Mitgliederentscheid

Pro und Contra Groko: Was zwei Berliner SPD-Mitglieder sagen

Am heutigen Sonntag steht das Ergebnis der SPD-Befragung zur Groko fest. Auch 21.000 Berliner durften abstimmen.

SPD-Mitglied Annmarie-Sophie

SPD-Mitglied Annmarie-Sophie

Foto: Jörg Krauthöfer

Das Ergebnis der bundesweiten Mitgliederbefragung zur großen Koalition wird am heutigen Sonntag bekanntgegeben. Gut 21.000 Berliner SPD-Mitglieder konnten bis Freitag um Mitternacht schriftlich mit abstimmen. Das Ergebnis wird am Sonntagmorgen im Willy-Brandt-Haus verkündet. Der Landesvorstand der Berliner SPD hatte sich im Januar nach dem Ende der Sondierungsgesprächen gegen die Wiederauflage der GroKo ausgesprochen - 21 stimmten dagegen, nur acht dafür, darunter Landeschef Michael Müller, der Regierende Bürgermeister.

Wie sich die Sozialdemokraten aus der Hauptstadt nach zahlreichen Diskussionsrunden in den Ortsvereinen und Kreisvorständen mehrheitlich entschieden haben, wird nicht bekannt. Eine regionale Auswertung ist nicht vorgesehen. Die Berliner Morgenpost hat mit zwei Sozialdemokratinnen gesprochen, die mitgestimmt haben. Die eine ist 90 Jahre alt, die andere 15. Ruth Köhn aus Charlottenburg-Wilmersdorf ist seit 1954 in der SPD, Annmarie-Sophie Barth trat erst seit vorigem Jahr in die Partei. Die eine stimmte für den Koalitionsvertrag, die andere dagegen. Leicht fiel die Entscheidung keiner von beiden.

„Aus staatspolitischer Pflicht sage ich Ja zur Groko“

Ruth Köhn war nach dem enttäuschenden Wahlergebnis im September vorigen Jahres zunächst dafür, dass die SPD in die Opposition geht. Als das von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) angepeilte Jamaika- Bündnis platzte, änderte die 90-Jährige aber ihre Meinung. „Aus staatspolitischer Pflicht habe ich beim Mitgliederentscheid nun doch für die Neuauflage der großen Koalition gestimmt“, sagt sie. Erleichtert habe ihr die Entscheidung der von SPD und Union ausgehandelte Vertrag. „Ich habe das Werk gelesen“, sagt sie. „Es wäre doch sehr schade, all das nicht durchzusetzen, was wir Sozialdemokraten da herausgehandelt haben.“

Zur Groko-Abstimmung 2018: Der Sound zum Umfragetief der SPD

Ein Parteifreund hat ihr die 177 Seiten mitgebracht, gleich nachdem sie veröffentlicht wurden. Ruth Köhn hat weder einen Computer, noch einen e-mail-account und auch keinen Drucker. Doch noch immer ist sie – zuweilen mehrmals die Woche – für die Partei im Einsatz. Bei den Treffen ihres Ortsvereins Schmargendorf, bei Sitzungen des Kreisverbandes Charlottenburg-Wilmersdorf oder bei großen Tagungen – die alte Dame zeigt sich meinungsstark und gut informiert. Fast 64 Jahre gehört sie inzwischen der SPD an. Als junge Frau war sie am 1. 7. 1954 in die Arbeiterpartei eingetreten, damals war Kurt Schumacher Vorsitzender, er starb wenig später. Schumacher folgten 13 Vorsitzende, kommissarische Parteichefs nicht eingerechnet. „Ich hätte nie gedacht“, sagt Ruth Köhn, „dass die SPD so schwere Zeiten durchmachen muss und so stark an Zustimmung verliert wie in den letzten Jahren.“

