Statistik

Weniger Taschendiebstähle, mehr Sexualstraftaten

Die Kriminalstatistik für Berlin verzeichnet bei manchen Delikten einen deutlichen Rückgang - aber auch starke Zuwächse.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) bei der Vorstellung der Kriminalstatistik

Innensenator Andreas Geisel (SPD) bei der Vorstellung der Kriminalstatistik

Foto: Paul Zinken / dpa

Berlin Die Hauptstadt ist im vergangenen Jahr wieder sicherer geworden. Das ist das Fazit der Kriminalitätsstatistik, die Innensenator Andreas Geisel (SPD) und der kommissarische Polizeipräsident Michael Krömer gemeinsam am Freitag vorgestellt haben. Im Vorjahr wurden 520.437 Straftaten registriert. Das waren rund 48.400 weniger als 2016. Die Aufklärungsquote stieg leicht um 2,2 Prozent auf 44,2 Prozent. Berlin ist damit aber immer noch eines der Schlusslichter in Deutschland. Zum Vergleich: In Bayern beträgt die Aufklärungsquote seit Jahren mehr als 60 Prozent.

Die größten Erfolge kann die Polizei beim Rückgang von Taschendiebstählen und Einbrüchen vermelden. „Das sind gute Nachrichten für die Berlinerinnen und Berliner“, sagte Innensenator Geisel. Beim Taschendiebstahl wurde ein Rückgang um fast 40 Prozent verzeichnet. Ebenso nahmen Einbrüche in Keller, Wohnungen und Einfamilienhäuser deutlich ab. Das geht laut Polizei auch darauf zurück, dass reisende Täterbanden gestellt werden konnten und man die Justiz für dieses Thema habe sensibilisieren können, sagte Polizeipräsident Krömer. So seien etwa die Haftquoten von Taschendieben, die gefasst und einem Richter vorgeführt werden konnten, von 66 Prozent im Jahr 2016 auf knapp 82 Prozent im Jahr 2017 gestiegen.

Anstieg bei den gefährlichen Körperverletzungen

Gestiegen ist allerdings die Zahl der gefährlichen Körperverletzungen. Es gab auch mehr Fälle von Angriffen auf Rettungskräfte und das, obwohl die vorgestellte Statistik nur bis zum 23. Dezember geht und damit die Angriffe aus der Silvesternacht erst in der nächsten Statistik im Jahr 2018 auftauchen werden.

Auch bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gibt es einen deutlichen Anstieg um mehr als 30 Prozent auf insgesamt 3770 erfasste Fälle. Die Polizei führt das auf eine Strafrechtsänderung zurück. So entfielen allein auf den neu eingeführten Erfassungsgrund „Sexuelle Belästigung“ 498 Vorgänge. Im Jahr zuvor liefen diese Taten noch im Bereich sonstiger Straftatbestände.

Positiv war die Entwicklung im Jahr 2017 insgesamt bei den politisch motivierten Straftaten. Hier sank die Zahl der Fälle gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent. Einen Anstieg gab es allerdings bei rechten Propagandadelikten und bei der politisch motivierten Ausländerkriminalität. Linksextreme Straftaten sind insgesamt hingegen rückläufig.

Neben Polizeiführung und Innenverwaltung zieht auch die Gewerkschaft der Polizei ein positives Fazit. Allerdings sei die positive Entwicklung kein Grund, um sich auszuruhen. „Wir sollten trotz der Euphorie aber nicht vergessen, dass mehr als eine halbe Million Straftaten in unserer Stadt verübt werden und hinter jeder Straftat Menschen stehen, die geschädigt und dadurch in ihrer freien Art zu leben eingeschränkt werden“, sagte die GdP-Landesvorsitzende Kerstin Philipp.

