Einsamkeit

In Berlin soll Hotline für einsame alte Menschen starten

Der Verein Silbernetz will eine Hotline für einsame alte Menschen starten. Einen achttätigen Testlauf gab es bereits.

Elke Schilling (r.) und Mitarbeiterin Dörte Zitzke-Engelhorn

Elke Schilling (r.) und Mitarbeiterin Dörte Zitzke-Engelhorn

Foto: Amin Akhtar

Berlin. Vermeintlich ging es nur um ein passendes Hilfsangebot. Die Tochter war in der Psychiatrie, ihre Mutter sorgte sich, sie könne die Klinik nie mehr verlassen. Ganz nebenbei erzählte die alte Dame so manches aus ihrem Leben. Eine Anruferin mitten in der Nacht berichtete von ihren Kindern und ihrem Alltag. Und ein alter Herr hatte gar kein konkretes Anliegen. Nur, dass dieses Angebot toll sei, wollte er mal sagen. „Das Gespräch dauerte dann eine Dreiviertelstunde“, sagt Eva-Maria Kaes, Sprecherin des Projektes Silbernetz.

Nur acht Tage war das Silbernetz-Hilfetelefon gegen Einsamkeit im Alter freigeschaltet, ein Testlauf von Heiligabend bis Neujahr 2018, rund um die Uhr. 281 Mal wurde die Nummer gewählt, 100 Gespräche gab es. Die meisten Anrufer waren zwischen 60 und 80 Jahre alt. Für Elke Schilling sind die 1837 Gesprächsminuten Bestätigung für ihre Initiative, die mit einem Unglück 2013 begann. Damals entdeckte Schilling, dass ihr Nachbar zwei Monate lang tot in seiner Wohnung gelegen hatte.

Die gelernte Mathematikerin und ehemals bündnisgrüne Staatssekretärin für Frauenpolitik in Sachsen-Anhalt wusste schon aus ihrer Arbeit als Seniorenvertreterin in Mitte, wie isoliert alte Menschen oft sind: „Einsamkeit ist nicht nur ein Problem des Alters. Aber niemand will zugeben, dass er allein ist, weil es wie ein Versagen behandelt wird“, sagt die energische 73-Jährige.

Schilling orientierte sich an Großbritannien, wo offen über die mehr als neun Millionen Briten gesprochen wird, die sich einsam fühlen. Und wo Premierministerin Theresa May einen „Minister for Loneliness“ ernannte.

Jede Woche zur vereinbarten Zeit: eine Stunde reden

Seit fünf Jahren gibt es in England eine „Silver Line“. Nach dem Vorbild gründete Elke Schilling Silbernetz e. V. Den Bedarf hierzulande schätzt Schilling nicht geringer ein. „Da gibt es ganz sicher eine große Nachfrage“, glaubt auch Irmgard B. Die 83-Jährige hatte sich beim Berliner Hilfetelefon gemeldet, wollte, wie sie sagt, „nur eine Auskunft“, blieb dann aber in der Leitung und erzählte.

Ihre drei erwachsenen Kinder wohnen weit entfernt. Nach der Wende war die gebürtige Berlinerin aus Wesel nach Berlin zurückgezogen. Die Rentnerin unternahm viel, zog mit der Wandergruppe los, erkundete Hauptstadt und Umland. Eigenständig lebt sie im Reihenhaus in Lichterfelde Ost, doch seit einem Schlaganfall ist ihr Bewegungs­radius beschränkt. „Und langjährige Freunde, mit denen man sich zum Kaffeetrinken trifft, hatte ich in Wesel, aber hier nicht“, sagt B.

Nicht untypisch findet Silbernetz-Sprecherin Kaes den Umweg über eine Sachfrage ins Gespräch. Denn auch das bietet der Verein: Infos und Tipps zu Angeboten, die ein Tor zurück ins gesellschaftliche Leben öffnen können. Außerdem werden den Anrufern Silbernetz-Freundschaften offeriert. Jede Woche zur vereinbarten Zeit nimmt sich der Silbernetzfreund eine Stunde Zeit für ein Telefonat.

„Zuerst denkt man, telefonieren kann jeder“, sagt Dörte Zitzke-Engelhorn. „Aber um mit einem Fremden intensiv zu sprechen, ist Schulung wichtig.“ Über einen Kollegen kam die ehemalige Krankenschwester zum Projekt und will künftig Silbernetz-Freundin werden.

Im Mai soll das Berliner Hilfetelefon unter Trägerschaft des Humanistischen Verbands Berlin-Brandenburg starten – mit vier Angestellten, sieben Tage die Woche. Später soll auf die Nächte, dann auf ganz Deutschland erweitert werden. Noch aber hofft der Verein auf Lottomittel, auch Spenden werden benötigt. Außerdem will Silbernetz politisch etwas bewegen. Die Onlinepetition „Gegen Einsamkeit im Alter“, die einen stärkeren Fokus auf das Alter sowie Engagement gegen Einsamkeit und deren gesundheitliche Folgen fordert, soll dem künftigen Bundesgesundheitsminister überreicht werden.

Mehr Infos: www.change.org, www.silbernetz.org

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