Neubauprojekt

10.000 neue Wohnungen geplant - Blankenburg wehrt sich

In dem Pankower Stadtteil will der Senat bis zu 10.000 Wohnungen bauen. Die Anwohner organisieren Proteste. Ein Ortsbesuch.

Im kleinen Laden von Lutz Lieder und seiner Frau Kristina gibt es kaum ein anderes Gesprächsthema als den Wohnungsbau

Im kleinen Laden von Lutz Lieder und seiner Frau Kristina gibt es kaum ein anderes Gesprächsthema als den Wohnungsbau

Foto: David Heerde

Berlin. Noch bevor die Wurst über die Ladentheke gewandert ist, noch bevor der Reifegrad des Brie-Käse geklärt ist, kommt die Sprache auf Katrin Lompscher. Im Moment scheint in Blankenburg kaum ein Gespräch möglich, das nicht irgendwann bei den Plänen der Bausenatorin endet. Nicht im Feinkostladen „Speisekammer“, direkt gegenüber der Garten- und Siedlerkolonie Blankenburg. „10.000?“, fragt der waldgrün gekleidete Kunde. „10.000“, sagt Ladenbesitzer Lutz Lieder und meint Neubauwohnungen. Er hat einen graufransigen Bart, der an den Mundwinkeln herab wächst und ein Lederetui mit einem Smartphone darin, das nicht aufhört zu bimmeln. Lutz Lieder ist so etwas wie die Tante Emma von Blankenburg, betreibt einen der wenigen Läden im Pankower Stadtteil, in dem knapp 7000 Menschen wohnen und für den das Wort Dorf ein viel treffenderes ist.

Lieder zeigt durch die Ladenfenster auf die andere Straßenseite, auf der sich kleine Häuschen hinter Hecken ducken. „Das alles soll weg“, sagt er. Wieder ein Fragezeichen bei seinem Gegenüber, diesmal ohne Worte. Der waldgrüne Käsekäufer dürfte einer der letzten Blankenburger sein, dem Lieder erklären muss, was sich die Stadtplaner in der Senatsverwaltung für sein Dorf ausgedacht haben. Seit vergangenem Wochenende hört Lieder seinen Kunden vor allem zu. Er könnte jetzt „Kummerkasten“ statt „Speisekammer“ an sein Ladenschild schreiben.

Am Sonnabend vor einer Woche hat Katrin Lompscher, die Bausenatorin von der Linken, in die „Feste Scheune“ in Buch geladen. Es sollte der Auftakt für die Bürgerbeteiligung zu einem der größten Neubauprojekte in Berlin werden. 5000, vielleicht 6000 Wohnungen sollten im Blankenburger Süden, auf den Rieselfeldern hinter der riesigen Gartenkolonie entstehen. So weit, so konfliktschwanger.

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Lompscher rudert zurück – wenn auch nur Millimeter

Dann trat Lompscher in der Scheune vor 700 Bürger. Die beteiligten sich dann auch – vor allem mit Buhrufen, Hupen und Trillerpfeifen. Grund: Aus 6000 waren mit einem Mal 10.000 Neubauwohnungen geworden. Bewohnt werden die wohl erst weit nach dem Jahr 2030, aber nur zur Einordnung: Das ist in etwa so, als würde die ganze Stadt Senftenberg in den Ortsteil Blankenburg ziehen. Infrastruktur muss her: Schulen, Gewerbe, Ein-, Mehrfamilienhäuser, Hochhäuser. Die Straßenbahnlinie M2 soll verlängert werden, mitten durch die Kolonie führen. Auch eine neue Hauptstraße dürfte die Gärten durchschneiden. In allen drei Bebauungsvarianten steht: „In den Erholungsanlagen wird die derzeitige Nutzung langfristig aufgegeben zugunsten eines Wohngebiets.“ In Variante C explizit: Für die Nutzer der Kleingartenanlage werde es „nicht mehr möglich sein, ihr Grundstück in der jetzigen Form zu behalten“.

Inzwischen ruderte Lompscher zurück. Wenn auch nur einige Millimeter. „Kein gelungener Auftakt“ sei das gewesen, sagte sie der Berliner Morgenpost. „So viel ist klar.“ Und: „Wir sind noch ganz am Anfang des Planungsprozesses.“ Von Kommunikationsfehlern ist die Rede, von großem Bedauern und von Fehleranalyse in ihrer Verwaltung. Jetzt wolle man gemeinsam mit den Blankenburgern eine allgemeinverträgliche Bauvariante finden. Aber: 10.000 Wohnungen sollen es werden, das steht fest.