Die Opposition sieht die Statistik weniger optimistisch. Die FDP fühle sich an Produktionsberichte der späten DDR erinnert, in denen die Zahlen so lange gedreht worden seien, bis das Ergebnis gepasst habe, sagte der innenpolitische Sprecher Marcel Luthe. Für die CDU erklärte ihr Innenexperte Burkard Dregger, Berlin bleibe das Bundesland mit den meisten Straftaten pro 100.000 Einwohner und der schlechtesten Aufklärungsquote. „Die Stadt mit der meisten Kriminalität braucht auch das stärkste Polizeigesetz“, sagte Dregger der Berliner Morgenpost. Er fordert mehr Befugnisse für die Polizei bei der Videoüberwachung, einen flächendeckenden Taser-Einsatz und den der Fußfessel.

Nach Ansicht der AfD ist Berlin „alles andere als sicher“. Das zeige beispielsweise die Zunahme von Fällen schwerer Körperverletzungen auf den Straßen um fast 17 Prozent. Der AfD-Abgeordnete Karsten Woldeit fordert, die unkontrollierte Zuwanderung zu stoppen und Polizei und Justiz besser auszustatten.

Zahlen und Fakten zu einzelnen Delikten:

  • Diebstahl Genau 27 119 Mal wurde Taschendiebstahl registriert, das ist ein Rückgang um 39,4 Prozent gegenüber 2016. Begründet wurde das mit Ermittlungserfolgen gegen reisende Täterbanden, mehr Haftbefehle durch die Justiz und eine intensivere Präventionsarbeit der Polizei. Mit 30 325 Fällen wurden 4093 Fahrräder weniger gestohlen als 2016. Insgesamt wurden 228 072 Diebstähle erfasst (minus 15,8 Prozent). Knapp 44 Prozent aller Taten in Berlin waren Eigentumsdelikte.
  • Einbruch - 8580 Mal wurde in Wohnungen und Einfamilienhäuser eingebrochen. Dies ist ein Minus von 2927 Fällen (minus 25,4 Prozent). Rund 44 Prozent endeten im Versuchsstadium. Ermittelt wurden 653 Verdächtige, davon 371 Nichtdeutsche.
  • Körperverletzung - Bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung wurde eine Zunahme von 2,7 Prozent verzeichnet. Es waren 10 741 Fälle, vorwiegend auf Wegen, Straßen und Plätzen. Die Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte nahmen laut Innensenator zu. Er erwarte, dass die Justiz handele. Seit vergangenem Jahr können solche Angriffe mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft werden.
  • Sexualdelikte - Hier wurden 3770 Fälle angezeigt, was einer Zunahme von 32 Prozent entspricht. Durch Änderungen im Strafrecht sei es zu mehr Anzeigen gekommen. Allein Silvester 2017/2018 gab es 38.
  • Mord und Totschlag - 40 Menschen kamen so ums Leben, 3 mehr als 2016.
  • Politisch motivierte Kriminalität - Die Statistik vermerkt 4239 Fälle, 10 Prozent weniger als 2016. Politisch motivierte Gewalttaten sanken um 36 Prozent (482 Fälle). Angriffe auf Asylunterkünfte gingen um fast 50 Prozent auf 22 fälle zurück. „Das sind immer noch 22 Fälle zu viel“, sagte Krömer. Taten im rechten Spektrum stiegen auf 1942 Fälle (plus 8 Prozent), Propagandadelikte nahmen von 736 auf 812 Fälle zu. Es wurden 172 Hass-Postings gegen Flüchtlinge erfasst. Im linken Spektrum wurden 1179 Taten registriert, ein Rückgang um 227 Fälle (minus 16 Prozent). Es gab 84 mehr Verstöße gegen das Versammlungsgesetz, insgesamt 267 Fälle.
  • Wirtschaftskriminalität - Die Fälle haben sich mit 5976 Taten mehr als verdoppelt (plus 59,3 Prozent). Dazu zählt ein Großverfahren zu Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen.
  • Aufklärung - Die Quote stieg 2017 leicht auf 44,2 Prozent (plus 2,2 Prozent). 2008 wurden noch 49,5 Prozent der Fälle aufgeklärt.
  • Tatverdächtige - Ermittelt wurden 138 036 Verdächtige. Dabei sank die Zahl der mutmaßlichen Täter unter 21 Jahren; 42,7 Prozent aller Verdächtigen waren nichtdeutscher Herkunft. Der Anteil reisender Täter sank auf 17,6 Prozent.
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