Dennoch habe sie nie in Erwägung gezogen, ihr rotes Parteibuch zurückzugeben. „Ich bin in die SPD eingetreten wegen der solidarischen und sozialen Grundidee, deshalb bleibe ich ihr treu.“ Als große Errungenschaft der SPD hat sie die Abschaffung des Schulgelds für die Gymnasien in den 1950er Jahren in Erinnerung. Ihre Eltern mussten pro Monat noch 20 Mark bezahlen. „Der Chef meines Vaters gab die Hälfte dazu, ohne das hätte ich kein Abitur machen können“, erinnert sich Ruth Köhn. Ihr Vater war Privatchauffeur des Direktors der Basler Versicherungsgesellschaft. Erfolgreich legte sie die Dolmetscherprüfung in Englisch ab, bekam eine Anstellung in einer Süßwarenfabrik. So wurde sie Mitglied der Gewerkschaft Nahrung-Genuß-Gaststätten – und machte Karriere bis zum Vorstand, zuständig für Bildungsarbeit.

Scheitert die GroKo am Votum der Mitglieder, befürchtet Ruth Köhn Neuwahlen. Sie glaubt: Die Sozialdemokraten schneiden dabei nicht besser ab als zuletzt.

„Ich sage Nein zur Groko wegen der Glaubwürdigkeit“

Annmarie-Sophie Barth hat gegen die GroKo gestimmt. Weggeschickt hat sie den Brief an die Bundespartei vor einigen Tagen. Die 15 Jahre alte Schülerin aus Reinickendorf hat zuvor lange überlegt. Dann aber war sie sich sicher: „Es geht mir vor allem um Glaubwürdigkeit.“ Denn nach der Wahlniederlage im September habe sich der damalige Bundesvorsitzende Martin Schulz klar für den Gang in die Opposition ausgesprochen. „Ich finde es nicht richtig, dass wir umfallen, nur weil die Koalition zwischen CDU, FDP und Grüne nicht zustande gekommen ist“, betont Annmarie-Sophie Barth.

Seit 1. Januar vorigen Jahres ist sie in der SPD. Da gab es die #noGroKo!-Kampagne der Jungsozialisten noch gar nicht. Bislang war die Schülerin noch nicht einmal bei einer Veranstaltung der Jusos. „Ich mache bald meinen MSA, also den mittleren Schulabschluss“, erzählt sie, „da bleibt momentan sehr wenig Zeit.“

Wie kam sie dazu, mit 14 Jahren in eine Partei einzutreten- und warum in die SPD? „Meine Eltern sind seit einigen Jahren in der SPD“, sagt sie, „ich wollte mir das auch einmal anschauen.“ Der Vater hat ihr abgeraten. „Ich fürchtete, dass die oft sehr formalen Veranstaltungen sie eher abschrecken und ihr die Lust auf Politik nehmen“, sagt Sascha Rudloff. Er war früher bei der Piratenpartei, ehe er zu den Sozialdemokraten wechselte.

Den Ausschlag, in die SPD einzutreten, gab das Betriebspraktikum in der 9. Klasse. Annmarie-Sophie Barth suchte sich dafür das Berliner Abgeordnetenhaus aus – und lernte vier Wochen bei einem SPD-Abgeordneten den Polit-Betrieb etwas kennen. Damals war sie auch bei Veranstaltungen dabei - und fand es gar nicht tröge. „Dann machte ich den Wahlomat und fand bestätigt, dass die SPD die richtige Partei für mich ist“, sagt sie.

Übers Internet suchte sich Annmarie-Sophie Barth den Aufnahmeantrag heraus, das Parteibuch bekam sie bei einer Versammlung der Abteilung Konradshöhe/Heiligensee vom Reinickendorfer Kreischef Jörg Stroedter überreicht. Ihren Freundinnen und Freunden hat sie bislang nicht erzählt, dass sie Mitglied der SPD ist. Nicht, weil sie etwas zu verbergen hätte, sagt sie. „Wir reden nur einfach nicht über Politik.“ Zuhause diskutieren sie zuweilen darüber. Vor allem zur GroKo hatte Annmarie-Sophie viele Fragen. „Ich bin mir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, indem ich die neue GroKo ablehne.“ Sie hält es aber für wahrscheinlich, dass die Mehrheit der SPD-Mitglieder für die GroKo stimmen wird.

Mehr zum Thema:

Stimmt die SPD für die GroKo? Auszählung hat begonnen

Das sind die versteckten Kosten der großen Koalition

Diese SPD-Politiker werden als künftige Minister gehandelt

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.