, monierte Krach. Auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) schaltete sich ein und forderte eine schnelle Klärung. Die könnte ein von Krach initiiertes Gespräch am Donnerstag gebracht haben. Ergebnis: Die FU-Wissenschaftlerin muss dokumentieren, dass der Bezug von männlichen Zuchttieren nicht möglich war. Die Umweltverwaltung sagt im Gegenzug eine zügige Prüfung des neuen Antrages zu.

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