Ein Dialog mit den Blankenburgern scheint im Moment sowieso unmöglich. Das verrät die Vehemenz, mit der das Smartphone von Lieder brummt und klingelt. Der Ärger der Siedler, er entlädt sich auch in einer Whatsapp-Gruppe mit dem Namen „Wir sind Blankenburg!“. „Unerträglich“, sagt Lieder. Jeder Artikel zum Blankenburger Süden wird geteilt. Jemand fordert eine wöchentliche Demonstration am Dorfanger. „Ich will nicht zu Lompschers Kollateralschaden werden“, schreibt ein anderer. „Wir sollten die Außengrenzen der Anlage plakatieren.“ Jemand anders findet: Alle Mühen seien vergebens, man schaue sich den BER an, ganze Dörfer habe man plattgewalzt, Protest hin, Protest her. „Irrsinn“, „Kragen geplatzt“, „Klagewelle“, „Greenpeace einschalten, nein, Zeitungen einschalten.“ 45 Nachrichten in eineinhalb Stunden.

Mieten: Berlin ist für Normalverdiener kaum noch bezahlbar

In keiner Großstadt Deutschlands sind die Mieten für Normalverdiener so unerschwinglich wie in Berlin. Zwischen 2012 und 2016 sind die Mieten in Berlin um 20% gestiegen - Platz 8 im deutschlandweiten Städteranking.
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Und dann sind da die Senioren. Sie sprechen lieber in Lieders Kummerkasten, statt in Chatgruppen. Manche leben das ganze Jahr über in der Kolonie. „Die haben sich hier eingerichtet. Die betrachten das als ihr Lebenswerk. Und jetzt will man ihnen das wegnehmen“, sagt Lieder.

Man braucht nur mal den Papstfinkweg entlanggehen, mit einer 78 Jahre alten Dame aus Friedrichsfelde plaudern, die seit 30 Jahren ihren Garten pflegt über den in einigen Jahren die M2 rollen könnte, die sich wünscht, den Baubeginn nicht mehr zu erleben, dann weiter über den aufgeweichten Boden im Purpurkardinalweg und hinaus auf das offene Rieselfeld zu treten, um die ganzen Emotionen zu verstehen. Braunes Ackerland bis zum Horizont. Dort drehen sich Windkrafträder. Man denkt: Ach, Brandenburg. Mitten in Berlin. Das Autobahnrauschen und die Flugzeuge im Landeanflug auf Tegel erinnern einen daran.

Genau hier, wo einem der Wind so ungebremst ins Gesicht peitscht, ist auch der Ort, an dem man Katrin Lompscher am besten versteht. 70 Hektar landeseigene Fläche, keinen Kilometer von der nächsten S-Bahn-Station entfernt, keine 30 Minuten S-Bahnfahrt zum Brandenburger Tor.

Berlin fehlen jetzt schon 77.000 Wohnungen, die Stadt wächst, die Mietpreise überschlagen sich. Und die Kritik, die Bausenatorin baue zu langsam, kommt längst nicht mehr nur aus der Opposition. Der große Koalitionspartner SPD selbst, gerne in Person des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller, mahnt ständig mehr Ehrgeiz und mehr Schnelligkeit beim Neubau an. Höher soll Berlin werden, dichter. „Wir können nicht mal eben auf zusätzliche Wohnungen verzichten“, sagt Lompscher.

Und recht hat sie, findet Olaf Less. Trotzdem: An seinem Gartenzaun, gegenüber von Lieders Kummerkasten, hängt ein weißes Transparent auf dem in Schwarz geschrieben steht: „Natur kann sich nicht wehren. Wir schon!“ Jetzt erst recht, findet Less. In schwarzen Crocs, schwarzen Jogginghosen, und schwarzem T-Shirt steht er hinter seinem Gartenzaun, den Enkelsohn auf dem Arm. Hinter ihm ein Haus, das von hier nicht viel höher aussieht als er selbst und wie ein dauerhaftes Provisorium wirkt. 2001 ist er hierher gezogen. Stolz. Ein Fliesenleger, Anfang 40, mit eigenem Haus in Berlin. Mit den Jahren ist der Verkehr mehr geworden vor seinem Gartenzaun, fließt jetzt auch am Sonnabend zäh die Bahnhofstraße entlang. „Wir müssen bauen. Das ist schon klar. Das ist der Fortschritt“, sagt Less. Seine Tochter habe Monate nach einer bezahlbaren Wohnung gesucht. „Kann so nicht weitergehen.“ Aber: „Dass die das so über einen hinweg entscheiden, das regt mich auf.“ Ob sein Grundstück am Ende betroffen sein wird, ist offen. Aber Less will kämpfen.

