Prozess in Berlin

Arzt schickt herzkranke Patientin zum Belastungs-EKG - tot

Die 71 Jahre alte Frau starb trotz Reanimation in einer Charlottenburger Praxis. Vor Gericht wies der Arzt alle Vorwürfe zurück.

Arzt (Symbolbild)

Arzt (Symbolbild)

Foto: Patrick Pleul / dpa

Berlin. Verfahren gegen Ärzte, die einen Kunstfehler gemacht haben sollen, sind in der Beweisführung fast immer schwierig. Ein klassisches Beispiel ist ein Strafprozess, der am Montag vor einer Moabiter Strafrichterin begann. Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung ist ein Internist aus Charlottenburg. Der 63-jährige Klaus-Peter K. (Name geändert) führte am 5. Juni 2014 bei einer Patientin ein Belastungs-EKG durch. Bei der 71-Jährigen kam es dabei zu Herzkammerflimmern. Es gab zwar noch Versuche, sie mit Herzdruckmassagen zu retten. Doch alle Bemühungen, auch die Reanimationsversuche eines Notarztes, scheiterten. Die Patientin starb wenig später im Krankenhaus Westend.

Der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Angeklagte diese Untersuchung nicht hätte durchführen dürfen, weil der Zustand der Patientin das nicht erlaubte. Er stützt sich dabei auf ein Gutachten des emeritierten Universitäts-Professors Hermann Werner Eichstädt. Auf der Bank der Gutachter saßen am Montag außerdem noch Professor Michael Tsokos von der Gerichtsmedizin, Professor Kristof Graf, Ärztlicher Direktor des Jüdischen Krankenhauses, zudem ein Kardiologe aus dem Deutschen Herzzentrum Berlin und ein Potsdamer Kardiologe.

"Es war ein reiner Routinetermin"

Klaus-Peter K. schilderte, dass die Patientin seit etwa drei Jahren bei ihm in Behandlung war und er auch gewusst habe, dass sie herzkrank ist. Einer Untersuchung mit einem Herzkatheter, zu der er ihr mehrfach geraten habe, wollte sie sich auf keinen Fall unterziehen. Sie habe an jenem 5. Juni jedoch nicht unter Herzschmerzen gelitten, sagte er. „Es war ein reiner Routinetermin.“ Er habe bei ihr zunächst ein so genanntes Ruhe-EKG durchgeführt und dabei Abweichungen zu einem im Dezember 2013 erstellten EKG festgestellt. Da sie sich gut fühlte, habe er sie dem Belastungs-EKG unterzogen.

Gerichtsmediziner Tsokos stellte fest, dass bei der Obduktion des Leichnams keinerlei Spuren von Gewalt gefunden worden seien. Er sprach von „schwerer allgemeiner Arteriosklerose und einer Einengung aller Herzgefäße“. Die Diagose „plötzlicher Herztod“ sei aus Sicht der Gerichtsmedizin absolut nachvollziehbar. Die Einschätzung, ob der Angeklagte die Patientin einem Belastungs-EKG unterziehen durfte, wollte Tsokos lieber den anwesenden Kardiologen überlassen. Der Arzt aus dem Herzzentrum und der Potsdamer Kardiologe erklärten unisono, dass sie ähnlich wie der Angeklagte gehandelt hätten. Ganz anders jedoch sah es Professor Eichstädt. Der Angeklagte hätte nach Sichtung des alten und des neuen Ruhe-EKG auf keinen Fall ein Belastungs-EKG durchführen: „Das hat ein Herzflimmern geradezu provoziert“, so Eichstädt. Stattdessen hätte der Angeklagte darauf drängen müssen, dass die Patientin einer Untersuchung mit dem Herzkatheter zustimmt; und sei es mit dem Hinweis, „dass er sich weigert, sie ansonsten weiter zu behandeln“.

Diametral dann wieder die Meinung von Professor Graf. Er lehnte es ab, dem Angeklagten die weitere Untersuchung vorzuwerfen. Entscheidend sei aus seiner Sicht das Befinden der Patientin gewesen. Auch werde durch ein Belastungs-EKG äußerst selten Herzflimmern ausgelöst, so Graf. Was also ist richtig? Die Richterin vertagte den Prozess. Fortsetzung am 12. März.