Wirtschaft

Altmaier macht Siemens-Mitarbeitern Mut

Fast 900 Jobs stehen in den Berliner Werken auf dem Spiel. Der künftige Wirtschaftsminister sucht vor Ort nach Perspektiven.

Peter Altmaier besucht das Siemenswerk in Spandau

Peter Altmaier besucht das Siemenswerk in Spandau

Foto: Reto Klar / reto Klar

Es ist kurz nach zehn Uhr, als am Donnerstagmorgen die schwarze Limousine von Peter Altmaier vor dem Tor des Siemens-Dynamowerkes in Spandau stoppt. Der CDU-Politiker und bisherige Chef des Bundeskanzleramtes öffnet die Tür und steigt aus. „Guten Morgen“, ruft Altmaier noch in der Bewegung. Viel mehr als warme Worte hat Altmaier an diesem kalten Morgen aber zunächst nicht im Gepäck. Wo man denn hinmüsse, fragt er. Nur kurz um die Ecke. Da sei dann schon die Werkshalle, antwortet der Betriebsratsvorsitzende am Standort, Predrag Savic, prompt. Mit einer Handbewegung deutet Altmaier seinem Fahrer, dass er warten solle. Den kurzen Weg könne man ja zu Fuß gehen, sagt er.

Altmaier besucht den Betrieb in einer Zeit, in der die Beschäftigten nicht nur der Kälte wegen zittern: In dem Dynamowerk im Berliner Westen plant der Siemens-Konzern Stellenstreichungen im großen Stil. Die Fertigung soll geschlossen werden. Mindestens 570 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die Gewerkschaft IG Metall geht sogar davon aus, dass die Aufgabe der Produktion das Aus für das komplette Werk mit seinen 800 Beschäftigten bedeuten würde. Auch in dem rund fünf Kilometer entfernten Gasturbinenwerk in Moabit ist die Lage kaum besser. Siemens plant dort rund 300 Jobs abzubauen. In beiden Fällen seien die Märkte eingebrochen, sagt der Konzern. Die Auftragsmenge gehe zurück.

Wandel des Industriestandorts ein Schwerpunkt der Amtszeit

Der Besuch des Politikers soll ein gewichtiges Zeichen sein. In der geplanten großen Koalition wird Peter Altmaier Wirtschaftsminister. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte den 59 Jahre alten Saarländer am vergangenen Sonntag für das Amt nominiert. Nur das noch ausstehende Mitgliedervotum der SPD-Parteibasis könnte Altmaiers Sprung auf den neuen Posten verhindern. Der Politiker selbst geht aber wohl kaum davon aus, dass die Koalition auf den letzten Metern noch platzt: Später wird Peter Altmaier bei dem Gespräch mit den Siemens-Betriebsräten einen seiner Schwerpunkte als künftiger Wirtschaftsminister erklären: den Wandel des Industriestandortes Deutschland und den Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze.

Gemeinsam mit Betriebsrat Savic, dem Berliner IG-Metall-Chef Klaus Abel und dem CDU-Bundestagsabgeordneten Kai Wegner hat sich Altmaier auf den Weg in die Betriebshalle gemacht. In einem Vorraum erklärt er, dass er vor Kurzem die Memoiren von Werner von Siemens gelesen habe. Sehr beeindruckt habe ihn das, was Siemens dort aufgeschrieben habe, sagt er. Dann biegt der Tross ab. Altmaier will in der nächsten Stunde mit Leitung und Betriebsrat des Dynamowerkes reden und erklären, warum er an die Zukunft der Siemens-Werke in Berlin glaubt und was jetzt getan werden muss. Der genaue Inhalt der Gespräche bleibt zunächst geheim.

Eine Stunde später steht Peter Altmaier in dem Büro des Betriebsrates. Auf dem Tisch sind Kaffee und Kekse vorbereitet. Altmaier rührt nichts davon an und setzt sich. „Das ist ein schöner Raum“, sagt er dann. „Vor allen Dingen, weil man Essen kochen kann.“ Alle lachen. Mittlerweile haben auch die Betriebsräte Platz genommen. Altmaier will jetzt erklären, wie er die letzte Stunde empfunden hat: Informativ und sehr gut sei das Gespräch gewesen, erzählt er. Natürlich könne er als Bundesminister nicht für einzelne Standorte sprechen, so Altmaier. Aber, sagt er dann: „Ich halte es für absolut wichtig, dass wir in Deutschland unseren Anteil an Industriearbeitsplätzen erhalten.“ Diese Jobs zu retten, werde ein zentrales Thema seiner Amtszeit sein, ergänzt er, um dann schnell nachzuschieben: „Aber ich bin ja noch nicht Bundeswirtschaftsminister.“

Doch Altmaier ist an diesem Tag gut vorbereitet. Er berichtet über den Wandel der Technologien. Aus einem Stahlwerk in seinem Heimatwahlkreis sei in den vergangenen Jahrzehnten ein moderner Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie geworden. „Dort laufen die jungen Leute jetzt mit 3-D-Brille herum“, sagt Altmaier. Das Werk sei ein Beispiel für Leistungen, die möglich seien, wenn auf vorhandenen Arbeitsplätzen und Qualifikationen aufgebaut würde, mahnt er. Um seinen Standpunkt deutlicher zu machen, lehnt sich Altmaier im Stuhl zurück, streicht über sein Hemd und hebt die Hand: „Meine Erfahrung ist“, sagt er, „es ist sehr viel schwerer, neue industrielle Kerne zu begründen, als vorhandene zu erhalten.“ Die Mitarbeiter hier, im Berliner Siemens-Dynamowerk, habe er als motiviert und qualifiziert kennengelernt. „Ich wünsche mir, dass dieses Potenzial erhalten bleibt“, sagt Altmaier. Jetzt klopfen die Betriebsräte auf den Tisch.

Danach steht der Minister auf. „Um zwölf Uhr muss ich wieder in meinem Büro im Bundeskanzleramt sein“, sagt Altmaier. Noch ein schnelles Foto. Dann ist er weg. Dynamowerk-Betriebsrat Predrag Savic ist zufrieden. „Wir haben mehr Hoffnung als vorher. Peter Altmaier wird das Wissen, das er heute mitgenommen hat, in dem einen oder anderen Gespräch platzieren können“, sagt Savic. Und weiter: „Ich hoffe, dass die Konzernleitung erkennt, wie wichtig dieser Standort ist.“ Die nächsten Sondierungen zwischen Betriebsräten und Siemens-Personalvorständen in München sind für Mitte April angesetzt.