Ist klar. Jeder Berliner weiß: Berlin braucht Neubau. Aber wenn die Bagger vor der Haustür stehen, ist jeder Berliner dagegen. Kleingärtner sowieso. Die Geschichte, die sich gerade im Blankenburger Süden abspielt, hat schon oft stattgefunden und wird sich noch öfter wiederholen. Deshalb wollte Bausenatorin Lompscher alles richtig machen. Bürgerbeteiligung Jahrzehnte vor dem Baubeginn. Die Blankenburger ins Boot holen. Gemeinsam eine vierte Planungs-variante erarbeiten. Vielleicht hätten sich die Blankenburger ja damit abgefunden, dass ihre Kolonie bald Beton statt Ackerland umgibt.

Aber dann haben die Stadtplaner gemerkt: Um die 70 Hektar Rieselfelder gibt es noch viel mehr Potenzialflächen, Gewerbebrachen, Golfplätze. 420 Hektar rarer Baugrund. Vorher war die Rede von den Rieselfeldern, jetzt ist die Rede vom Umfeld. Zwei verschiedene Dinge. Zwei verschiedene Diskussionen. So die offizielle Erklärung aus der Senatsverwaltung.

Fundamentalprotest statt Dialog auf der Onlineplattform

Die Blankenburger denken: Lompscher wollte sie von vornherein reinlegen, hat das wahre Ausmaß der Bauplanung bewusst verschwiegen. Und so spielt sich auf der Onlineplattform zur Bürgerbeteiligung Fundamentalprotest statt Dialog ab. „Ich bin stinksauer über die Verantwortlichen des Senats, die uns in den Bürgerwerkstätten so getäuscht haben“, lautet so ein Kommentar. Oder: „Hauptsache neuer Wohnraum??? Egal, wer darunter leidet? Was ist das für eine Politik?“ Darunter: „Schafft ehrliche Transparenz und Beteiligung! Und vertretet den Willen des Volkes, denn dafür seid ihr gewählt worden!!!“

Der Ladenbesitzer Lutz Lieder sagt: „Blankenburg ist so ein gallisches Dorf in Berlin.“ Hier habe sich nicht viel verändert seit der Wende. Kaum Zuzug, kaum Ausländer. Und jetzt komme Lompscher und wolle alles umgraben. Stinksauer seien sie hier. „Besänftigen lassen die sich bestimmt nicht“, sagt Lieder.

Wie sich der Zorn der Blankenburger entladen kann, das hat Rüdiger Umhau vor 13 Jahren erlebt. Er ist plastischer Chirurg aus Burghausen (Bayern), spricht so breit Oberbayerisch wie der Meister Eder von Pumuckl. Er sieht auch ein bisschen so aus wie der Schreinermeister, nur mit der Figur eines Sportlers. Umhau betreibt das Golfressort Pankow. Der Protest war groß, als die 36-Loch-Anlage gebaut wurde. „Die dachten: Jetzt kommen die Großkopferten“, sagt Umhau, erzählt, wie beim Bau Maschinen und Absperrungen zerstört wurden, wie eines Nachts der Bauwagen brannte.

Die Zeiten sind längst vorbei. Jetzt steht auch das Golfressort für den Neubau zur Disposition. Erfahren hat Rüdiger Umhau davon aus der Presse. „Berlin braucht Golfplätze“, sagt er. Man denkt: Das Argument mag in München ziehen, aber in Berlin? Scheinbar doch.

Eine Partei scheint von dem Konflikt zu profitieren

Berichtet wird von einer Unterschriftensammlung für den Golfplatz. Gemeinsam mit den Anwohnern diskutiere man, wie man für den Erhalt werben könne, heißt es. Für die Blankenburger ist der Golfplatz längst keine Bedrohung mehr. Man sei kein Eliteklub, dass hätten die Menschen inzwischen verstanden, so Umhau. Und: Wenn auf den Rieselfeldern betoniert wird, könnte das wellige Grundstück mit den Sandmulden und dem blau-weißen Maibaum darauf ein letzter grüner Puffer zwischen dem Neubaugebiet Blankenburg und Dorf Blankenburg sein. Rüdiger Umhau sagt: „Ich habe einen Pachtvertrag über 30 Jahre.“ Fühlt er sich dadurch abgesichert? „In Berlin nie.“

Die AfD hat in den Blankenburger Wahlkreisen schon bei der Abgeordnetenhauswahl 2016 gewonnen. Lutz Lieder zeigt in seinem Kummerkasten Richtung Dorfanger. „Da haben die ein Büro“, sagt er. „Das war gute Werbung für die.“ Er meint Lompschers Bürgerbeteiligung.

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